09.08.2019 - 10:20 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Hausbesuch beim Kiss-Superfan

Nicht nur ein Zimmer seines Hauses hat Thorsten Hergesell seinen Idolen gewidmet, sondern im Grunde sogar sein Leben. "Ich lebe Kiss", sagt der 42-Jährige. Das ist weder leicht noch billig. Doch den Superfan kann gar nichts schrecken.

von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Eigentlich, so verrät er irgendwann, habe er uns die Haustür mit Gene-Simmons-Maske öffnen wollen. Zwei Reaktionen wären in so einem Fall denkbar: Entweder die Besucher laufen angesichts des Schockrock-Dämons schreiend davon, oder sie fallen tot um. Beides nicht so günstig, wenn es doch gilt, Sympathien für ein ausgefallenes Hobby zu wecken. Also ging die Tür des Häuschens am Weidener Hammerweg auf, und vor uns stand ein netter Kerl mit freundlich lächelndem Lausbubengesicht, mit Kiss-Sweatshirt und Kiss-Hausschuhen. Gestatten: Thorsten Hergesell, 42, Kiss-Fan.

Fan? Eine glatte Untertreibung. Das ahnt der Gast bereits, wenn er Hergesell die Treppe hinauf ins Dachgeschoss folgt. An den Wänden gerahmte Bilder: Hinten die vier Kiss-Mitglieder in voller Montur – vorne in der Mitte Thorsten. Mehrmals hat er seine Idole getroffen, vor Konzerten hinter der Bühne oder auf "Kiss Kruises" – teuren Schiff-Kreuzfahrten mit der Band. Bei solchen Zusammenkünften ist er ein alter Hase, der jüngeren, aufgeregten Gleichgesinnten gerne Tipps gibt: Ruhig Blut, Jungs, ihr müsst das genießen. Du willst ein Selfie mit Paul Stanley? Dann bedränge ihn nicht. "Sonst geht gleich die Security dazwischen." Er selbst sei ohnehin eher der zurückhaltende Typ, erzählt Hergesell. So scharf er auf Bilder und Autogramme ist – "ich will mir nichts erbetteln".

Die Treppe führt zu Hergesells Kiss-Zimmer. Er nennt es selbst so, aber auch das ist natürlich extrem untertrieben. Es ist ein Museum, randvoll mit Kiss-Memorabilia: Kiss-Fotos, Kiss-Handtücher, Kiss-Gitarren und Goldene Kiss-Schallplatten an den Wänden, Kiss-Puppen im Regal, Kiss-Bierdosen und -flaschen auf der Vitrine, unter anderem eine seltene Kiss-Bowlingkugel drinnen. Kiss-Bleistifte von 1978, "die inzwischen 120 Dollar wert sein dürften". Kiss-Kissen auf dem Sofa, ein "Kiss"-Abfalleimer davor - "original aus Amerika, den gab's bei uns nicht". Der Hausherr steht mit Kiss-Hausschuhen auf einem "Psycho Circus"-Teppich, dem Cover-Motiv des Kiss-Albums von 1998. Natürlich habe er auch Kiss-Unterwäsche, räumt er ein, und im Winter schlafe er im Kiss-Schlafanzug. Bei seiner Hochzeit trug er eine Kiss-Krawatte. "Es fasziniert mich eben, Kiss zu leben."

Es ist kein billiges Leben. Schließlich sind Kiss die wohl geschäftstüchtigste Band der Welt, die ihr Logo und ihre Fratzen auch schon mal auf Zahnbürsten ("Bei Kontakt mit den Zähnen ertönt ,Rock and Roll all nite‘") und Minigolf-Bällen ("Die habe ich vom Kiss-Minigolf-Platz in Las Vegas mitgenommen") drucken lässt. Und der Fan sammelt schlicht alles – oder versucht es zumindest. Hergesell bezieht seine Schätze von mehreren Kiss-Internet-Warenhäusern, in denen es von signierten Trommelfellen bis hin zu Trümmern von Paul Stanleys zerdepperten Gitarren alles gibt. Auf Facebook tauscht er sich mit ähnlich fanatischen Fans aus aller Welt über interessante Neuerscheinungen aus. Eine seiner jüngeren Errungenschaften: eine "Hello Kitty"-Puppe im Spaceman-Design. "Die wurde nur in Japan verkauft." Sein größter Stolz: ein Kiss-Comicheft von 1978. Der Druckerfarbe waren damals echte Bluttropfen der vier Musiker beigemischt.

Hergesell selbst hat 1996 Blut geleckt. Damals war er Fan von Speed-Metal-Bands wie Slayer. Bis zum 17. August 1996, als er mit Freunden das "Monsters of Rock"-Festival im englischen Donnington besuchte. Kiss waren die Headliner. Stroboskop-Blitze, Rauchsäulen, Feuerwerk – "und plötzlich standen sie auf der Bühne". Thorsten Hergesell war völlig überwältigt. Bis zum Bruch der Original-Besetzung 1999 sah er Kiss noch 16 Mal live, bis heute insgesamt "45einhalb Mal" (das halbe Mal ist das vor kurzem wegen Unwetters abgebrochene Konzert in Iffezheim). Darunter auch eher intime Unplugged-Auftritte auf den Kiss-Kreuzfahrten, von denen der Weidener mit seiner Frau Katja bisher vier mitgemacht hat. Die fünfte folgt im Oktober, wenn Thorsten eine Operation an der Schulter auskuriert hat. Kostenpunkt: je 3000 Euro. Ein VIP-Ticket für ein Konzert mit Backstage-Treffen kostet bis zu 1500 Euro. Wie gesagt: Das Leben mit Kiss ist kein billiges.

Die Gattin lebt es mit, nicht so leidenschaftlich wie ihr Mann, aber sie begleitet ihn gerne auf Konzerte und "Kruises" oder an Original-Kiss-Schauplätze wie in New York. Falls es Stress wegen allzu hohen Ausgaben für Kiss-Artikel gibt, erinnert Thorsten seine Katja (wohl nur halb im Scherz): "Meine Beziehung mit Kiss besteht länger, die waren vor dir da." Wie viele Stücke seine Sammlung inzwischen umfasst, kann Hergesell noch nicht mal schätzen, auch nicht, wie viel sie wert ist. Er lenkt den Blick auf ein Detail – ein Album, in dem er benutzte Gitarrenplättchen der Kiss-Musiker wie Briefmarken aufbewahrt. Allein die erste Seite mit Plektren von 1978 dürfte rund 2000 Euro wert sein. Insgesamt hat er etwa 3000 Plektren – ein paar davon selbst erhascht auf Kiss-Konzerten.

Dem "Metal Hammer"-Magazin war die Sammlung des Weideners 2015 eine zweiseitige Reportage wert. Dabei liefert er Stoff für ein ganzes Buch. Zum Beispiel mit der Episode, wie er zu den eintätowierten Kiss-Autogrammen auf seinen Unterarmen kam: Bei einem "Meet & Greet 2013" holte er sich an einem Mittwochabend die Unterschriften, am Donnerstagabend war er zurück in Weiden, am Freitagvormittag ließ er sich die Tattoos stechen – um sich dann Freitagmittag auf den Weg zum nächsten Kiss-Konzert zu machen.

Warum muss er die 46-jährige Band eigentlich immer wieder sehen? "Die spielen doch immer das Gleiche", halten ihm Kumpel vor. "Ja, es sind die selben Lieder", antwortet der 42-Jährige dann. "Aber jedes Konzert ist anders. Mit jedem sind andere Erinnerungen verbunden." Zum Beispiel an Erfurt 1999, als die Lautsprechertürme einstürzten. Oder heuer in Hannover, wo die Stimmung unter den Fans schlicht genial gewesen sei. Ähnlich verhält es sich mit vielen der Exponate im Zimmer: Es geht dem Weidener nicht nur um den materiellen Besitz, an vielen Stücken hängen Erinnerungen und schon mal spannende Geschichten.

Auf der laufenden Kiss-Abschiedstour will Thorsten Hergesell seine Idole noch vier Mal erleben, dann hätte er 50 Konzerte komplett. Was danach kommt? Das angekündigte Konzert-Ende seiner Idole nimmt der Superfan gelassen. "Es kann ja nicht ewig so weitergehen", sagt er mit Blick aufs fortgeschrittene Alter der Original-Mitglieder – Zungenblecker Simmons wird am 25. August 70 Jahre alt. In anderer Form aber "wird es Kiss immer geben. Sie haben ja auch nur gesagt, dass sie nicht mehr touren, nicht, dass sie aufhören."

Und auch all dieses Zeugs zum Sammeln wird nie zur Neige gehen. Ganz oben auf Thorstens Wunschzettel: ein Kiss-Plattenspieler und eine Kiss-Spielzeuggitarre von 1978. "Alles nur Plastik. Herstellungkosten ein Euro", vermutet der Weidener, "Preis 300 Euro." Und der Wert? Für den Kiss-Fan selbstverständlich unschätzbar.

Info:

Thorsten Hergesell über ...

... seinen Lieblingssong: "Deuce" - es war 1996 der erste, den er von "Kiss" live hörte. Das Konzert beim "Monsters of Rock"-Festival veränderte sein Leben.

... sein Lieblings-Album: "Alive" von 1975. "Weil Kiss für mich Live-Musik ist."

... seinen Lieblings-Kiss: "Der Spaceman. Er ist der Verrückte, der Durchgeknallte. Das hat mich immer fasziniert."

... sein Lieblings-Konzert: Unplugged auf der "Kiss Kruise" 2018. Weil auch Gründungsmitglied Ace Frehley für ein paar Songs mit von der Partie war.

... Paul Stanley: "Er kann schon mal eine Diva sein."

... Gene Simmons: "Er nimmt sich viel Zeit für die Fans."

... Tommy Thayer: "Ein netter Kerl, sehr zurückhaltend. Als ich ihm mein Thayer-Tattoo gezeigt habe, meinte er nur ,Wow‘. Es war ihm fast peinlich."

Der Autor über seine eigene Kiss-Vergangenheit

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