26.06.2018 - 17:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Du kommst nicht lebend raus"

Die Anklage lastet schwer: Darius M. soll Ausländer nach Deutschland geschleust haben. Nun bricht der 43-jährige Angeklagte sein Schweigen.

In diesem doppelten Boden sollen die Angeklagten 37 Personen nach Deutschland geschleust haben.
von Julia Hammer Kontakt Profil

(juh) Drohungen, Verzweiflung, Schulden: Sechs Verhandlungstage lang schweigt der Angeklagte Darius M. zu den Vorwürfen, er habe Ausländer gewerbs- und bandenmäßig nach Deutschland eingeschleust - und das in fünf Fällen. Jetzt bricht er sein Schweigen - und erzählt, dass er große Angst um sein Leben hatte.

Darius M. sitzt auf der Anklagebank vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Weiden unter Vorsitz des Landgerichtspräsidenten Gerhard Heindl. Sein Kopf ist gesenkt, sein Blick angespannt. Neben ihm verfolgt der Mitangeklagte, der 49 Jahre alte Florin M., der bereits im Vorfeld gestanden hatte, an "vier Transporten von Ausländern in die Bundesrepublik beteiligt gewesen zu sein", die Aussage des 43-jährigen Rumänen.

Den Männern wird vorgeworfen, 2017 unter "qualvollen Zuständen" 37 Flüchtlinge in einem nur 117 Zentimeter breiten, 27 bis 37 Zentimeter hohen und 329 Zentimeter langen Versteck in einem Klein-Lkw nach Deutschland eingeschleust zu haben. "Ich war an vier Fahrten beteiligt", gesteht nun auch Darius M. Mit der angeklagten Tat am 10. August 2017 habe er nichts zu tun. "Meine Patentante hatte am 9. August Geburtstag. Wir haben mit der Familie gefeiert, ich habe relativ viel getrunken."

Darius M. betont, immer ein rechtschaffener Bürger gewesen zu sein, immer gearbeitet zu haben. "Ich habe vorher nie Straftaten begangen." Zu den Schleuser-Fahrten sei er durch Zufall gekommen. Er habe Arbeit gesucht - und dabei Baris A. kennengelernt, der einen Gemüseladen in Rumänien betreibt. "Ich habe ihm erzählt, dass ich als Fahrer gearbeitet habe. Er meinte, er hätte Arbeit für mich." Bei der ersten Fahrt sei er angewiesen worden, im Lkw zu bleiben, "nicht auszusteigen". Als er Geräusche von der Ladefläche hört, ist er verunsichert, will aussteigen. Doch Baris A. untersagt ihm, den Wagen zu verlassen.


Ausweglose Situation

Der Gemüseladenbesitzer informiert Darius M., dass sich "Personen im Lkw befinden, die er jetzt nach Deutschland bringen muss". Der Angeklagte sei irritiert gewesen, lehnt die Fahrt ab. Sofort habe ihn Baris A. bedroht, ihm gesagt: "Du kommst hier nicht mehr lebend raus." Der Angeklagte hat Angst - Angst vor Kosequenzen, Angst um sein Leben. Vier Mal habe er deshalb Personen nach Deutschland geschleust. "Ich habe auch Florin M. von meiner Verzweiflung erzählt." Zudem habe er Schulden gehabt, die er mit dem Geld, das er bei den Fahrten verdienen sollte, begleichen wollte. Der Angeklagte entschuldigt sich. Er bereue, unter welchen Umständen er die Geschleusten nach Deutschland gebracht habe, doch eine andere Möglichkeit aus dieser scheinbar ausweglosen Situation habe er nicht gesehen. "Den Menschen hätte viel passieren können", erklärt ein Rechtsmediziner von der Universität Erlangen, den die Kammer für ein Gutachten angefordert hat. Nicht nur die psychische Belastung - die Enge, die Panik, auch die körperliche Situation hätte "tödlich enden" können.

"Die Leute lagen mit dem Kopf in und entgegengesetzt der Fahrtrichtung. Bei einer Frontalkollision bremst das Fahrzeug abrupt ab. Die Menschen bewegen sich aber noch mit der Geschwindigkeit. Dabei trifft es oft die schwächste Stelle - die Halswirbelsäule." Die Folgen seien fatal: Querschnittslähmung, Hirnblutungen, Tod. Auch der defekte Auspuff hätte tödliche Folgen haben können. "Tritt Kohlenstoffmonoxid aus, kann es leicht zu einer Vergiftung kommen." Richter Markus Fillinger informiert den Zeugen, dass etliche Geschleuste über Sauerstoffmangel geklagt hätten. "Gefährlich. Das kann zu Hirnschäden, im schlimmsten Fall zum Hirntod führen", erklärt der Experte.

Keine Sitze, keine Gurte

"Ich habe viele Mängel festgestellt. Das Fahrzeug war nicht verkehrsfähig", informiert ein Kfz-Sachverständiger, der ein Gutachten über den Fiat Ducato Typ 250 erstellte, mit dem die Flüchtlinge - meist aus dem Irak und Syrien stammend - nach Deutschland geschleust wurden. Defekte Handbremse, ABS-Fehlfunktion, falsch verlegte elektrische Kabel, ein undichter Auspuff - "die Liste ist lang". Durch den Umbau des Wagens, um den doppelten Boden einzusetzen, sei zudem die Karosserie stark geschwächt worden.

"Die Reifen waren für das Gewicht nicht geeignet. Das ganze Fahrzeug war nicht dafür ausgerichtet, Personen zu transportieren. Es gab keine befestigten Sitze, keine Gurte." Der defekte Auspuff habe sich zudem in der Nähe des doppelten Bodens befunden. "Er war stark undicht. Das hat man schon am Geräusch gehört, wenn man Gas gegeben hat. Es ist sofort aufgefallen."

Einen Tag zuvor stellte der 49-jährige Angeklagte Florin M. einen Befangenheitsantrag gegen die Kammer unter Heindls Vorsitz, den Staatsanwalt Christian Härtl zurückwies, da es "keinerlei Anhaltspunkte gibt, von einer Befangenheit auszugehen." Der Prozess wird am kommenden Freitag fortgesetzt.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.