12.02.2020 - 19:01 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Mensch als offenes Buch - Ein Tag in der Anatomie Erlangen

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Viele Menschen stellen sich die Arbeit an Verstorbenen gruselig vor. Doch die Anatomie ist eine Wissenschaft. Sie widmet sich der Ausbildung von Studenten und dem Erforschen medizinischer Techniken. Ohne Präparatoren wäre das nicht möglich.

Wie bei einem Bilderbuch, das man aufklappt, werden Großhirn, Kleinhirn, verlängertes Rückenmark, Nasennebenhöhlen sichtbar. Präparator Thorsten Hummel erklärt den Aufbau eines Gehirns an einem Modell.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Ein letzter Schnitt - dann ist der Kopf ab. Thorsten Hummel, leitender medizinischer Sektions- und Präparationsassistent am Institut für Anatomie der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, greift mit der Hand um den Schädel, hält ihn fest und macht den finalen Schnitt. Behutsam nimmt er den Kopf und legt ihn auf einen Tisch. Die Leichenhülle mit dem Körper verschließt er sorgsam.

Am Nachmittag kommen Medizinstudenten ins anatomische Institut der Universität zum Präparierkurs. An Körperspendern sollen sie den Aufbau eines menschlichen Kopfes und Gehirns kennenlernen. Bis dahin gibt es für die Präparatoren noch einiges vorzubereiten - "zehn Köpfe mit möglichst viel Halswirbelsäule" benötigt der Leiter des Kurses. Zudem ist am Vortag eine Frau verstorben, die ihren Körper dem Institut vermacht hat.

Im Dienste der Wissenschaft

"Die Anatomie beschäftigt sich mit dem Aufbau des menschlichen Körpers. Wir bilden die Mediziner von morgen aus und helfen, OP- und Medizintechnik zu verbessern", betont Hummel. Die Aufgaben eines Präparators sind sehr vielfältig. Unter anderem macht er die Toten haltbar, die ihren Körper der Wissenschaft vermacht haben, präpariert und konserviert sie. Er bereitet Kurse und Lehrveranstaltungen vor, kümmert sich um die anatomische Sammlung und ist Ansprechpartner für Hinterbliebene.

"Ohne Körperspender wäre unsere medizinisch-technische Versorgung und die medizinische Ausbildung nicht so erfolgreich, wie sie ist", sagt Hummel. Es sei keine leichte Entscheidung, seinen Körper der Wissenschaft zu vermachen. Dennoch gebe es viele Menschen, die dazu bereit seien, "Junge, Alte, Männer und Frauen gleichermaßen". Auch aus der Oberpfalz gibt es viele Menschen, die sich in Erlangen als Körperspender registriert haben. 2017 waren es 44 Weidener, 19 Schwandorfer, 76 Amberger. "Wir sind für Körperspenden sehr dankbar", betont Hummel.

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Thorsten Hummel

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Warum spenden Menschen ihre Körper? "Viele sind dankbar gegenüber der Medizin, weil sie selbst einmal geheilt wurden. Sie wollen etwas zurückgeben. Manche Menschen wollen dem Allgemeinwohl und der Medizin einen Dienst erweisen", erklärt Hummel. Oft spiele auch Geld eine Rolle. Für Körperspender sind Abholung und Beisetzung kostenlos.

Doch nicht jeder sei als Spender geeignet. Der häufigste Ablehnungsgrund ist Übergewicht. Wenn ein Verstorbener nicht infrage kommt, sei es seine Aufgabe, den Spender abzulehnen, sagt Hummel und betont: "Das ist ein sensibles Thema." Für Hinterbliebene sei es oft schwer zu akzeptieren, wenn das Institut einen Körperspender ablehnt - schließlich sei es der ausdrückliche Wunsch des Verstorbenen gewesen, seinen Körper der Wissenschaft zu vermachen, argumentierten sie dann oft.

Keine leichte Aufgabe

Das sei auch für ihn nicht einfach, sagt Hummel. "Die Hinterbliebenen empfinden subjektiv, aber unsere objektiven Beweggründe müssen überwiegen." Auch wenn er den Willen des Spenders würdige, müsse er sich an die Vorgaben halten. "Ich muss die Rolle des Entscheiders übernehmen", sagt Hummel. "Insgesamt ist das keine leichte Aufgabe. Es gibt Tage, an denen man selbst sensibel gestimmt ist. Aber die Tragik des Ablebens verspürt der Angehörige, nicht ich. Ich habe den Menschen ja nicht gekannt. Dadurch habe ich eine gewisse Distanz. Trotzdem nimmt man Anteil."

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Respekt vor dem Menschen

Im Kurssaal 1 brummen Entlüftungsrohre über den Tischen aus Edelstahl, auf denen die Toten in Leichenhüllen ruhen, die Hummel und seine Kollegen am Vortag vorbereitet haben. An den Tischen hat Hummel für die Studenten Zettel mit Informationen zu den Verstorbenen angebracht, die er den Arztbriefen entnommen hat: Geschlecht - Alter - Zum Tode führende Erkrankung - Todesursache - Operationen/Besonderheiten.

Konzentriert präparieren Hummel und seine drei Kollegen die Köpfe, nummerieren sie und legen sie auf einen Tisch. Dann bedecken sie sie mit einem Tuch und fahren mit dem Aufzug ins Erdgeschoss in den Körperspenderaum. Geruch von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln liegt in der Luft. Zwischen Tischen, Eimern und Werkzeugen stehen Tanks, in denen die Präparatoren Körperspender konservieren. Hummel schiebt den Tisch mit den Köpfen zu einem Diamantschneideblatt. Vorsichtig teilt er einen nach dem anderen in zwei Hälften.

Es geht wieder zurück in den Kurssaal, wo die Präparatoren die "Kalotten", Schädeldecken und Schädelrücken, v-förmig herausschneiden. Wie bei einem Bilderbuch, das man aufklappt, werden Großhirn, Kleinhirn, verlängertes Rückenmark, Nasennebenhöhlen sichtbar. "Außenstehende mögen das gruselig finden", sagt Hummel. Aber die Arbeit am Verstorbenen ist hoch professionell. Pietät, Würde und Respekt stehen an erster Stelle. Und man müsse eben auch bedenken, dass die medizinische Ausbildung ohne anatomische Forschung so nicht möglich wäre. Der menschliche Körper sei ein faszinierendes Konstrukt, sagt Hummel. "Alles hängt mit allem zusammen."

Ein Stockwerk tiefer holen Hummels Kollegen die Verstorbene aus einem Kühlraum und legen sie auf einen Tisch. 69 Jahre wurde die Frau alt. Nun liegt sie da, nackt und sanft lächelnd, wie es scheint. Da sie Metastasen im Bauch hat, ist ihr Körper nicht für die Lehre geeignet. Für OP-Kurse allerdings schon, denn bei denen bilden sich Chirurgen unter realen Bedingungen fort.

Die Präparatoren rasieren die Spenderin an Kopf und Körper. "Damit anonymisieren wir sie. Haare haben einen großen Wiedererkennungswert", erklärt Hummel: "Es ist wichtig für die Studenten und für uns, keinen persönlichen Bezug zum Verstorbenen aufzubauen." Die Perspektive eines Präparators sei immer sachlich und professionell.

Das Herz, ein Muskel, der pumpt: Venen - Arterien - Körperhauptschlagader - Vorhöfe und Kammern mit Herzklappen. An einem Modell erklärt Thorsten Hummel, wie das Herz funktioniert. "Der menschliche Körper ist ein Wunder der Natur. Alles hängt mit allem zusammen. Faszinierend wie das funktioniert."

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