29.01.2020 - 18:12 Uhr
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Thorsten Hummel, Präparator in der Anatomie Erlangen: "Der Tod gehört zum Leben dazu"

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Sie schrauben an Toten herum, haben einen besonders derben Humor und erschrecken kann sie sowieso nichts mehr – Vorurteile über Präparatoren gibt es viele. Doch was macht ein Präparator eigentlich?

Der menschliche Körper ist ein faszinierendes Konstrukt. "Alles hängt mit allem zusammen", erklärt Präparator Thorsten Hummel.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Thorsten Hummel ist medizinischer Sektions- und Präparationsassistent am Institut für Anatomie in Erlangen. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit und wie sein Beruf seine Einstellung zum Leben beeinflusst hat.

ONETZ: Herr Hummel, womit beschäftigt sich die Anatomie?

Thorsten Hummel: Die Anatomie beschäftigt sich mit dem Aufbau des menschlichen Körpers. Als Institution widmet sie sich der Ausbildung von Studierenden und der Forschung. Wir bilden die Mediziner von morgen aus. Wir helfen, OP- und Medizintechnik zu verbessern. In der Anatomie arbeiten Präparatoren, MTAs, Doktoranden, Fachanatomen, Dozenten, Professoren, Biologen, Zahnmediziner, Anthropologen, Biochemiker, Hausmeister, Reinigungskräfte, Sekretärinnen.

ONETZ: Und was macht ein Präparator?

Thorsten Hummel: Der Präparator hat vielfältige Aufgaben. So bereitet er etwa medizinische Kurse und Lehrveranstaltungen vor und nach. Er versorgt die Verstorbenen, präpariert und konserviert sie. Darüber hinaus kümmert er sich gemeinsam mit dem Sekretariat um die Körperspenden, ist Ansprechpartner für Hinterbliebene, sorgt für Materialbeschaffung und widmet sich dem Erhalt und Ausbau der anatomischen Sammlung. Hinzu kommen verschiedene administrative Dinge.

ONETZ: Wie reagieren Menschen, wenn Sie ihnen von Ihrer Arbeit erzählen?

Thorsten Hummel: Für die Meisten ist das befremdlich. Viele sagen, das wäre nichts für sie. Ich weiß das und gehe damit auch nicht aktiv auf andere zu.

ONETZ: Warum glauben Sie, ist dieses Thema für viele befremdlich?

Thorsten Hummel: Die Menschen setzen sich nicht gerne mit dem Sterben auseinander. Der Gedanke an Verlust und Trauer bereitet ihnen Angst. Ich finde das Thema auch nicht schön, aber der Tod gehört nun einmal zum Leben dazu.

ONETZ: Ist es denn nicht belastend, mit Verstorbenen zu arbeiten?

Thorsten Hummel: Ich finde es nicht belastend. Ich habe ja keinen persönlichen Bezug zu den Körperspendern – ich kannte sie nicht, als sie noch lebten. Ich weiß natürlich, dass mein Beruf andere Eigenschaften erfordert als andere Berufe. Ich muss mit Verstorbenen arbeiten und mich einlassen können auf die Eindrücke. Und ich muss physisch belastbar sein.

ONETZ: Ist es schon einmal vorgekommen, dass Sie jemanden kannten, der dann als Körperspender zu Ihnen kam?

Thorsten Hummel: Nein, zum Glück noch nie. Wenn es einmal so sein sollte, würde ich den Fall an Kollegen weitergeben. Die würden selbstverständlich übernehmen.

ONETZ: Sollten Menschen ihre Körper der Wissenschaft vermachen?

Thorsten Hummel: Klar ist: Ohne Körperspender wäre die Medizin nicht so erfolgreich, wie sie es ist. Mithilfe der Körperspender kann die Medizin an neuen Methoden und Technologien forschen, zum Beispiel an Hüft-Implantationen oder neuen Röntgentechniken. Dasselbe gilt für die medizinische Ausbildung. Im Laufe eines Präparationskurses präparieren Studenten der Human- und Zahnmedizin den gesamten Leichnam und lernen so die Anatomie des menschlichen Körpers kennen. Das verdeutlicht, welch großen Gemeinnutzen es hat, wenn Menschen ihren Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Wir sind für Körperspenden sehr dankbar. Das verdient großen Respekt. Es ist aber sicher keine einfache Entscheidung. Diese Frage muss jeder für sich beantworten.

ONETZ: Sie sprechen von einer schweren Entscheidung. Welche Bedenken haben Menschen?

Thorsten Hummel: Wir kümmern uns um den Transport und dass der Angehörige mit dem Bestatter in Kontakt kommt. Wir nehmen den Hinterbliebenen Arbeit ab. Dadurch haben sie mehr Raum für Trauer. Zugleich muss man sich dessen bewusst sein, dass man als Körperspender seinen Körper für zwei bis drei Jahre der Wissenschaft zur Verfügung stellt – so lange verzögert sich auch die Beerdigung. Für Hinterbliebene kann das schwierig sein, weil eine Beerdigung für viele auch Abschiednehmen bedeutet. Deshalb sollten Spender ihr Vorhaben mit den Angehörigen abklären. Hinzu kommt, dass wir die Körper von Spendern sehr genau untersuchen. Viele Menschen wollen das nicht.

ONETZ: Warum spenden Menschen ihre Körper?

Thorsten Hummel: Viele Menschen sind dankbar gegenüber der Medizin, weil sie selbst einmal geheilt wurden. Sie wollen etwas zurückgeben. Manche wollen dem Allgemeinwohl und der Medizin einen Dienst erweisen. Oft spielt Geld eine entscheidende Rolle. Für Körperspender sind Abholung und Beisetzung kostenlos. Der Entschluss zur Körperspende entspricht aber keiner vorsorglichen Bestattungsalternative. Für den Fall der Nichtannahme durch die Anatomie empfehlen wir deshalb eine private Vorsorge.

ONETZ: Wer sind die Spender?

Thorsten Hummel: Unterschiedlich. Junge, Alte, Männer und Frauen gleichermaßen. In der Datenbank haben wir junge Körperspender zwischen 20 und 25 Jahren ebenso wie Alte oder Schwerkranke, die sich Gedanken über den eigenen Tod machen. Männer und Frauen halten sich die Waage. Auch aus der Oberpfalz gibt es bei uns viele Menschen, die sich als Körperspender registriert haben. 2017 waren es 44 Weidener, 19 Schwandorfer und 76 Amberger.

ONETZ: Kann jeder Körperspender werden?

Thorsten Hummel: Grundsätzlich schon, es gibt jedoch in jeder Anatomie eine Reihe von möglichen Ausschlusskriterien.

ONETZ: Was wären denn mögliche Ausschlusskriterien?

Thorsten Hummel: Infektiöse Erkrankungen, stärkeres Übergewicht, eine kürzlich erfolgte Operation, unnatürliche Todesursachen, eine vorangegangene Leichenöffnung oder Sektion durch die Rechtsmedizin oder Pathologie, wenn der Eintritt des Todes außerhalb des Einzugsgebietes des Instituts für Anatomie liegt, wenn mehr als drei Tage nach dem Tod verstrichen sind oder wenn die Aufnahmekapazität des Instituts für Anatomie erreicht ist.

ONETZ: Wie reagieren Hinterbliebene, wenn Sie einen potenziellen Körperspender ablehnen?

Thorsten Hummel: Das ist ein sensibles Thema. Jeder Mensch ist ein Individuum, auch in der Trauer. Manche trauern stark. Für manche ist es eine Erlösung. Manche sind gegenüber dem Tod gleichgültig. Wenn wir einen Körperspender ablehnen, weil er die Voraussetzungen nicht erfüllt, reagieren die Hinterbliebenen oft verständnislos. Das ist teilweise nachvollziehbar. Die Hinterbliebenen trauern und wir können ihnen dann nicht helfen. Und: Der Wille des Körperspenders ist ihnen bekannt, kann aber nicht erfüllt werden. Die Hinterbliebenen empfinden natürlich subjektiv, aber unsere objektiven Beweggründe müssen überwiegen. Manche reagieren aber auch verständnisvoll, wenn sie die Kriterien verstehen.

ONETZ: Sind solche Gespräche nicht belastend für Sie?

Thorsten Hummel: Das ist auch für mich nicht leicht. Auch wenn es mir menschlich Leid tut, ist das eine Vorgabe, nach der ich mich richten muss, obwohl ich den Willen des Spenders würdige. Emotionalität und objektive, sachliche Ablehnungsgründe stehen sich in diesem Fall gegenüber. Ich muss die Rolle des Entscheiders übernehmen. Ich muss sachlich bleiben, schließlich arbeite ich in einem wissenschaftlichen Institut. Wichtig ist, die Körperspende pietätvoll abzuwickeln. Der Verstorbene ist bei uns in guten Händen. Die Gespräche sind immer eine Gratwanderung zwischen sachlich und empathisch. Manche wollen reden. Die Zeit nehme ich mir dann auch, aber es muss bei einem Gespräch bleiben. Ich bin kein Trauerbegleiter oder Bestatter. Insgesamt ist das keine leichte Aufgabe.

ONETZ: Wie gehen Sie mit der Belastung um?

Thorsten Hummel: In unserem Team herrscht zum Glück eine hohe Professionalität und Kollegialität. Das ist enorm wichtig. Privater Ausgleich ist in jedem Beruf wichtig. Abseits der Arbeit muss man Interessen haben. Ich weiß, dass mein Beruf andere Eigenschaften erfordert als andere Berufe. Ich muss mit Verstorbenen arbeiten können. Ich muss mich einlassen können auf die Eindrücke. Ich muss physisch belastbar sein.

ONETZ: Wie geht es anschließend mit dem Körper weiter?

Thorsten Hummel: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel eine Beisetzung in einer Urne im Ehrengrab der Anatomie. Das ist die am häufigsten gewählte Form. Am Zentralfriedhof Erlangen findet einmal jährlich eine Beisetzungsfeier mit Gottesdienst und Musik statt. Das hat einen feierlichen Rahmen und wir bekommen viel positives Feedback. Alternativ dazu kann der Spender seinen Körper auf unbestimmte Zeit dem Institut für die Lehre hinterlassen. Oder er wünscht eine private Beisetzung, die dann jedoch selbst finanziert werden muss.

ONETZ: Hat sich durch ihre Arbeit ihre Einstellung zum Tod verändert?

Thorsten Hummel: Ehrlich gesagt nein. Ich habe mir immer schon Gedanken gemacht. Für mich ist der Tod eine biologische Notwendigkeit. Er befreit von allem, was das Leben in einem Körper und auf der Welt mit sich bringt. Der menschliche Körper ist ein faszinierendes Gebilde, das erstaunlich lange funktioniert. Irgendwann ist man aber müde und möchte schlafen. Im Leben kommt eine Zeit zu gehen. Für einen selbst ist das vermutlich eine Befreiung. Schmerzhaft ist der Verlust vor allem für Hinterbliebene.

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