04.07.2018 - 08:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Neue Modelle im Gesundheitswesen

Über Reformen im Gesundheitswesen wird schon lange nachgedacht. Allmählich werden die Vorschläge konkreter. Forscher und Wirtschaftsvertreter aus drei Ländern diskutierten darüber einen Tag lang in der OTH in Weiden

Unter Moderation von OTH-Dekan Clemens Bulitta (Fünfter von links) diskutierten (von links) Professor Steffen Hamm, Geschäftsführer der Gesundheitsregion Plus Nordoberpfalz; Dr. Thomas Egginger, ärztlicher Direktor der Kliniken Nordoberpfalz ; Fachbereichsleiter Jan Karásek vom Gesundheitsamt Pilsen und Tina Hawel von der youtoo GmbH in Wien
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) „Wir brauchen neue Versorgungsmodelle im Gesundheitswesen“ forderte der ärztliche Direktor der Kliniken Nordoberpfalz Dr. med. Thomas Egginger in einer Podiumsdiskussion über die medizinische Versorgung der Bevölkerung in den ländlichen Räumen. Die Gesprächsrunde war Höhepunkt und Abschluss eines Kongresses zum Thema „Digitalisierung: Chance für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum“. Die Europaregion Donau-Moldau hatte dazu zusammen mit der OTH im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Forschung trifft Wirtschaft“ eingeladen. Die Diskussionspartner kamen aus Deutschland, Österreich und Tschechien.

Einigkeit bestand über die notwenige Reform des Gesundheitswesens in der gesamten Donau-Moldau Region. Für Egginger muss man „aus alten Mustern rausgehen“. „Was möchte der Patient?“ müsse als Frage im Mittelpunkt stehen. Ängste in der Bevölkerung vor Reformen seien vorhanden, „aber in der Politik manchmal noch größer“. Egginger hatte in einem Referat vorher die Schaffung von sektorenübergreifenden regionalen Verbünden als „Philosophie der Kliniken Nordoberpfalz“ beschrieben. Darin gibt es ein Schwerpunktversorgungskrankenhaus und daneben Gesundheitszentren mit stationärer Versorgung und ambulanten Praxen einschließlich Notfallversorgung. Dieses Modell ändert in erheblichen Umfang das derzeitige Nebeneinander von niedergelassenen Ärzten und Krankenhausmedizin.

„Eine starke sektorale Ausrichtung führt zu unwirtschaftlichen Versorgungsstrukturen, Qualitätsverlust und gefährdet die Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten“ stellte Egginger fest. Auch Professor Steffen Hamm, Geschäftsführer der Gesundheitsregion Plus Nordoberpfalz, fordert „Mut für neue Versorgungsmodelle“. Ein Fehler sei immer alles in der heutigen Form erhalten zu wollen. Es komme auf die Wirkung an. Schließlich spiele es keine Rolle „ob es ein tatsächliches oder ein virtuelles Gebäude gibt“. Aufklärungsarbeit sollte der Bevölkerung die Ängste vor Veränderungen nehmen. Für Tschechien und die Region Pilsen stellte Jan Karásek, Leiter des Fachbereichs Gesundheit beim Kreisamt Pilsen fest „kleine Krankenhäuser sterben bei uns allmählich ähnlich wie in der Nordoberpfalz“. Er lobte auch die „sehr aktive grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz im Rettungswesen“. Probleme gebe es noch „weil Patienten an der Grenze umgelagert werden müssen“. Karásek berichtete von einer gut funktionierenden Notfallkarte mit Patientendaten in der Region Pilsen. Eine Einführung elektronischer Rezepte hätten Ärzte verhindert.

Tina Hawel von der youtoo GmbH in Wien plädierte dafür, die Digitalisierung in der Medizin nicht so einzusetzen, „dass sie den Menschen ersetzt, sondern dass sie ihm hilft“. Auch müsse man bei den Krankenkassen für die Vorteile der Digitalisierung ein größeres Bewusstsein schaffen. In den circa zwanzig Einzelvorträgen des Veranstaltungstags stellten Wissenschaftler zahlreiche neuentwickelte digitale Produkte der Medizintechnik sowie Softwarelösungen im Gesundheitsbereich vor. Unter anderem ging es um intelligente Textilien für die häusliche Pflege und um IT-Lösungen für schnelle Diagnosen bei einem Massenanfall von Verletzten.

Großen Eindruck bei den Teilnehmern hinterließ das Projekt „VR4Theapy“, das von Robert Hartmann von der österreichischen Netural GmbH vorgestellt wurde. Gezeigt wurde wie mit Virtual Reality-Brillen Demenzkranke behandelt werden. Hartmann berichtete von „bisher sehr positiven Ergebnissen“. Er zeigte Beispiele wie Demenzkranke mit dieser Brille in Filmmaterial aus der Vergangenheit hineingeführt werden. Unter anderem bewegt sich ein ehemaliger Laufsportler wieder in einem Laufwettbewerb. Eingesetzt werden könne dieses „wenig teure Instrument“ in Pflegeeinrichtungen oder auch in der Palliativmedizin, betonte Hartmann. Moderiert wurde der gesamte Veranstaltungstag von OTH-Dekan Clemens Bulitta. Grußworte sprachen OTH-Präsidentin Andrea Klug und Bezirkstagspräsident Franz Löffler.

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