21.10.2021 - 19:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Oberpfälzer besorgt sich falsches Attest über Facebook

Dr. Peer Eifler aus Bad Aussee in Österreich galt als Geheimtipp der Querdenker-Szene. Der Mediziner stellte bereitwillig Atteste zur Maskenbefreiung aus. Ein Telefonat genügt, Bezahlung per Paypal. Auch in der Oberpfalz gab es Besteller.

Hier, in der Fußgängerzone Weiden, kontrollierte eine vorbeifahrende Polizeistreife den Angeklagten im Dezember 2020. Er fiel den Beamten auf, weil er - anders als alle anderen Passanten - keine Maske trug.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Maik S. (51, Name geändert) aus dem Altlandkreis Vohenstrauß besorgte sich im September 2020 aus Österreich ein Attest, das ihn vom Tragen eines Mund-Nase-Schutzes befreite. Dieses Dokument zeigte er in Weiden zwei Mal vor, als ihn die Polizei kontrollierte. Im November 2020 bei der Querdenker-Demo am Volksfestplatz, im Dezember fiel er einer Streife in der Fußgängerzone auf, weil er keine Maske trug. Die Polizistin fotografierte das Blatt ab und brachte die Ermittlungen ins Rollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm den "Gebrauch unrichtiger Gesundheitszeugnisse" vor.

Einen Strafbefehl über 150 Tagessätze akzeptierte der 51-Jährige nicht. Auch die folgende Verurteilung durch das Amtsgericht Weiden zu 120 Tagessätzen a 10 Euro nicht. Und so stand der gelernte Lackierer am Donnerstag vor der Berufungskammer unter Vorsitz von Richterin Vera Höcht am Landgericht. Das Ende: noch offen. Verteidigerin Ilka Seifert-Lang kündigte an: "Wir ziehen das jetzt durch." Notfalls bis zum Oberlandesgericht.

Panik und Atemnot

Was war passiert? Maik S. bekommt nach eigenem Bekunden Panikattacken und Atemnot unter der Maske. Sein Hausarzt habe seinem Wunsch nach einer Befreiung dennoch nicht entsprochen. "Der hat gesagt: So schlimm ist das doch nicht, die kann man doch 10 Minuten aufsetzen." Eine Bekannte gab ihm den Tipp auf den österreichischen Arzt. "Die hat auch so ein Attest." Er habe dort angerufen und seine Beschwerden geschildert. Gegen 10 Euro Zahlung wurde ihm im September 2020 die Bescheinigung zugeschickt.

Maik S. will nicht geahnt haben, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen lief. Ein klein wenig Internet-Recherche hätte schon geholfen. Querdenker-Guru Dr. Peer Eifler war zu dem Zeitpunkt monatelang in den Schlagzeilen. Im März 2020 forderte der Arzt aus der Steiermark im österreichischen Fernsehen eine Aufhebung der Schutz-Maßnahmen. Corona sei "weniger als eine leichte Grippe". Die Toten hätten sich erst im Krankenhaus mit dem Virus angesteckt. Und so weiter. Nach eigenem Bekunden hat Eifler jede Woche hunderte Atteste zur Maskenbefreiung ausgestellt, zum Preis von 10 bis 30 Euro. Er warb via Facebook: "Sie möchten ein Attest gegen den Masken-Wahnsinn? Gerne bei mir!"

Inzwischen Berufsverbot

Im April 2020 drohte ihm die österreichische Ärztekammer mit dem Entzug der Zulassung, was im September 2020 auch erfolgte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, seine Praxis wurde durchsucht. Inzwischen ist der gebürtige Wiener nach Tansania ausgewandert und postet vom Fuße des Kilimandscharo. Kostprobe? "Wir leben im dritten Weltkrieg, in einer fürchterlichen und weltweiten Gesundheitsdiktatur. (...) Es wird wahrscheinlich keine Nürnberger Prozesse geben und es wird keine Umkehr geben. Die Anschläge sind global, bösartig und ziemlich gut inszeniert."

Maik S. trägt auch am Donnerstag im Justizgebäude keine Maske. Er hat sich inzwischen von zwei Oberpfälzer Ärzten und einem Psychiater Atteste besorgt, die ihn vom Tragen eines Mund-Nase-Schutzes befreien. Sein Gesundheitszustand erlaube dies eben nicht, sagt Anwältin Ilka Seifert-Lang: "Er wollte nie täuschen." Als Richterin Vera Höcht wiederholt zur Rücknahme der Berufung rät ("Bei uns kann es auch teurer werden"), wirft ihr die Verteidigerin versuchte Nötigung vor. Die Anwältin stellt einen Befangenheitsantrag. Das Verfahren wird am 9. November weitergeführt.

Großes Verfahren in Amberg

Ein weit größeres Verfahren rollt indessen auf das Landgericht Amberg zu. Gegen einen Arzt aus dem Landkreis Schwandorf wird wegen Befreiung von der Masernimpfung und der Maskenpflicht in großem Stil ermittelt. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Jürgen Konrad dauern die Ermittlungen noch an. Eines von zwei in Auftrag gegebene Gutachten liege noch nicht vor. Jeder Fall müsse einzeln geprüft werden, denn es könne Fälle geben, bei denen das Attest richtig war.

Die Ermittlungen gegen den Schwandorfer Arzt:

Schwandorf
"gerne jederzeit!" So bot der österreichische Arzt Peer Eifler ab Frühjahr 2020 Atteste zur Maskenbefreiung an.
Kommentar:

Gefälligkeitsatteste: Für den Arzt der große Reibach, für den Kunden eine Geldstrafe

Papperlapapp! Möchte man rufen. „Das habe ich doch nicht ahnen können“, sagt der Angeklagte im Verfahren um seine Maskenbefreiung.

Natürlich hat er recht, wenn er sagt: Damals konnte jeder Hausarzt nach einem Telefonat eine Krankschreibung verschicken. Aber der ausstellende Mediziner war eben nicht sein Hausarzt. Sondern ein in Österreich lebender Corona-Leugner, der ihn noch nie in seinem leben gesehen hat. Medien berichten seit März 2020 über den seltsamen „Guru aus der Steiermark“.

Peter Eifler, der sich gern „Peer“ nennt, warb seinerzeit via Facebook um Kunden: „Sie brauchen ein Attest gegen den Maskenwahnsinn? Gern jederzeit.“ Eine kleine Rechnung: Hunderte Kunden pro Woche (so sagt er selbst), die durchschnittlich 20 Euro per Paypal überwiesen...

Sein Kunde aus der Oberpfalz wird ein paar Euros brauchen, wenn er zur Geldstrafe auch die Gerichtskosten tragen sollte. Seine Chancen gehen gegen Null. Der Gesetzestext ist glasklar: Ein Gesundheitszeugnis ist unrichtig, wenn es ohne erforderliche Untersuchung stattgefunden hat. Und so war es.

Von Christine Ascherl

 

 

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