20.11.2019 - 17:42 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Neue Obdachlosenunterkunft zu teuer?

Weiden braucht dringend eine neue Notunterkunft. Nun liegen die ersten Pläne für eine bauliche Umsetzung vor, an einem Konzept zur Wohnungslosenhilfe wird zudem gearbeitet. Beides lobt der Stadtrat, aber es kommen auch Fragen auf.

Diese Baracken sollen weichen. Stattdessen soll eine Apartmentanlage für Obdachlose entstehen.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Obdachlosigkeit in Weiden ist und bleibt ein Thema. Das zeigen auch die Zahlen des Sozialdezernenten Wolfgang Hohlmeier, die er am Montag zum Thema Neubau Notunterkunft dem Stadtrat vorlegt. Demnach gibt es aktuell 45 Obdachlose in der Stadt.

33 sind in der Notunterkunft in der Schustermooslohe untergebracht. Weitere 12 leben in von der Stadt bei der SGW angemieteten Wohnungen, einer Schlichtwohnung (4 Personen), einer Frauennotwohnung (4) sowie einer Individualwohnung (4). Vier weiteren Personen droht nach Informationen der Stadt die Obdachlosigkeit, bei fünf liefen Zwangsräumungen. Zudem existiere eine Dunkelziffer von Menschen, die zwar wohnungslos sind, dies aber nicht anzeigen. Das Sozialamt nennt sie "Sofa-Surfer", weil sie von einer Schlafmöglichkeit zur nächsten ziehen.

"Handlungsdruck ist also da", sagt SPD-Fraktionschef Roland Richter. Nicht nur, weil die Notunterkunft teils aus den 30er Jahren stammt und eine Unterbringung im Winter gesundheits- bis gar lebensbedrohlich ist. Zudem würden die anderen Unterkünfte aus Sanierungsgründen laut Bericht der Stadtverwaltung obendrein mittelfristig wegfallen.

Inklusive sozialer Kontrolle

Was dafür alternativ entstehen könnte, erörtert Bau- und Planungsdezernent Oliver Seidel dem Gremium. Auf 930 Quadratmetern Hauptnutzfläche könnten in zweistöckiger Bauweise mit Fertigbeton-Platten insgesamt 26 Apartments (Zwei- und Vier-Bett-Varianten) mit einer Ausstattung, die starker Beanspruchung standhält, sowie diverse Betriebs- und vereinzelt Gemeinschaftsräume entstehen. Eine Grobskizze zeigt, damit würden zwei Drittel des vorhandenen Grundstücks genutzt.

Die Apartments positionierten sich um einen kommunikationsfördernden Hof. Die Lage des Verwaltungs- und Hausmeistergebäudes erlaube einen Blick zu fast allen Apartmenteingängen - auch für die Bewohner. So könne Konfliktsituationen schnell begegnet werden. "Gegenseitige soziale Kontrolle und die Förderung des Zusammenlebens sind ebenso wichtig wie Individualraum." Und: Es solle möglichst betriebskostenminimierend gebaut werden.

Unterm Strich mache das grob überschlagene Kosten von 4,1 Millionen Euro für die Anlage. Der Quadratmeterpreis liege bei 4400 Euro für die Gesamtbaumaßnahme, inklusive Abriss und Installation der Außenanlagen, oder 3300 Euro reine Baukosten pro Quadratmeter.

Sozialer Wohnungsbau ist billiger

Das erscheint im Vergleich zu sozialen Wohnungsbaukosten oder mit Kosten für den Bau von Eigentumswohnungen teuer, weiß CSU-Stadtrat und Architekt Karlheinz Beer. Erste kritischen Stimmen habe er dazu schon gehört. Er als Fachmann aber widerspricht.

Die Kosten beinhalteten schließlich den Abbruch der bestehenden Notunterkunft, die Errichtung der Außenanlagen, die Honorare sowie die sehr robuste Ausstattung. So werden möglichst viel Edelstahlflächen in der Küche verbaut, Betten mit feuerverzinktem Stahlrahmen in Wände eingemauert, sowie vollwandige und hochdrucklaminatbeschichtete Türblätter installiert, die höchster Beanspruchung standhalten. Statt Heizkörper, die mitunter aus der Verankerung gerissen werden können, gibt es eine Fußbodenheizung.

Lob für Verwaltung und "Initiative"

Sozialhilfe- sowie Bauausschuss sollten sich nun um die Konkretisierung des Vorhabens bemühen, schlägt Seidel vor. Damit sind alle Stadträte einverstanden, sie loben obendrein die fachlich sehr gute Vorarbeit von Bau- und Sozialdezernat sowie die von der "Initiative", dem Verein für Obdachlosenhilfe, um Vorsitzende Ursula Barrois.

Die wichtigsten Fragen zur neuen Obdachlosenunterkunft:

Viele Fragen zur neuen Obdachlosenunterkunft

Einstimmig verabschieden die Räte das weitere Prozedere für die neue Obdachlosenunterkunft. Trotzdem tauchen viele Fragen auf. Die wichtigsten im Überblick:

• Florian Graf (SPD): Gibt es Fördermöglichkeiten? Notunterkünfte fielen nicht unter reguläre Fördertatbestände, sagt Baudezernent Oliver Seidel. "Aber eventuell können wir bei Sondertöpfen kreativ sein."

• Karl Bärnklau (Grüne): Wo sollen die Menschen während der Bauphase hin? "Ein sukzessives Vorgehen mit Bauabschnittsbildung ist ein Muss. Das Grundstück ist groß genug", so Seidel.

• Roland Richter (SPD): Sollen auch Familien mit kleinen Kindern künftig in der Notunterkunft untergebracht werden? "Ich denke, Familien in der Schustermooslohe, das wird funktionieren", sagt Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier. Es werde ja mit einer Art Wohnsiedlung ein ganz neues Bild entstehen. Und eine dezentrale Unterbringung erschwere Beratung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

• Karl Bärnklau (Grüne): Stellt eine spätere Entsorgung der Baumaterialien ein Problem dar? "Eine ökologische Bauweise ist ein wichtiger Punkt", entgegnet Seidel. "Aber sie steht im Spannungsfeld mit der nötigen Robustheit für eine Obdachlosenunterkunft." Die Betonfertigbauteile hätten sich im Vergleich zur Holzständerbauweise bewährt, weil sie auch mit Blick auf Vandalismus weit langlebiger wären. "Auch das ist eine Form der Nachhaltigkeit", findet Seidel.

• Bärnklau und Karlheinz Beer (CSU): Inwiefern erhöht der Bau von Einzelhäusern den Energiebedarf? Seidel verweist auf eine reine Grobkonzeptionierung: "Darin steckt vor allem energetisch noch Potenzial zur Optimierung."

• Karlheinz Beer: Kann ein Architekten-Wettbewerb "für noch intelligentere Lösungen" ausgeschrieben werden? Seidel sieht ein Für und Wider. Das Auftragsvolumen mit vier Millionen Euro könnte großen Büros zu wenig sein. Andererseit mag es vielleicht aus kleineren Büros Innovationen herauskitzeln.

• Karlheinz Beer: Können die Bauleistungen von hiesigen Firmen erledigt werden? Auf jeden Fall soll laut Seidel dem Wunsch Beers entsprochen werden, die Bauleistungen so aufzuteilen, dass bei einer Ausschreibung hiesige Firmen zum Zug kommen können.

Die ersten Pläne für die neue Notunterkunft

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