29.10.2019 - 16:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Kick in der Achterbahn

Kenny Bräck. Der Name sagt allenfalls Insidern etwas. Ein schwedischer Indy-Car-Rennfahrer, der 2003 einen Unfall überlebt hat, bei dem Fliehkräfte auf ihn eingewirkt haben, die ein Mensch normalerweise nicht wegstecken kann.

Fliehkräfte wirken nicht nur auf Astronauten ein. Auch in der Achterbahn muss der menschliche Körper schon einiges aushalten.
von Gabi EichlProfil

Die Wirkung von Fliehkräften kennt man vom Volksfestplatz im Kettenkarussell oder von Achterbahnen, ansonsten macht man sich üblicherweise keine Gedanken über sie. Man schrammt ja auch nicht jeden Tag bei einer Geschwindigkeit von etwa 350 km/h den Reifen eines ebenso schnell fahrenden Autos, hebt ab und prallt gegen einen Zaun. Wie Kenny Bräck. Und man nimmt in der Regel auch zeitlebens nicht an einem Raketenstart teil. In der Rakete. Dabei gehören Fliehkräfte zum Alltag, nur werden sie kaum bemerkt.

Prof. Dr. med. habil. Stefan Sesselmann von der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen an der OTH Amberg-Weiden kann das Wirken der Fliehkräfte auf den menschlichen Körper allgemeinverständlich erklären. Sesselmann hat ein breites Forschungsgebiet. Er befasst sich mit Lehr-/Lernforschung, interprofessioneller Lehre, digital unterstützter Lehre, interprofessioneller Gesundheitsversorgung, Biomechanik, Bewegungsanalyse, Orthopädie und Unfallchirurgie, Implantologie. Wenn er erklärt, versichert er sich immer wieder, dass verständlich ist, was er erläutert. Kennzeichen eines guten Lehrers. Er überschüttet nicht mit Fakten, er möchte verstanden werden.

Um zu verstehen, was jener Kenny Bräck da überlebt hat, muss man sich vergegenwärtigen, dass auf den schwedischen Rennfahrer für einen Moment Fliehkräfte von nach dem Unfall berechneten 214 g eingewirkt haben. Das „g“ steht für die Erdanziehungskraft oder die Erdbeschleunigung, die nahezu überall auf der Welt bei 9,81 Meter pro Sekunde im Quadrat liegt. Ja und, möchte man fragen, was bedeutet das? Bei einem Achterbahn-Looping wirken 4 bis maximal 6 g Fliehkräfte auf die Insassen der Scooter ein. Und das ist den Worten Sesselmanns zufolge schon das Äußerste, das der menschliche Körper folgenlos verkraftet. Vorausgesetzt, die Einwirkung sei extrem kurz. Wie eben bei einem rasend schnell durchfahrenen Achterbahn-Looping. Kenny Bräck hat 214 g überlebt. Freilich war Bräck ein extrem trainierter Sportler, trotzdem ein bemerkenswerter Umstand.

Wenn man die ganz normale Erdanziehungskraft mit 1 g beziffert (Schwerelosigkeit = 0 g), dann liegt laut Sesselmann die Kraft, die einen bei einem Start in einem Passagierflugzeug in den Sitz drückt, bei maximal 1,5 g. Bei einem Raketenstart müssten die Crew-Mitglieder zwischen 3 und 4 g verkraften. In der Achterbahn können es schon einmal 6 g werden, bei einem Kunstflugmanöver bis zu 8 g. Damit der Achterbahn-Insasse oder der Kunstflieger das überleben, sei die Dauer der Einwirkung entscheidend. Wenige Sekunden könne man derlei problemlos wegstecken, sagt Sesselmann, länger jedoch nicht. Schon bei 2 bis 3 g beginne sich das Gesichtsfeld einzuengen, bei 5 bis 6 g sei eine Bewusstlosigkeit unvermeidlich, sofern die Einwirkung länger als ein paar Sekunden andauere. Das Blut versacke dann in den Beinen, es komme zu Durchblutungsstörungen und Bewusstlosigkeit. An dieser Stelle sei noch einmal an die 214 g im Fall Kenny Bräck erinnert, wenn diese auch noch so kurz auf einen noch so trainierten Athleten trafen.

Bei einem Raketenstart könne man sich vorstellen, dass sich das Gesichtsfeld der Astronauten ganz kurzfristig röhrenförmig einenge; man spricht laut Sesselmann von einem Greyout als Vorstufe zum Blackout. In der Achterbahn werde der kurze Blutdruckabfall - man spricht von einem „Redout“ - unter anderem über die Adrenalin-Ausschüttung kompensiert. Der berühmte Kick.

Darf man nun in keine Achterbahn mehr? Sesselmann beruhigt. All diese Fahrgeschäfte seien TÜV-geprüft, die Betreiber achteten selbstverständlich darauf, dass keine lebensgefährlichen Fliehkräfte zu lang auf die Insassen der Scooter einwirkten. Trotzdem rät er zur Vorsicht bei Wirbelsäulenschäden, die sich durch die abrupten Beschleunigungen und Abbremsmanöver verschlimmern könnten, und bei bekannten Blutgefäßveränderungen im Kopf.

Professor Dr. med. habil. Stefan Sesselmann von der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen an der OTH Amberg-Weiden erklärt die Wirkung der Fliehkräfte.
Die Wirkung von Fliehkräften kennt man vom Volksfestplatz im Kettenkarussell oder von Achterbahnen, ansonsten macht man sich üblicherweise keine Gedanken über sie.
Bei einem Raketenstart engt sich das Gesichtsfeld der Astronauten ganz kurzfristig röhrenförmig ein. Man spricht von einem „Greyout“ als Vorstufe zum „Blackout“.

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