19.05.2020 - 20:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Henny Brenner: Angriff auf Dresden war ihre Rettung

Mit der Weidenerin Henny Brenner ist eine Zeitzeugin der Verfolgung im Nazi-Regime gestorben. 2015 berichtete sie in einem Interview, wie sie im Chaos nach dem Bombenangriff auf Dresden den Schergen entkam.

Die Weidenerin Henny Brenner (1924-2020) hat die Geschichte ihrer Verfolgung und Rettung in Schulen und einer TV-Dokumentation geschildert. Auch in einem Buch hat sie Ihre Erinnerungen niedergeschrieben.
von Stefan Zaruba Kontakt Profil

Alliierte Bomber fliegen Dresden an. Henny Brenner, geborene Wolf, und ihre jüdische Mutter fürchten aus einem anderen Grund um ihr Leben: Sie sollen deportiert werden. Noch nach Jahrzehnten erzählte die Weidenerin an Schulen von ihren Erlebnissen in der Nazi-Zeit und vom Inferno, das ihre Rettung war.

ONETZ: Sie hatten in Dresden noch keinen Bombenangriff erlebt.

Henny Brenner: Es gab mal kleine Angriffe. Es wurden ein paar Häuser beschädigt, aber es war kein Angriff in dem Sinne. Leipzig, Chemnitz – alle Städte hatten schon Angriffe.

ONETZ: Sehr nahe eigentlich...

Henny Brenner: Ja, Dresden hat geglaubt, es kommt so davon.

ONETZ: Auch durch die Lage sehr weit im Osten.

Henny Brenner: Es war eine wunderschöne Stadt, natürlich mit viel Kunst. Aber nicht das allein. Es gab auch kleine Munitionsfabriken in Hinterhöfen, Rüstungsfabriken. Und Dresden an sich war die Hochburg der Nazis. Warum, weiß ich nicht. Aber ich habe damals schon gesagt: Nirgends ist die Gestapo, die Geheime Staatspolizei, so scharf wie in Dresden.

ONETZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass sogar nach dem Bombenangriff offenbar die wichtigste Aufgabe der Gestapo war, die verbliebenen Juden zu suchen.

Henny Brenner: Ja, da haben sie keine Ruhe gegeben. Die hatten selbst bestimmt Verletzte, Tote, und ihre Häuser eingebüßt, aber sie hatten immer noch im Kopf, die paar eventuell versteckten Juden aufzuspüren.

ONETZ: Wie muss man sich die Situation vor dem Angriff vorstellen? Sie hatten einen Deportationsbescheid am 13. Februar bekommen. Was hätten Sie getan, wenn der Angriff nicht gekommen wäre?

Henny Brenner: Meine Mutter heulte. Mein Vater hatte einige Ideen. Er hat gesagt: "Wir werden uns unter einen Flüchtlingszug mischen." Es kamen ja schon solche gezogen Richtung Dresden. "Wir reißen uns den Stern runter von der Kleidung und sagen, wir haben die Papiere verloren." Das war eine Variante. "Oder", hat er gesagt, "uns könnte nur ein großer Angriff retten".

ONETZ: Was aber nicht sehr wahrscheinlich war.

Henny Brenner: Die Worte meiner Mutter werde ich nie vergessen: "Ja, es wird gerade heute einen Angriff geben. Dresden hat noch nie einen gehabt." Er hat nichts geantwortet.

ONETZ: Es war eher ein Strohhalm, ein Fünkchen Hoffnung des Vaters.

Henny Brenner: Er hatte einen Kreis um sich. Das waren Leute, die im Widerstand waren, Ärzte, die sich heimlich getroffen haben in der Praxis von Dr. Fetscher. Er hat uns heimlich mit Medikamenten versorgt. Wenn er nicht gewesen wäre, würde ich nicht hier sitzen. Der Vater hat nie darüber groß geredet, und ich glaube – im Nachhinein ist man ja immer gescheiter – die haben BBC gehört. Es ist noch etwas: Die Bonzen, die Nazis haben das gewusst, dass in den nächsten Tagen ein Angriff kommt auf Dresden. Mutschmann, der Statthalter, ein ganz scharfer Nazi, der in einer geraubten einstmaligen jüdischen Villa wohnte, hatte ein paar Tage vorher die Bilder und Teppiche, die ihm gar nicht gehörten, abtransportieren lassen.

ONETZ: Dann kam der Vorabend des Angriffs.

Henny Brenner: Mein Vater hat sich, was er nie gemacht hätte, an diesem Abend mit den Kleidern ins Bett gelegt. Da haben wir gedacht, er ist durch diesen Deportationsbefehl so konfus geworden. Nein, nein, im Nachhinein hab ich mir gedacht, er hat etwas gewusst.

ONETZ: Ihr Vater wäre nicht mit deportiert worden.

Henny Brenner: Nein, er nicht. Er sagte: "Wir bleiben zusammen. Entweder wir gehen gemeinsam unter oder wir überleben es." Man hat ja gewusst, dass der Krieg zu Ende geht. Es waren ja schon die letzten Züge. Und dann heißt es immer in der Bevölkerung, besonders in der Dresdener, die seien ja die Opfer: "Warum haben sie Dresden noch bombardiert, es war doch schon zu Ende?" Da sage ich: Stimmt, warum haben sie nicht kapituliert? Es war doch schon zu Ende. Haben sie doch gewusst. Alle! Nein, da hat man noch Jungs eingezogen, halbe Kinder; ganz alte Männer auch. Es hätten noch manche Soldaten, viele Menschen – ich rede jetzt nicht von Juden – überleben können. Nein, sie haben nicht kapituliert. Sagt nicht immer wieder: "Warum?" Wer hat denn angefangen? Was ist denn mit Coventry, und was ist mit Warschau?

ONETZ: In der Nacht nach dem 13. Februar kam nun der Angriff.

Henny Brenner: Der Vater lag im Bett, die Sirenen heulten. Für uns war es verboten, in den Keller zu gehen. Die Juden sollten oben verbrennen.

ONETZ: Sie hatten, wie Sie in Ihrem Buch geschrieben haben, einen freundlichen Luftschutzwart.

Henny Brenner: Er hatte dafür zu sorgen, dass Sandsäcke da waren und Eimer mit Wasser. Er war ein älterer Mann, der nicht eingezogen worden war, der dann zu uns kam, klingelte und sagte: "Bitte, Familie Wolf, kommen Sie in den Luftschutzkeller. Dieses Mal ist es kein blinder Alarm. Die haben schon ihre Ziele abgesteckt." Mein Vater sagte, wir dürften doch nicht in den Keller. Er sagte: "Bitte kommen Sie." Also, der war in Ordnung. Dann bekam das Haus eine Brandbombe.

ONETZ: Ihre Wohnung brannte.

Henny Brenner: Die Fensterscheiben waren kaputtgegangen. Es hingen die Gardinen draußen. Der Vater ging noch mal hoch. Er wollte Papiere holen. Und er kam auch wieder runter und hatte die Mappe mit den wichtigen Papieren. Dann sagte er: "Reißt Euch den Stern runter." Meine Mutter und ich hatten ja immer das Ding dran. Das haben wir gemacht. Ich habe es in die Schuhsohle gelegt. Und dann raus aus dem brennenden Haus.

ONETZ: Sie haben sich Richtung Elbe zurückgezogen.

Henny Brenner: Ja, und da kam der zweite Angriff. Da sind wir in ein fremdes Haus hinein, wo wir nicht wussten, wo der Luftschutzkeller und der Notausgang sind. Mein Vater war der einzige Mann, und alle schrieen. Mein Vater hat sie beruhigt. Er war kein sehr religiöser Mensch, aber ich weiß, dass er gesagt hat: "Haben Sie Gottvertrauen. Der Keller wird halten." Wir sind später durch ein Kellerfenster rausgekrochen und wieder losmarschiert. Es wurde dann auch schon Tag; nein es wurde kein Tag, es war schwarz. Es wurde nicht taghell. Dann sind wir Richtung Elbwiesen. Um Gottes Willen! Ein Bein hing an einem Baum. Ein Arm lag auf einem Zaun. Menschen kamen an, die den Verstand verloren hatten. Es war grausam. Wir hatten keine Freude, aber immer nur den einen Gedanken: Wir brauchen nicht zu der Deportation.

ONETZ: Wann wurde Ihnen klar, dass es genau diesen Lichtblick gab, dass Sie überleben könnten?

Henny Brenner: In dem Moment, als es hieß: Dresden hat einen richtigen Angriff.

ONETZ: Den Angriff zu überleben war Glückssache.

Henny Brenner: Der Vater hat gesagt: "Lieber eine Bombe auf den Kopf, als in ein KZ." Wir waren genauso gefährdet wie alle. Bei uns kam noch die andere Sache hinzu. Die Angst, sie könnten doch noch nach uns suchen. Die Angst war immer das Schlimmste.

ONETZ: Bei dem Angriff sind auch viele der letzten verbliebenen Juden umgekommen.

Henny Brenner: Es gab ein Judenhaus in der Nähe der zweiten Fabrik, in der wir arbeiteten. Nicht weit von der Synagoge entfernt. Ich kenne viele Familien, die dort zusammengepfercht lebten. Die haben gesagt: "Wenn ihr Nachtschicht habt und es kommt ein Angriff, rennt schnell zu uns in den Keller, der ist ganz fest." Natürlich hat er gehalten: Sie sind nicht rausgekommen und elend erstickt. Es müssen zirka 40 Personen gewesen sein.

ONETZ: Sie haben in den Wochen, bis die Russen gekommen sind, auch Tür an Tür mit einem SA-Mann gelebt.

Henny Brenner: In diesem Haus hat sich jeder, der keine Wohnung mehr hatte, ein Zimmer geschnappt. Wir hatten keine Lebensmittelkarten, wir waren ja nicht mehr gemeldet. Mein Vater war gemeldet. Er ging dann los wegen Lebensmittelkarten. Meine Mutter und ich sind ein Viertel Jahr nicht aus dem Haus. Auf einmal sehen wir: Da kommt eine Familie, zwei Kinder in Hitler-Uniform, der Vater in SA-Uniform, mit Handwagen, und geht zielstrebig auf unser Haus zu. Mein Vater war immer Optimist, aber da hat er gesagt: "Bis hierher haben wir durchgehalten, und jetzt das!" In der Nacht, bevor die Russen einmarschierten, haben die ihre Uniformen zerschnitten und im Küchenofen verbrannt. Als es früh wurde, und die Russen da waren, kam er meinem Vater lallend entgegen: "Ich hab eine jüdische Großmutter." Ich war wütend und habe zum Vater gesagt, ich melde die den Russen. "Nein, das machst Du nicht. Die Kinder können gar nichts dafür."

ONETZ: Eine Nacht haben Sie in einer Ruine verbracht.

Henny Brenner: Ja, weil die Russen nachts kamen. Die hatten zwei Worte: "Matka" und "Vodka". Die haben mich gesehen und sagten "Matka" und wollten mich auf den Wagen zerren. Die Russen waren ganz einfache Burschen, arme Teufel. Ich konnte kein Russisch, ich habe nur zwei Worte gesagt: "Je evrej – ich jüdisch". "Nix evrej, Hitler alle kaputt. Du Spion!" Ich bin an sich auch nicht sehr religiös, aber ich habe als Kind Hebräisch gelernt und beten. Mein Vater wollte auf den Russen losgehen. Und da habe ich laut gebetet: "Sch'ma jisrael..." Und da löste sich ein Offizier, ein jüdischer, der hat es verstanden. Ich habe mehr als einmal Glück gehabt.

Nachruf von Dr. Jörg Skriebeleit

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Haben Sie jemals nach dem Krieg einen der besonders aktiven Nazis wiedergetroffen?

Henny Brenner: Nein, keinen. Die sind teilweise untergetaucht. Viele sind natürlich auch umgekommen. Die waren ja auch alle gar keine Nazis mehr. Eine alte Bekannte wollte mich vor einigen Jahren in Dresden treffen. Es gab eine große Umarmung. Und dann fängt sie an zu weinen: "Ich hab Dir was zu sagen, das drückt mich mein ganzes Leben schon. Ich hab Dich mal im Jahr '42 laufen sehen. Du hattest den gelben Stern und ich bin so erschrocken. Ich war auf der anderen Straßenseite und bin nicht zu Dir gekommen. Das kann ich mir nicht verzeihen." Ich hab zu ihr gesagt: "Hör auf zu weinen. Wenn Du auf mich zugekommen wärest und wir hätten uns umarmt oder nur gesprochen miteinander, dann würden wir beide heute nicht hier sitzen."

ONETZ: Sie sind jetzt 90 Jahre alt.

Henny Brenner: Hätte ich nie geglaubt. Es hat Zeiten gegeben, da hab ich gedacht, ich erlebe den nächsten Tag nicht mehr.

ONETZ: Sie erzählen Ihre Geschichte noch an Schulen. Haben Sie Angst, dass in 10, 15, 20 Jahren niemand mehr aus der Erlebnisgeneration berichten kann?

Henny Brenner: Natürlich. Ich sage Schülern oft: Ihr müsst kein Buch nachlesen, ihr bekommt jetzt jemanden zum Anfassen. Ihr könnt fragen. Ihr bekommt kein so grausames Schicksal – ich war nie im KZ. Mein Schicksal hat sich hier abgespielt vor den Augen der Deutschen. Es soll mir niemand meiner Generation sagen, sie haben's nicht gewusst. Sie haben uns doch laufen gesehen mit dem gelben Stern.

ONETZ: Wie erleben Sie die Schüler?

Henny Brenner: Sehr interessiert. Ich habe noch nie irgendetwas Ärgerliches gehört. Sie fragen ganz gute Fragen. Es kommt natürlich aufs Alter an und auf die Schule. Und sie bedauern, dass sie so wenig wissen.

 

 

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