25.05.2018 - 12:22 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kein Verzeihen und Versöhnen

Der 86-jährige Ernst Grube hat den Holocaust überlebt. Den heutigen Hass gegen Flüchtlinge, Juden und Moslems hält er für äußerst bedenklich. Der Zeitzeuge sieht die Politik in der Pflicht, zu handeln.

Zeitzeuge Ernst Grube (rechts) berichtet aus seinem Leben. Neben ihm Moderator war Raul Vitzthum. Bild: sbü
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) Man hätte ein Blatt Papier auf den Boden fallen hören. Absolute Stille herrschte im Zuschauerraum. Alle lauschten auf die Worte des Zeitzeugen des Holocausts. Ein Stunde lang stellte sich der 86-jährige Ernst Grube der Fragestunde, zu welcher der Kreisverband Weiden-Neustadt-Tirschenreuth der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Kooperation mit weiteren Partnern des Bündnisses "Weiden ist bunt" in die Räume des Kunstvereins Weiden eingeladen hatte. Dann beendete Veranstaltungsleiter Raul Vitzthum die Befragung des Zeitzeugen aus der Zeit der NS-Judenverfolgung.

Die wichtigsten Sätze formulierte der Sohn einer jüdischen Mutter erst in seinen letzten Antworten. Sie lauteten: "Als das Grundgesetz beschlossen wurde, hatte ich die Hoffnung, dass es in Deutschland einen Staat ohne Rassismus geben werde. Was wir heute an Hass gegen Flüchtlinge und Moslems erleben, ist etwas, das ich mir vor 70 Jahren nicht vorstellen konnte." Grube kann auch nicht verstehen, dass dieser Hass nicht vom Staat gebremst werde. Er habe in München in zwei Lagern und im Vernichtungslager Theresienstadt leben müssen. "Ich kenne das Lagerleben und erlebe, mit welcher Unbarmherzigkeit heute dieser demokratische bayerische Staat mit Menschen umgeht."

Bevor Grube die Bezüge zur aktuellen Flüchtlingssituation herstellte, erzählte er aus seiner eigenen Lebensgeschichte. Diese war zuvor auch schon im einstündigen Dokumentarfilm von Regisseurin Christel Priemer dargestellt worden. Grube ist Sohn einer jüdischen Mutter; zeitweise geschützt durch den nicht-jüdischen Vater, musste er dennoch alle Diskriminierungen eines jüdischen Kind erleiden. Getrennt von den Eltern, verbrachte er Jahre in einem Heim für jüdische Kinder und erlebte die Deportation seiner Freunde. Dann sei er in die "Ghettos Milbertshofen und Berg am Laim" gekommen. Die gesamte Familie der Mutter war in Vernichtungslagern ermordet worden. Es folgte eine Phase, in der die Mutter Zwangsarbeit in Lohhof verrichten musste und er unter dem "Schutz seines Vaters als eines nicht-jüdischen Mannes" stand. Trotzdem wurde Grube dann Ende des Krieges zusammen mit Bruder und Mutter ins Vernichtungslager Theresienstadt gebracht, überlebte es jedoch.

Geprägt durch diese Zeit habe er erlebt, dass 1951 "die Täter wieder eingesetzt wurden". "Rehabilitation der Schreibtischtäter" nannte Gruber das, was ihn zusammen mit der Wiederaufrüstung auch in Konflikte mit dem Nachkriegsstaat brachte. "Ich sehe mich als politischen Menschen, der von den Nazis verfolgt wurde und von einem kommunistischen Vater erzogen wurde." Für ihn sei es in der Nachkriegszeit selbstverständlich gewesen, illegal für die KPD tätig zu sein. Zwei Gefängnisaufenthalte brachte ihm dieser Widerstand. Bis heute sei er in der "Friedens- und Gedenkstättenarbeit" aktiv. Rückblickend sagt Grube: "Ich war ein Mensch, der mit Ellbogen durch die Wand ging." Heute gelte für ihn, "eine Sprache zu finden, die andere verstehen". Aber dort, wo ihm Hass entgegenschlage, zum Beispiel Pegida, "gibt es kein Gespräch". Für die ehemaligen NS-Täter "gibt es kein Verzeihen und Versöhnen". Aber viel wichtiger sei, "dass die Öffentlichkeit erfährt, was los war".

Auf die Frage, wie Deutschland ohne den Aufbau der Bundeswehr heute dastehen würde, sagte Grube: "Ich bin Pazifist. Wir hätten heute dieses kriegerische Deutschland und Europa nicht." Der Einfluss Deutschlands hätte zu einem "nicht-militärischen friedlichen Europa geführt".



Auch Zeitzeugin Henny Brenner war dabei, als Ernst Grube (Mitte) über seine NS-Verfolgung berichtete. Bild: sbü

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