16.01.2020 - 20:28 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"In meiner Brust schlägt ein fremdes Herz"

Drei Frauen aus der Oberpfalz haben die Debatte um die Neuregelung der Organspende genau verfolgt: Sie alle sind davon betroffen. Ihre Geschichten berühren.

Fast 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ. Oft viele Jahre lang. Noch öfter vergeblich.
von doa Kontakt Profil

In der Brust von Kathrin Schidla schlägt ein fremdes Herz. Die 42-jährige gelernte Kosmetikerin aus Schwarzenfeld (Kreis Schwandorf) lebt seit vier Jahren mit einem Spenderorgan. Ohne diesen Eingriff wäre sie heute nicht mehr am Leben. Schuld daran ist eine Herzsarkoidose, eine Autoimmunerkrankung. Das Spenderherz erreichte sie damals in letzter Sekunde: „Ohne die Transplantation wäre ich drei Tage später tot gewesen“, erinnert sie sich an bange Stunden.

Ihre geliebte Vierbeinerin "Sina" gibt Kathrin Schidla aus Schwarzenfeld Kraft.

Ihren Spender und seine Geschichte kennt sie nicht. Sie weiß nur, dass es ein Mann war mit hohem Blutdruck, bei dem die Ärzte einen Hirntod diagnostiziert hatten. Deswegen hat sie ihr neues Herz „Otto“ getauft. „Otto“ hat der lebenslustigen Frau etwas mehr Zeit mit ihren Liebsten ermöglicht. „Die Ärzte vermuten, dass mein neues Herz noch ungefähr 15 Jahre schlagen wird. Das heißt, dass ich meinen 60. Geburtstag wohl nicht mehr erleben werden“, so Schidla. Angst vor dem Sterben habe sie ohnehin nicht mehr. Sechs Mal hatte ihr altes Herz kurzzeitig den Dienst versagt, während sie auf ein neues Organ warten musste.

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Schönsee

Am höchsten ist der Bedarf bei Spendernieren. Dort beträgt die durchschnittliche Wartezeit acht bis zwölf Jahre. Eine gefühlte Ewigkeit, besonders wenn man wie Gabriele Löw an die Dialyse gefesselt ist. Die Geschichte der 57-Jährigen ist beklemmend: Angefangen hat alles vor sechs Jahren mit harmlosen Erkältungssymptomen. „Der Hausarzt stellte bei der Untersuchung fest, dass irgendetwas nicht stimmt und hat mich zum Röntgen ins Krankenhaus geschickt.“ Plötzlich versagten aus heiterem Himmel die Nieren der ansonsten kerngesunden Frau. Seither ist nichts mehr, wie es einmal war. An drei Tagen in der Woche muss sie für jeweils fünf Stunden zur Dialyse. Spontane Kurztrips, Urlaube – alles muss nun akribisch geplant und der Behandlung untergeordnet werden.

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Das gilt auch für den Speiseplan: „Pro Tag darf ich nicht mehr als einen Liter Flüssigkeit zu mir nehmen“, berichtet Löw. Bananen, Tomaten und Milch sind tabu, „generell kalium- und phosphathaltige Lebensmittel.“ Sie weiß, dass noch viele Jahre ins Land ziehen können, bis sie endlich ein neues Organ erhält.

Dass die von Gesundheitsminister Jens Spahn geforderte Widerspruchslösung im Bundestag keine Mehrheit gefunden hat, versteht Franz Nowy vom Landesverband Niere Bayern e.V. nicht: „Warum tun wir Deutsche uns nur so furchtbar schwer, sich der in vielen Ländern gebräuchlichen Widerspruchlösung anzuschließen?“, ärgert er sich. Der Vorstoß hätte viele Leben gerettet.

Kaum Spender hierzulande

Deutschland ist im europaweiten Vergleich Schlusslicht in Sachen Organspende. Vergangenes Jahr wurden lediglich 932 Organe verpflanzt. „Bei uns wird nur jeder Tausendste Verstorbene Organspender. In unseren Nachbarländern sind es drei bis fünfmal so viele“, zeigt Professor Bernhard Banas, Leiter des Transplantationszentrums Regensburg, auf. Jeder könne sich so leicht ausrechnen, um wie viel schlechter die Überlebenschancen sind, wenn Organe versagen und man mit einer Transplantation das Leben des Patienten hätte retten können.

Viele Kreuze säumen die B 22. Eines hängt etwas abseits in den Zweigen eines Baumes. Es erzählt eine tröstliche Geschichte.

Wie nah Tod und Leben beieinander liegen können, zeigt ein drittes Schicksal aus der Region. Seit knapp 20 Jahren schreiben sich eine Erbendorferin und ein Berliner Briefe. Sie sind sich fremd und doch tief verbunden, denn in seiner Brust schlägt das Herz ihres toten Bruders.

Bittere Nachricht an Heilig Abend

Es ist klirrend kalt in dieser Nacht am 24. Dezember 2001. Minus 24 Grad. Ein Mann aus Altenstadt ist zu später Stunde mit seinem Auto auf der B 22 unterwegs, als ein Aneurysma in seiner linken Gehirnhälfte platzt. Der Wagen kommt von der Fahrbahn ab, prallt gegen einen Baum. Der Anruf aus dem Krankenhaus erreicht seine Schwestern während der Weihnachtsfeierlichkeiten. Sie hoffen, warten, bangen am Krankenbett, während die Mediziner um sein Leben kämpfen. Die eine von ihnen, die Jüngste, ist Krankenschwester von Beruf und weiß sofort, was es bedeutet, als die Ärzte einen Hirntod diagnostizieren: Zeit, Abschied zu nehmen.

Mehr als 400 Kilometer von diesem Drama entfernt glaubt zeitgleich ein junger Berliner an ein Weihnachtswunder, als ihm sein Arzt eröffnet, dass er ein neues Leben geschenkt bekommt. Denn die Schwestern verfügen, dass die Organe ihres Bruders entnommen werden dürfen. „Er hätte es so gewollt“, sind sie sich einig. Sein Herz, sein großes Herz, in das er sie all die Jahre fest eingeschlossen hatte, das wird nach dieser Nacht weiter schlagen – in der Brust eines 23-Jährigen. Geboren mit einem Herzfehler wartete er zeitlebens auf ein für ihn passendes Spenderorgan.

Kommentar: Organspende braucht neue Ideen

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Die Rettung kommt von oben

Nur Stunden nach dem Tod des Altenstädters startet ein Helikopter mit der wertvollen Fracht gen Norden. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Und wieder heißt es, hoffen, warten und bangen bis die erlösende Nachricht kommt: OP geglückt, das Herz schlägt, der junge Mann lebt dank eines ihm vollkommen fremden Mannes.

Und eigentlich könnte die Geschichte an dieser Stelle enden, hätten sich der Berliner und die Jüngste der Schwestern nicht beide zur Kontaktaufnahme entschieden. Diese kann nur zustande kommen, wenn sowohl die Angehörigen des Spenders als auch der Empfänger unabhängig voneinander ihren Willen bekunden, sich kennenzulernen. Die trauernde Schwester erhält ein Jahr später einen Brief aus Berlin, in dem sich der junge Mann bedankt. Er hat die Strapazen der Operation gut überstanden, berauscht von Glück und beseelt von Dankbarkeit, dass seine Zukunft jetzt in ihrer ganzen Pracht wieder vor ihm liegt.

Ungewöhnliche Brieffreundschaft

Er bittet um Verständnis, schreibt er weiter, aber er wolle keine persönlichen Informationen von seinem Spender oder dessen Leben erhalten. Das verkrafte er nicht. Gerne hätte sie ihm eigentlich von ihrem Bruder berichtet. Wie er immer gerne mit seinen Freunden zusammen saß. Wie er sich immer rührend um alle gekümmert hat. Wie er seiner jüngsten Nichte zu Weihnachten ein Spielzeug-Pferd schenken wollte. Wie er noch kurz vor seinem Tod einer der Schwestern eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat. Aber sie respektiert seinen Wunsch.

Seit knapp 20 Jahren schreiben sich nun beide gelegentlich. Getroffen haben sie sich zwar noch nie, aber die Schwester zieht aus dem Kontakt viel Kraft. Er hilft ihr, die Trauer und den Verlust zu verarbeiten. Der Tod ihres Bruders war nicht umsonst. Er hat, ohne es zu wissen, ein Leben gerettet in dieser klirrend kalten Weihnachtsnacht.

Das Kreuz im Baum

Am Rande der B 22 erinnert heute noch ein kleines Holzkreuz an den Altenstädter. Seine jüngste Schwester hat es aufgestellt. Etwas morsch ist es geworden, die Witterung hat im Laufe der Jahre ihre Spuren hinterlassen. Vor wenigen Wochen dann hat es ein Schneepflug erfasst und unbemerkt in die Zweige eines Baumes geschleudert. Just jener Baum, der in den tödlichen Unfall verwickelt war .

Dort fällt das Kreuz der Fotografin Ilse Hauer auf, die daraufhin seine Geschichte recherchiert und auf die Schwestern stößt. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien bitten diese darum, dass ihr Name nicht veröffentlicht wird. Der Schmerz sitzt noch immer tief. Nur ein einziger Name soll hier in Erinnerung bleiben. Er steht auch in großen Lettern auf dem Holzkreuz geschrieben: WILLY.

Ein Organspendeausweis, aufgenommen beim Tag der Organspende vor dem Modell eines menschlichen Torsos.

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Was soll sich konkret ändern?

Umgesetzt werden soll ein Vorstoß mit dem Namen „Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende“. Dafür sollen mehr regelmäßige Denkanstöße organisiert werden – und leichtere Möglichkeiten, eine Entscheidung zu dokumentieren. Wer ab 16 Jahren einen Personalausweis beantragt, ihn verlängert oder sich einen Pass besorgt, soll im Amt Info-Material bekommen. Beim Abholen soll man sich dann schon direkt vor Ort, aber auch jederzeit später zu Hause in ein neues Online-Register eintragen können – mit Ja oder Nein, Änderungen bleiben möglich.

Was ist ergänzend geplant?

Selbst beraten sollen die Mitarbeiter der Ämter nicht. Dafür spielen Hausärzte eine größere Rolle. Sie sollen Patienten bei Bedarf alle zwei Jahre über Organspenden informieren und zum Eintragen ins Register ermuntern – aber mit dem Hinweis, dass es weiter keine Pflicht zu einer Erklärung gibt. Grundwissen über Organspenden soll auch Teil der Erste-Hilfe-Kurse zur Führerscheinprüfung werden, um junge Leute zu erreichen. Auch bei der Ärzteausbildung soll die Thematik größeres Gewicht bekommen.

Wie rasch greifen die Neuregelungen?

Die Umsetzung braucht noch Zeit. Vor allem, um das zentrale Register beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aufzubauen. In Kraft treten sollen die Neuregelungen daher zwei Jahre nach Verkündung des Gesetzes. Im Register soll dann jeder ab 16 Jahren Erklärungen zur persönlichen Entscheidung zu Organspenden abgeben, ändern oder widerrufen können. Wer die Angaben nicht per Internet machen kann oder möchte, kann auch weiter einen Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung nutzen.

Wie wird diese Frage in anderen Ländern geregelt?

In Österreich wird seit 1982 die sogenannte „Widerspruchslösung“ praktiziert. Also jenes Modell, dass Gesundheitsminister Jens Spahn gerne hierzulande einführen wollte und das der Bundestag abgelehnt hat. Personen, die in Österreich versterben, können die Organe entnommen werden. Das kann beispielsweise auch Deutsche betreffen, die auf der Durchreise bei einem Unfall sterben, wenn sie vorher nicht widersprechen. „Die sicherste Form ist die Eintragung in das Widerspruchsregister“, führt dazu Oliver Gumhold vom österreichischen Gesundheitsministerium gegenüber Oberpfalz-Medien aus. Es werden jedoch auch mitgeführte Schriftstücke sowie der durch Angehörige mündlich überbrachte Widerspruch, der Wille des Verstorbenen, akzeptiert. Circa 18 Prozent aller eingetragenen Personen sind keine Österreicher.

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