12.04.2019 - 14:50 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Jugendlicher "Tyrann" vergewaltigt Kind

Er hat seine kleine Stiefschwester vergewaltigt, seine Freundin geschlagen, die Familie terrorisiert. Doch gilt der 19-Jährige als Jugendlicher. Er kommt 4 Jahre und 9 Monate in Jugendhaft. Der Prozess zeigt, wie das 9-jährige Opfer leidet.

Symbolbild.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Herbst 2018 in einer kleinen Gemeinde im östlichen Landkreis Tirschenreuth: Der damals 18-Jährige holt die damals Achtjährige im gemeinsamen Wohnhaus aus dem Bett, bringt sie in einen Wald nahe eines Fischweihers, vergewaltigt sie, wischt ihr Blut ab und legt sie wieder zurück ins Bett. Die Tat leugnet er ein halbes Jahr, sagt, er könne sich an nichts erinnern. Nachdem Taucher die Unterhose des Mädchens in dem Weiher finden, das Opfer glaubwürdig aussagt, Zeugen ihre Geschichte bestätigen, gesteht er am vorletzten Prozesstag vor der Jugendkammer (wir berichteten).

Am letzten Prozesstag erzählt eine Ärztin, wie der Vater des Kindes am Tag nach der Tat mit dem Mädchen zu ihr in die Kinderambulanz am Klinikum Weiden kam. Verkrustetes Blut fand sich zwischen ihren Beinen und in einer Binde, das Mädchen sei in "Hab-Acht-Stellung" gewesen, Sitzen konnte es kaum.

Bericht vom vorhergegangenen Prozesstag

Weiden in der Oberpfalz

Machte das Opfer in einem Vernehmungsvideo, das einen Tag zuvor gezeigt wurde, einen aufgeräumten Eindruck, gibt ihre neue Pflegemutter einen Einblick in ihr Leid: Alpträume, Ängste, Schulprobleme. Einige Wochen nach der Tat habe sie "ihre sieben Sachen gepackt" und zu einer Mitarbeiterin des Jugendamtes gesagt: "Ich halte das hier nicht mehr aus, ich will weg." So kam sie zu der 68-jährigen Rentnerin.

Ängste und Alpträume

Anfangs habe sie nur im hell erleuchteten Zimmer schlafen können, die Pflegemutter schlief neben ihr auf der Matratze. Mittlerweile genüge ein kleines Licht. Doch das Kind habe immer Angst. Angst, dass ein Mann komme, sie entführe und töte. Die Neunjährige habe Alpträume rund um die Tatszene: Dass sich Männer oder der Angeklagte in dem Wald an ihr vergehen. Dass sie in den Fischweiher falle, und allein wieder rausklettere. "Sie sagt immer: ,Ich soll ja nichts sagen, aber das kommt einfach aus mir raus.'" Sie werde von der Familie unter Druck gesetzt, deutet die Pflegemutter die Worte. Die eigene Mutter, die noch das Sorgerecht hat, sehe sie alle vier Wochen. Danach verschlimmerten sich die Zustände. Manchmal spüre sie ihre Beine nicht mehr. Die Schule mache ihr Probleme. "Sie wird wohl die Klasse wiederholen müssen."

"Ich hatte ein Scheißleben"

Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder erzählt mehr über den Angeklagten. In Tschechien sei er aufgewachsen. Sein Vater habe die Mutter und ihn geschlagen. Als er acht Jahre war - so alt wie sein Opfer zum Tatzeitpunkt - kam er ins Kinderheim, danach in eine Jugendanstalt. Zwischenzeitlich zog die Mutter mit neuem Partner nach Deutschland. Er kam 2014 hinterher. Bis jetzt habe er nicht gearbeitet, konsumiere Drogen und Alkohol, sei gewalttätig. Vom Entwicklungsniveau stuft Rieder ihn als Jugendlichen ein. Die Vergewaltigung deutet er eher als Inzestfall, es gebe keine Hinweise auf pädophile Neigungen.

In seinem Plädoyer geht Staatsanwalt Peter Frischholz auf die desaströsen Verhältnisse ein, in denen der Angeklagte und das Opfer lebten. In dem Haus im östlichen Landkreis prägtem Gewalt und Alkohol die Atmosphäre. Der Junge habe die Situation aggressiv dominiert. "Er war der Tyrann der Familie." Innerhalb von zwei Monaten habe der Angeklagte die Freundin mehrmals geschlagen, den Stiefvater krankenhausreif geprügelt, das Kind vergewaltigt.

Opfer und Täter, so betont Frischholz, hatten ein geschwisterliches Verhältnis. Sie habe ihn als "Bruder" bezeichnet, der Vertrauensbruch sei massiv. Er forderte fünf Jahre Jugendhaft. Was danach sei, müsse man sehen. "Aber er ist der erste Kandidat für eine Sicherungsverwahrung."

Die Nebenklägerin Dr. Simone Bayer schließt sich der Forderung an. Der Anwalt des 19-Jährigen, Engelbert Schedl, macht eine verminderte Schuldfähigkeit geltend, weist auf die schwere Kindheit und das "asoziale Umfeld" hin und fordert vier Jahre.

Landgerichtspräsident Gerhard Heindl und Richter Matthias Bauer verurteilen ihn wegen Vergewaltigung und vorsätzlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu vier Jahren und neun Monaten Jugendhaft. Bevor das Urteil fällt, sagt der Angeklagte: "Es tut mir sehr leid, es wird nie mehr passieren. " Er weint. "Ich hatte ein Scheißleben. Das ist alles."

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