12.01.2022 - 17:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Impfskandal um Chefarzt: Staatsanwalt befürchtet mehr Fälschungen

Ein Chefarzt am Weidener Klinikum hat seinen Impfpass manipuliert. Es könnte nur die Spitze des Eisberges sein. Über die Methoden der Fälscher, einen wachsamen Apotheker und mögliche Nebenwirkungen der Impfpflicht.

Ein Weidener Chefarzt hatte mit gefälschtem Impfpass gearbeitet, bis er aufflog. Der mit dem Fall betraute Oberstaatsanwalt glaubt, dass die Fälle zunehmen, sobald die einrichtungsbezogene Impfpflicht gilt.
von Florian Bindl Kontakt Profil

"Manch einer lässt sich durch den Druck vielleicht doch noch impfen", sagt Gerd Schäfer. "Andere greifen zu illegalen Methoden und begehen eine Straftat." So wie der Chefarzt am Weidener Klinikum, der wohl mit gefälschtem Impfzertifikat gearbeitet hat. Schäfer ist leitender Oberstaatsanwalt im Fall des mutmaßlichen Impfpass-Betrügers. Der Arzt räumt laut Schäfer die Tat ein. Einen Tag nachdem der Fall publik wurde, sind aber viele Fragen offen. Lässt sich ein Impfpass wirklich so leicht manipulieren? Wird die Zahl der Betrüger bei einer Impfpflicht zunehmen? Und wie reagieren die Mitarbeiter im Klinikum auf den Fall?

Auf welche Weise der Arzt seinen Impfpass genau gefälscht hat, darüber gibt die Staatsanwaltschaft noch keine Auskunft. Aber: Schäfer hat mit solchen Straftaten Erfahrungen. Der Chefarzt sei keineswegs ein Einzelfall. 40 Verfahren zu gefälschten Impfpässen laufen derzeit in seinem Zuständigkeitsbereich, der die Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth sowie die Stadt Weiden umfasst. Quer durch alle Berufsgruppen. In der Regel, sagt Schäfer, komme der Hinweis aus dem privaten Umfeld der Täter. Es schöpfe etwa jemand Verdacht, der weiß, dass die betreffende Person "eigentlich sicher ungeimpft sein müsste" und dann doch ein scheinbar gültiges Zertifikat vorzeigen kann. "Bei einem Verdacht findet eine Durchsuchung statt", erklärt Schäfer. Der Verdacht beim Weidener Chefarzt kam ebenfalls in dessen persönlichem Umfeld auf.

Apotheken als Schnittstelle

Wie lässt sich der Nachweis nun überhaupt fälschen? Dafür brauche es einen Spezialisten, der im gelben Impfpass die Eintragungen erstellen kann. "Je nach dem, wie gut der ist, kann das durchaus echt aussehen", bestätigt Schäfer. Dann folgt der entscheidende Schritt: Der Betrüger geht mit dem gefälschten Impfpass zur Apotheke und lässt sich ein digitales Zertifikat ausstellen. Also den Zettel mit QR-Code, über den sich die vermeintlichen Impfungen schließlich in eine App einbuchen lassen. Der digitale Code erscheint dann korrekt. Wer ihn an der Restauranttüre oder am Eingang des Klinikums überprüft, wird nichts merken. Sind es also die Apotheker, die Impfpass-Fälschungen aufspüren müssen?

Andreas Biebl stellt "an guten Tagen", wie er sagt, über 50 Impfzertifikate aus. Der Leiter der Weidener Mohren-Apotheke braucht dafür den Impfpass des Kunden und seinen Personalausweis. Er kennt die Tricks der Fälscher und weiß, worauf er achten muss. Aber er sagt auch: Zweifelsfrei überprüfen lässt sich eine perfekte Fälschung nicht. "Es gibt keine Checkliste, die wir abarbeiten." Aber Anhaltspunkte. Sind im Impfpass ausschließlich die Corona-Impfungen eingetragen? Gibt es Seiten mit hellerer Farbe? Will der Kunde ein Zertifikat für scheinbare Impfungen, die schon lange zurückliegen?

Nur die Spitze des Eisbergs?

Eine technische Hilfe, um Fälschungen aufzudecken, gibt es auch. Biebl trägt stets die Chargen-Nummer in ein Programm ein, das Alarm schlüge, wenn die Nummer erfunden wäre oder nicht zum Datum der Impfung passen würde. Dass jemand den QR-Code selbst erstellen könnte, das glauben weder Biebl noch Oberstaatsanwalt Schäfer. Seitdem es strafbar ist, ein gefälschtes Covid-Impfzertifikat vorzuzeigen, habe Biebl allerdings kaum noch Fälle in seiner Apotheke gehabt. Dass es weiterhin Fälscher gibt und geben wird, daran zweifelt er keineswegs. "Gut möglich, dass der Chefarzt nur die Spitze des Eisberges ist", sagt er. Der Fall sei "sehr bedenklich".

Hinzu kommt, dass ab Mitte März die sogenannte einrichtungsbezogene Impfpflicht ansteht. Mitarbeiter, etwa in medizinischen Betrieben, müssen dann geimpft sein, um weiter dort arbeiten zu können. Hier kommt wieder das Thema Druck ins Spiel. Sinkt damit auch die Hemmschwelle, beim Impfpass zu betrügen? "Diese Befürchtung habe ich", sagt Oberstaatsanwalt Schäfer klar. Vor die Wahl gestellt, sich doch impfen zu lassen oder zu fälschen, "da entscheidet sich der ein oder andere dafür, etwas Illegales zu machen. Das liegt in der Natur der Menschen."

Zögern bis zur Pflicht

Solange es keine allgemeine Impfpflicht gibt, bleibt noch die Möglichkeit, den Beruf zu wechseln. Dazu scheinen bei den Kliniken Nordoberpfalz einige Mitarbeiter bereit, wie Bernhard Herzog bestätigt. Er ist als Betriebsrat für den Standort Weiden zuständig. Gegenüber Oberpfalz-Medien stellt er klar, zum Fall des Chefarztes nichts sagen zu wollen. Von Mitarbeitern bekomme er aber in den letzten Wochen immer mehr Anrufe. "Es gibt massive Hardliner, die sagen: 'Ich lasse mich nicht impfen, lieber höre ich auf.' Das zieht sich durch alle Berufsgruppen bei uns." Derzeit spiele der Impfstatus im Betrieb nur beim Testkonzept eine Rolle. Ab Mitte März droht ungeimpften Mitarbeitern aber die Kündigung. Es sei denn, medizinische Gründe sprechen gegen eine Impfung.

Wie viele Mitarbeiter der Kliniken AG noch ungeimpft sind und davon betroffen wären, dazu machte die Pressestelle keine exakten Angaben. Rund 2000 Mitarbeiter seien durch die Betriebsmedizin geimpft worden. Insgesamt dürfte die Zahl höher sein. Für das Unternehmen arbeiten mehr als 3000 Menschen. In den kommenden Wochen wolle man den Impfstatus aller Mitarbeiter erfassen - eben wegen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht. Zur genauen Anzahl der ungeimpften Mitarbeiter ist also nur eine Annäherung möglich. Aber: "Einige zögern die Impfung raus, so lange es irgendwie geht", sagt Herzog. Der Druck steigt.

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