12.01.2021 - 16:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Durch die Nacht bei Ausgangssperre und Lockdown

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In Grafenwöhr steht die Polizeistreife in einer Seitenstraße, wartet auf Nachtschwärmer. Trotz Ausgangssperre ist erstaunlich viel los in der Stadt. Das zeigt sich bei einem Streifzug durch Weiden und den Landkreis Neustadt/WN.

Um 21.03 Uhr fährt am Pressather Bahnhof der Zug aus Bayreuth ein. Niemand steigt ein, niemand aus. Seit drei Minuten gilt die Ausgangssperre.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Der Verkehr auf der B 470 von Weiden in Richtung Westen ebbt um 21 Uhr merklich ab. Am Brandweiher sind ein paar Minuten nach Beginn der Ausgangssperre noch zwei Gassigeher auf den letzten Metern nach Hause. Kurz darauf in Parkstein ist kein Mensch zu sehen, obwohl besonders in den Neubausiedlungen die weihnachtliche Gartenbeleuchtung für Helligkeit sorgt. Die ersten Lebewesen auf der Strecke durch die nächtliche Region sind zwei Rehe kurz vor Hammerles. Dreieinhalb Stunden später werden sieben oder acht Tiere zwischen Roschau und Neustadt die Straße queren.

Hammerles und Schwarzenbach wirken wie ausgestorben, nur in ein paar Fenstern brennt Licht. Ein kurzes Zucken auf der Nebenstraße nach Pressath: Steht in Walbenweiher jemand am Straßenrand? Nein, es ist nur ein Weihnachtsmann mit Ringelstrümpfen, der hier noch in der Dunkelheit herumlungert. Oberhalb der Stadtpfarrkirche in Pressath schlüpft ein Jugendlicher in eine Gasse, als er das Auto heranfahren sieht. Ansonsten rangiert nur ein Schwerlaster im Gewerbegebiet.

Anhaltesignal am Dach

Anders ist die Situation in Grafenwöhr. Vier, fünf Pkws sind in der Bahnhof- und Neuen Amberger Straße unterwegs, einer davon eine Polizeistreife. Kurz danach leuchtet das Anhaltesignal auf dem Dach für das vorausfahrende Auto. Dessen Fahrer kommt von der Schicht, darf weiterfahren. Nach Angaben der Polizei ist das der häufigste Grund, warum Fahrzeuge trotz Ausgangssperre auf den Straßen sind.

Kurz danach gegen 22.15 Uhr erwischen die Beamten der Inspektion Eschenbach ebenfalls in Grafenwöhr den einzigen, den sie in dieser Nacht im Landkreis Neustadt und der Stadt Weiden aufgreifen, der unberechtigter Weise unterwegs ist. Der 23-Jährige hatte Hunger und sich eine Pizza geholt. Liefern wäre kein Problem gewesen. Aber das Essen selbst zu holen, mache die Pizza teuer, bemerkt Eschenbachs Polizeichef Werner Stopfer. Wie hoch das Bußgeld wegen des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz wird, entscheidet das Landratsamt. Die Fastfood-Brater haben sich auf die veränderte Lage eingestellt. In der hell erleuchteten Filiale am Gate 3 tönt ein „Closed“ aus der Bestellsäule des Drive-In-Autoschalters.

In Weiden an der Tankstelle stehen zwei Autos. Eines davon befüllt Alhamni Mehommad Mizar für die Tour vom Druckzentrum des Neuen Tages zu den Ablagestellen für die Zeitungsträger in Sulzbach-Rosenberg. Drinnen bestätigt Andreas Raß, dass es deutlich ruhiger geworden sei, seit die Ausgangssperre gilt. Der Verkauf an Nachbarn, denen Süßigkeiten oder Alkohol in der Nacht ausgegangen seien, ist ebenso zurückgegangen wie die damit verknüpften Gespräche mit den Stammkunden.

Werdende Mutter mit Hunger

Eine Schwangere habe den werdenden Vater vor ein paar Tagen zur Tankstelle geschickt, weil sie dringend etwas Süßes zu Essen gebraucht habe, berichtet der Tankwart. Auf der Straße sei der Mann direkt einer Polizeistreife in die Arme gelaufen. „Der Polizist ist selbst vor noch nicht allzu langer Zeit Vater geworden. Den kenn ich ein bisserl“, sagt Raß. „Ich habe ihn gebeten, nicht zu hart wegen des Verstoßes gegen das Ausgangsverbot gegenüber dem Kunden zu sein.“

Am Weidener Bahnhof hat der "Alex" aus Regensburg Verspätung. Ausgestiegen ist kurz vor 23 Uhr ein Amerikaner, der vom Flughafen München kam. Bekannte holen ihn ab. Derweil wartet ein Taxler auf die Oberpfalzbahn. Das Geschäft läuft seit den Corona-Einschränkungen schlecht. Er versteht die Maßnahmen nicht, meint, dass sie keinen Effekt haben. Er will Feierabend machen und einen Freund mit nach Hause nehmen, der aus Regensburg mit dem Zug kommt. 22.48 Uhr wäre die reguläre Ankunft gewesen, um 23.08 Uhr fährt die Bahn ein. Vier Reisende steigen aus. Einer kommt von der Arbeit bei der Flachglas in Wernberg. Den Rest des Heimweges fährt er mit dem Roller. „Hoffentlich werde ich nicht kontrolliert“, sagt er in der unter fünf Grad kalten Nacht. Dreimal ist ihm das bisher passiert. Aber von der Arbeit nach Hause darf man – auch während der Ausgangssperre.

Kontrolle am Autobahnparkplatz

Auf den Autobahnen sind gegen Mitternacht viele Lastwagen unterwegs. Zahlreiche Fahrer stehen aber auch auf den Parkplätzen Grünau an der A 93 sowie an der A ┐6, Wittschauer Höhe und Ulrichsberg kurz vor Waidhaus. In Fahrtrichtung Nürnberg kontrolliert eine Zivilstreife der Bundespolizei einen alten VW-Bully. Die Papiere der Insassen aus Moldawien sind in Ordnung. Doch ein drei- und ein sechsjähriges Kind sitzen ohne passenden Sitz im Auto. 70 Euro Bußgeld und einen Punkt verhängen die Beamten der Verkehrspolizei Weiden gegen den Fahrer. Den Fall haben sie von der Bundespolizei übernommen.

Franz Hackl am Autohof in Windischeschenbach hat ebenfalls weniger zu tun, seit in der Nacht nahezu ausschließlich Lastwagen unterwegs sind. Zur Geisterstunde hat er die Kaffeemaschine saubergemacht, jetzt kommt die Theke dran. Ein paar Kilometer weiter an der Rastanlage Waldnaabtal will ein Mann ohne Maske die Tankstelle betreten. Erst als er sein in Klarsichtfolie gepacktes Attest vorzeigt, darf er durch die Tür. Draußen albern derweil zwei junge Männer aus Wien im beginnenden Schneefall herum. Ihr Ziel ist Hamburg. „Ich kaufe Nitrilhandschuhe für Krankenhäuser“, sagt einer der beiden. Es gehe darum, vor Ort die Qualität der Ware zu prüfen und sie gleich für die Spedition verpacken zu lassen.

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Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Klinikum und Notaufnahme

  • Von Montag, 21 Uhr, bis Dienstag, 5 Uhr, waren im Klinikum Weiden insgesamt 221 Kollegen im Haus tätig
  • Einen Schichtwechsel in dieser Zeit hatten 101 Mitarbeiter.
  • Geburten gab es in dieser Zeit keine.
  • Die Notaufnahme verzeichnete eine ganz gewöhnliche Nachtschicht. Insgesamt wurden 11 Patienten notfallmäßig versorgt.
  • 6 dieser Patienten wurden mit dem Rettungswagen eingeliefert.
  • 5 Patienten kamen mit internistischen Notfällen wie akuten Bauchschmerzen.
  • 6 Patienten wurden aufgrund chirurgischer Notfälle wie Schnittverletzungen behandelt.
  • Ein Teil dieser Patienten wurde stationär aufgenommen, einige konnten nach der Behandlung wieder nach Hause gehen.
  • Die Mitarbeiter fertigten von 21 Uhr bis 5 Uhr 8 CT- und 25 Röntgen-Aufnahmen an.

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