15.05.2021 - 11:33 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Durch das Internet ist sexuelle Belästigung omnipräsent

Durch das Smartphone ist man immer erreichbar - auch für sexuelle Belästigung. Zwei Sozialpädagoginnen der Beratungsstelle Dornrose berichten, was das mit Frauen machen kann - und sie erklären, was sich in der Gesellschaft ändern muss.

Die Beratungsstelle Dornrose in Weiden bietet Hilfe bei sexueller Belästigung.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Soziale Medien und neue Kommunikationsmittel führen dazu, dass Frauen nirgends vor sexueller Belästigung sicher sind. Das wird im Gespräch mit Elisabeth Scherb und Juliane Mahler von Dornrose, der Fach- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt in Weiden, deutlich. Sexuelle Belästigung im Internet ist als eine Form von digitaler Gewalt, wie der Überbegriff lautet, omnipräsent.

Wer auf der Straße belästigt wird, kann nach Hause gehen und sich so aus der Schusslinie nehmen. Gleiches gilt für Vorfälle im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz: Die Tür zum eigenen Heim wirkt – zumindest physisch – als Schranke.

Facebook, Instagram oder Whatsapp machen es den Tätern nun leicht, diese Grenze zu übertreten. Das Smartphone ist immer dabei. Man ist rund um die Uhr erreichbar. „Digitale Gewalt ist zu jeder Zeit möglich. Man ist eigentlich gerade im Geschützten, im Privaten, dann bekommt man so eine Nachricht“, erklärt Mahler. Bei solchen Nachrichten handelt es sich oft nicht um einen einmaligen analogen Vorgang, dem man sich durch Ortswechsel entziehen kann. „Das kann zu einer nicht enden wollenden Wiederholung von Übergriffen im Digitalen führen“, fügt Scherb hinzu. Sie spricht vom „Ausgeliefert-Sein“. Das Erleben von digitaler Gewalt sei für viele Frauen mit einem Gefühl von Ohnmacht verbunden. „Sie sehen sich zum einen dem Täter und zum anderen den schwer nachvollziehbaren Technologien der digitalen Plattformen ausgeliefert.“

Frauen werden in ihrer Freizeit eingeschränkt

Natürlich könnte man das Handy oder den Computer einfach ausschalten. Aber: „Junge Frauen wachsen in die Sozialen Medien hinein. Für sie ist das ein normaler Lebensraum geworden“, erklärt Mahler. Außerdem: Solch übergriffige Nachrichten beschränken sich längst nicht mehr nur auf klassische Netze, die zum Knüpfen von Kontakten gedacht sind, sondern kommen zum Beispiel auch auf Kleinanzeigenportalen immer häufiger vor. „Man kann mittlerweile nicht einmal mehr einen Pullover secondhand im Internet verkaufen, ohne solche Nachrichten zu bekommen“, berichtet Mahler. Aufgrund solcher Vorfälle kann es dann aber passieren, dass sich Frauen aus den Sozialen Medien – einem Teil ihres Alltags – zurückziehen. Das sei nachvollziehbar: Wer wolle seine Zeit schon an einem Ort verbringen, an dem man sich nicht sicher fühlt? „Die Frauen werden damit in ihrer Freizeit und ihrem Bedürfnis nach Kommunikation eingeschränkt“, ergänzt Mahler.

Statements gegen sexuelle Belästigung im Internet

Wut, Ekel, Scham oder Angst – so beschreiben Scherb und Mahler die Gefühle der Frauen, die sexuell belästigende Nachrichten erhalten. Sie bemerken in den Beratungsgesprächen auch, dass manche Frauen im ersten Moment gar nicht wahrnehmen, dass solche Übergriffe im Digitalen auch eine Form von sexueller Belästigung darstellen. Bei vielen Frauen, die zu ihnen in die Beratungsstelle kommen, ist die digitale Gewalt zudem eine Fortsetzung der Gewalt, die im analogen Leben stattgefunden hat oder noch immer stattfindet. „Diese Frauen erzählen dann erst im dritten oder vierten Gespräch, dass sie ja auch Nachrichten bekommen“, berichtet Mahler.

Dickpics können Frauen retraumatisieren

„Viele wissen nicht, dass das Verbreiten von Dickpics, also Bildern von erigierten Penissen, strafbar ist“, ergänzt sie. „Sie haben Angst, dass sie nicht ernst genommen werden oder dass man nichts tun kann.“ Als weiterer Grund, keine Anzeige zu erstatten, komme oft Schamgefühl hinzu. Die Folge: ignorieren, Absender blockieren und versuchen zu vergessen. So beschreiben die beiden Sozialpädagoginnen die häufigsten Reaktionen nach dem Empfang von obszönen Nachrichten oder Bildern. Gerade der letzte Punkt, nämlich der Versuch, die Nachrichten zu verdrängen oder die Bilder aus dem Gedächtnis zu löschen, sei aber oft gar nicht so einfach. „Dickpics können Frauen triggern oder retraumatisieren“, betont Mahler. „Wenn sie zum Beispiel in der Vergangenheit schon schlimme Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben.“

Dem Dornrose-Team ist wichtig, in der Gesellschaft zu verankern, dass auch im digitalen Raum nicht alles erlaubt ist. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit für digitale Gewalt hinke der Wahrnehmung der betroffenen Frauen hinterher. „Wenn nicht von außen zum Beispiel durch Fachstellen oder Medien darauf hingewiesen wird, dass digitale Gewalt ein zunehmendes Problem ist, wird sich nichts ändern“, betont Scherb. „Die Unterstützung Betroffener gelingt umso besser, je mehr digitale Gewalt in der Gesellschaft als Problem angesehen wird.“ Aussagen wie: „Du musst es dir ja nicht anschauen“, seien hingegen der völlig falsche Weg, betroffene Frauen und Mädchen zu unterstützen. Es gehe darum, Sichtbarkeit zu schaffen, zu zeigen, was übergriffig und grenzüberschreitend ist. Übergriffigkeit ist nicht nur massive physische Gewalt, sondern es können bereits kleinere Berührungen oder eben das Versenden sexualisierter digitaler Nachrichten grenzüberschreitend sein. „Ein gutes Beispiel dafür ist der Instagram-Kanal ’Antiflirting‘", erklärt Mahler. Dort veröffentlichen zwei Studentinnen aus Wien genau solche übergriffigen Nachrichten oder Kontaktaufnahmen, die ihnen von betroffenen Frauen zugeschickt werden.

Screenshots machen

Wie kann man helfen, wenn man merkt, dass eine Freundin oder Verwandte mit den Folgen digitaler Gewalt zu kämpfen hat? „Ernst nehmen, Gesprächspartnerin sein, zuhören, fragen, was die Betroffene braucht“, beschreibt Scherb die ersten Schritte. Wichtig sei die Art, wie auf die betroffene Frau zugegangen wird. „Nicht zu fordernd, sondern gemeinsam weiter Schritte überlegen“, betont Scherb.

Ein nächster Schritt könnte dann die "Beweissicherung" sein. Es geht darum, die Dinge zu erledigen, die die Betroffene vielleicht nicht selbst erledigen kann oder will: „Die Social-Media-Profile übernehmen, Screenshots machen, vielleicht auch die Handynummer wechseln“, erklärt Mahler. „Vorausgesetzt natürlich, die Frau möchte das auch.“ Wichtig bei den Screenshots ist, dass diese möglichst viele Infos enthalten. Also: Nummer oder Profilname des Absenders, das Datum, einen Chatverlauf, falls vorhanden. Und dann: Kontakt zu einer Beratungsstelle herstellen. „Vielen Frauen ist im ersten Moment nicht bewusst, was da passiert. Was digitale Gewalt mit ihnen macht. Wir können dann in der Beratung darüber sprechen und Lösungen entwickeln.“

Individuelle Bedürfnisse bei der Verarbeitung

Eines ist den Sozialpädagoginnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig: „Die Strategien im Umgang mit digitaler Gewalt sind vielfältig, denn jede Frau geht individuell und nach eigenen Bedürfnissen mit so einer Erfahrung um.“ Es gebe Frauen, denen sei es wichtig, sich aktiv mit den Bedrohungen zu beschäftigen – andere wahren lieber Abstand und holen sich Unterstützung. „Es ist wichtig, auf sich selbst zu hören“, betont Mahler. Scherb ergänzt: „Eine Anzeige setzt emotionale Stabilität und Mut voraus.“ Man muss sich bewusst sein, dass eine Anzeige meist eine Befragung bei der Polizei bedeutet. Und was kommt dann? „Macht der Täter dann vielleicht etwas anderes?“, stellt Scherb eine weitere mögliche Folge einer Anzeige in den Raum. Es ist deswegen wichtig, den Weg einer betroffenen Frau zu akzeptieren. „Die Frauen treffen eine Entscheidung, die für sie die richtige ist. Das wollen wir nicht beeinflussen“, betont Scherb. Dornrose unterstützt betroffene Frauen und Mädchen je nach Bedarf auch über längere Zeiträume. Die Beratung ist vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym.

Das ist der Hintergrund von #oberpfalzwirmüssenreden

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Hintergrund:

Formen digitaler Gewalt

Sexualisierte, obszöne Nachrichten und Dickpics sind nur eine Form von digitale Gewalt. Diese beschreibt alle Formen von Gewalt, die mit technischen Mitteln ausgeübt werden oder in der digitalen Welt stattfinden.

  • Cyberstalking
  • Cybermobbing
  • Identitätsdiebstahl
  • Doxing, das gezielte Sammeln und Herausgeben von Informationen über eine Person
  • Hatespeech, also Drohungen oder Beleidigungen
  • Bildbasierte sexuelle Gewalt wie Dickpics oder Bildmontagen
  • Sexualisierte Nachrichten
Info:

Kontakt zu Dornrose

Dornrose, Goethestraße 7 in Weiden, Telefon: 0961/33099, kontakt[at]dornrose[dot]de

 

 

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