11.09.2018 - 17:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Niemand da, der zuhört

Einsamkeit ist eines der gravierendsten Probleme. "Es ist niemand da, dem die Betroffenen von ihrem Alltag erzählen können", sagt Sozialpädagogin Nadine Röckl-Wolfrum. Die Telefonseelsorge Weiden wird so für viele zur letzten Zuflucht.

Jederzeit ein offenes Ohr: Nadine Röckl-Wolfrum und Friedrich Dechant, Leiter der Telefonseelsorge Weiden, hoffen auf weitere Mitstreiter.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Doch um die Nachfrage zu bewältigen, sind viele Ehrenamtliche nötig. Zur Zeit sind es rund 70. "Die Zahl ist im Laufe des Jahres etwas gesunken", sagt Friedrich Dechant, Leiter der Telefonseelsorge. "Wir müssen wieder auffüllen." Welche Voraussetzungen die Interessenten mitbringen sollen und was sie erwartet, darüber informieren er und Nadine Röckl-Wolfrum im Interview mit Oberpfalz-Medien.

ONETZ: Sie starten demnächst wieder einen Ausbildungskurs. Wie viele Kräfte suchen Sie denn, und warum hat eine Reihe von Ehrenamtlichen aufgehört?

Friedrich Dechant: Wir wünschen uns 12 neue Mitarbeiter. Dass mehrere Ehrenamtliche ausgeschieden sind, liegt nicht an der Belastung durch die Arbeit hier. Da gibt es andere Faktoren: Zum Beispiel berufliche Wechsel, Altersgründe und (Dechant schmunzelt), die Omas haben keine Zeit mehr. Sie werden von den Enkeln gebraucht, und die leben oft weiter weg. Das ist zeitaufwendig.

ONETZ: Welche Voraussetzungen erwarten Sie von den Neuen?

Friedrich Dechant: Ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Das Interesse an Menschen und die Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Fragestellungen einzulassen. Außerdem brauchen sie Zeit: 20 Stunden im Monat, das wäre gut.

ONETZ: Ausbildungsstart ist im November. Wie viele Unterrichtseinheiten stehen an?

Friedrich Dechant: Vorgesehen sind 30 Termine, verteilt auf eineinviertel Jahre. In den Ferien findet kein Unterricht statt.

ONETZ: Wird dieser Einsatz eigentlich entlohnt?

Nadine Röckl-Wolfrum: Es gibt lediglich eine Aufwandsentschädigung. Ansonsten handelt es sich um ein echtes Ehrenamt.

ONETZ:

Friedrich Dechant: Durch die Arbeit am Telefon bekommt man ganz viel zurück. Man merkt, dass man anderen hilfreich zur Seite stehen kann, das vermittelt ein gutes Gefühl. Man lernt auch viel für sich selbst: Kommunikationstechniken zum Beispiel. Und wir sind ein nettes Team.

ONETZ: 2017 feierte die Telefonseelsorge Weiden 25-jähriges Bestehen. Wissen Sie, wie viele Menschen seit dem Start bis heute bei Ihnen Rat gesucht haben?

Friedrich Dechant: Wir hatten bisher rund 400000 Kontakte. Das ist nicht gleichzusetzen mit 400000 Ratsuchenden. Denn manche Menschen rufen häufiger an.

ONETZ: Psychische Probleme nehmen immer mehr zu. Gilt das auch für die Menschen, die bei Ihnen Rat suchen?

Nadine Röckl-Wolfrum: Psychische Erkrankungen spielen schon eine sehr große Rolle. Aber unsere Ehrenamtlichen sind sehr gut ausgebildet und wissen, damit umzugehen. Bei Bedarf informieren sie außerdem über weiterführende Hilfen.

ONETZ:

Friedrich Dechant: Häufig ist der Weg auch umgekehrt. Viele Menschen rufen uns an, wenn sie schon große Therapieerfahrung haben oder auch wenn ihr Therapeut in Urlaub ist.

ONETZ: Welche Sorgen treiben die Menschen noch um, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Nadine Röckl-Wolfrum: Bei depressiven Menschen geht es vor allem um eine Tagesmotivation, darum, den Alltag zu begleiten. Welche Schritte mache ich morgens zuerst. Was folgt danach? Ansonsten werden wir mit dem vollen Leben konfrontiert. Probleme in der Partnerschaft, in Schule oder Beruf, Krankheiten und Suchtprobleme. Doch eines der gravierendsten Probleme ist Einsamkeit.

ONETZ: Haben Sie da eine Veränderung bemerkt?

Friedrich Dechant: Anfangs hat das soziale Netz in der Region noch gut funktioniert. Mittlerweile hat die aus Großstädten bekannte Beziehungsproblematik ‒ "ich finde niemanden, mit dem ich klar komme" ‒ auch uns eingeholt. Die Familie ist als soziales Netz oft nicht mehr vor Ort. Deshalb soll der Partner alle Sehnsüchte verstehen und erfüllen. Die Erwartungen sind zu hoch. Das ist eine Überforderung für beide Seiten. Dazu kommt: Heutzutage werden Beziehungen leichter gelöst. Das ist zum einen positiv. Zum anderen begeben sich manche Menschen immer wieder neu auf die Suche nach einem Partner und nehmen dabei ihre Probleme mit.

ONETZ: Was ist die Konsequenz?

Friedrich Dechant: Letztlich wird die Beziehung emotional zu stark aufgeladen: Der Luftballon kann bloß platzen. Vor allem in der Vorweihnachtszeit macht sich das bemerkbar. Das fängt schon im November an. 30 bis 40 Anrufe kommen bis Weihnachten gut zusammen. Unabhängig von den anderen Problemlagen, mit denen die Telefonseelsorge konfrontiert wird.

ONETZ: Die Ferienzeit ist zu Ende. Gab es für Sie auch eine Sommerpause?

Nadine Röckl-Wolfrum: Ein bisschen ruhiger ist es im Sommer schon. Der Schuldruck ist weg. Im Urlaub gibt es kein Mobbing am Arbeitsplatz und auch Studenten melden sich vermehrt in Zeiten von Klausuren. Da merkt man, dass viel verlangt wird.

ONETZ: Zurück zu den Ehrenamtlichen. Bis wann sollen sich die Interessenten melden?

Nadine Röckl-Wolfrum: Möglichst bis 10. Oktober unter der Telefonnummer 0961/418217, damit wir die Ausbildungstermine planen können. Wir freuen uns schon auf die Neuen, auf ihre Vielfalt. Das sind ganz unterschiedliche Personen - und wir stellen immer wieder fest, dass wir auch von ihnen viel lernen.

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