06.02.2020 - 10:27 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Offenes Ohr in ohnmächtiger Not

Hoffnungslos, heimatlos, hilflos. Ein Leben voll Angst und Ausgrenzung. Oft im Verborgenen. Obdachlose Menschen gibt es auch in Weiden. Menschen, die auf der Straße leben, in Mülleimern nach Essen suchen. Doch es gibt Hilfe - und Hoffnung.

Auch in Weiden gibt es zahlreiche Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Lautes Lachen schallt durch die kleine Holzhütte am Rande von Weiden. Auf dem Herd köchelt eine Suppe, der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Angeregt erzählen sich die sechs Männer, die um den mit Kerzen dekorierten Tisch sitzen, Geschichten von früher. Von ihren großen Plänen, ihrer Hoffnung. Sie wirken wie alte Freunde. Vertraut. Glücklich. Ausgelassen. Dass jeder von ihnen ein schweres Schicksal mit sich trägt, ist an diesem Nachmittag nur selten zu sehen. Die Männer sind obdachlos. Manche seit Tagen, andere seit Jahren. In ihrer Mitte sitzt Ursula Barrois. Auch sie lächelt. Dann klopft es. Vor der Tür steht ein junger Mann. Er weiß nicht, wo er diese Nacht schlafen soll. Er braucht Hilfe – und eine Unterkunft.

Auszeit von perspektivlosem Leben

„Können wir reden? Ich weiß nicht mehr, wohin“, sagt der Mann. Sein Kopf ist gesenkt, seine Wangen von der Kälte gerötet. Über seiner Schulter hängt eine kleine Tasche mit wenigen Habseligkeiten. Er hat sich zu Fuß aufgemacht, um in der Obdachlosennotunterkunft in der Schustermooslohe Hilfe zu finden. „Natürlich. Komm erstmal rein und wärm dich auf. Möchtest du einen Kaffee? Wir werden eine Lösung finden“, sagt Ursula Barrois, Vorsitzende des Vereins „Die Initiative Weiden“, und lächelt. Es ist Dienstagnachmittag. Gemeinschaftsnachmittag in der Notunterkunft. Eine kleine Auszeit vom sonst oft angsterfüllten und perspektivlosen Leben der obdachlosen Männer. Es wird still in der kleinen Hütte, als der Mann eintritt. Einige Momente sehen ihn die anderen nur an, dann steht Thomas (Name redaktionell geändert) auf und geht zur Kaffeemaschine. „Setz dich erstmal. Willkommen. Fühl dich wie zu Hause.“

Das Gefühl, Willkommen zu sein, ernstgenommen zu werden. Nicht alleine mit scheinbar ausweglosen Situationen zu sein - das will Ursula Barrois Menschen geben, die vor dem Nichts stehen. „Wir sind Anlaufstelle, Zuhörer, Unterstützer und Vermittler“, betont die Vorsitzende der „Initiative“. Vor über 40 Jahren gründete sie den Verein, der Obdachlose unterstützt, ihnen ein Dach über dem Kopf bietet und sie bei Behördengängen begleitet. „Ein Vollzeitjob“, zu dem sie „durch ein prägendes Erlebnis“ gekommen ist. In den 1970er Jahren erfährt Barrois, dass es in Weiden eine Notunterkunft für Obdachlose gibt. Sie will helfen – und besucht die Unterkunft. 800 DM hat sie dabei, die sie spenden möchte. Doch was sie in der Unterkunft sieht, raubt ihr für einen Moment den Atem. Familien leben auf engstem Raum in Baracken, Kinder in größter Armut.

Barrois beschließt, das Geld als Grundstock für ein langfristiges Hilfsprojekt vor Ort zu investieren – die „Geburtsstunde der ,Initiative‘“. „Seitdem hat sich viel geändert. Unser erstes Ziel war es, dass keine Familien mehr in der Notunterkunft leben. Wir wollten andere Lösungen für sie finden. Das haben wir vor 20 Jahren geschafft.“ Barrois arbeitet mit einem Team aus größtenteils ehrenamtlichen Helfern. So wie Michelle und Johannes. Beide sind Anfang 20 und engagieren sich seit einigen Monaten im Verein. „Die Arbeit ist sehr erfüllend. Es ist schön, Menschen zu unterstützen, denen es nicht so gut geht. Nicht immer leicht, aber erfüllend. Ich habe hier erst gemerkt, wie privilegiert die meisten von uns sind“, erzählt Michelle während des Gemeinschaftsnachmittags.

Ursula Barrois und ihr Team der "Initiative" helfen Menschen, die keine Heimat mehr haben.

Auch Johannes ist glücklich, ein Teil der „Initiative“ zu sein. „Für uns ist die Arbeit manchmal auch komplex. Wir arbeiten uns immer wieder in die Bürokratie ein, recherchieren, welche rechtlichen Grundlagen und Möglichkeiten es für die Betroffenen gibt – und begleiten sie bei wichtigen Gängen.“ Neben ihm sitzt Thomas. Er lebt seit einem Jahr in der Notunterkunft. „Es war damals die richtige Entscheidung, hierher zu kommen. Hier hat man mich aufgefangen, unterstützt. Aber jetzt wird es Zeit, eine eigene Wohnung zu finden.“ Er ist Mitte 50. Bis vor wenigen Jahren lebte er ein klassisch gutbürgerliches Leben. Verheiratet. Ein eigenes Haus. Kind. Doch dann zerbrach die Ehe – und mit ihr seine Existenz und seine finanzielle Sicherheit. „Plötzlich stehst du vor dem Nichts.“ Noch gut erinnert er sich an den Tag vor einem Jahr, an dem er mit seiner Tasche zu den Behörden der Stadt Weiden ging und fragte: „Wo kann ich hin? Ich habe kein Zuhause mehr.“ „Sie haben mich zu Ursula geschickt. Und das war meine Rettung.“

Aktuell leben 20 Männer in der Unterkunft. „Zum Vergleich: 1979 waren es noch 110 Bewohner. Davon zahlreiche Familien mit Kindern“, erzählt Barrois. „Seitdem haben wir schon einiges geschafft. Aber es gibt noch viel zu tun.“ Die obdachlosen Menschen sind in möblierten Zimmern untergebracht. Einzel- und Doppelzimmer. Manchmal nur ein paar Tage. Manchmal mehrere Jahre. Ein kleines Stück Heimat in der Heimatlosigkeit. Und diese kann jeden treffen, erklären Ursula Barrois und ihr Stellvertreter Walter Fentzke. Scheidung, Kündigung, fehlender sozialer Rückhalt. „Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Einer der Hauptgründe sind aber Mietschulden. Oft schaffen es die Betroffenen nicht, Anträge rechtzeitig zu stellen oder sind mit den Formularen überfordert. Es sind immer die gleichen drei Schritte. Erst die Klage auf Wohnungsherausgabe. Dann das gerichtliche Urteil. Ziehen die Personen immer noch nicht aus, steht der Gerichtsvollzieher vor ihrer Tür. Dann wird es kritisch.“

Auch ehemalige JVA-Insassen fänden oft den Weg in die Notunterkunft. „Ein großer Bereich. Sie werden entlassen und wissen nicht, wohin. Viele haben keine Angehörigen oder schämen sich, zu ihnen zurückzukehren. Dann kommen sie zu uns. Selbst, wenn sie in einem weiter entfernten Gefängnis untergebracht waren. Die Suche nach der Anonymität denke ich. Wir helfen jeden, der unsere Hilfe braucht.“

"Job weg, Frau weg, Wohnung weg"

„Und für diese Hilfe sind wir euch sehr dankbar“, sagt Thorsten (Name redaktionell geändert). Auch er ist an diesem Gemeinschaftsnachmittag in die Holzhütte gekommen. So wie jeden Dienstag. „Ich genieße das sehr. Wir können uns untereinander austauschen, über Probleme sprechen, aber unsere Sorgen auch einfach mal vergessen.“ Thorsten ist zum dritten Mal in der Notunterkunft. Immer wieder hat er den Absprung versucht. „Einige Zeit hat es auch immer funktioniert. Dann kam die Sucht zurück.“ Viele Jahre lebte auch Thorsten ein geregeltes Leben. Fester Job, glückliche Beziehung, großzügige Wohnung. Dann kam der Alkohol – „und alles ging den Bach runter“. Erst verliert er seinen Job, dann seine Freundin, am Ende sein Zuhause. „Ich habe vier Jahre auf der Straße gelebt, mich irgendwie durchgeschlagen. Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden kann, war völlig überfordert. Ich habe aus Mülleimern gelebt, mich in Geschäften aufgewärmt, wenn es draußen zu kalt war.“ Immer wieder hätten ihn andere Obdachlose gefragt, ob er nicht mit ihnen in die Großstadt kommen wolle. Berlin, München. „Da sei es leichter für Menschen wie uns haben sie gesagt. Aber Weiden ist meine Heimat. Ich bin hier geboren, aufgewachsen. Ich will hier nicht weg.“ Er schweigt kurz. „Manchmal kann ich das alles nicht glauben.“

Überforderung. Scheinbare Perspektivlosigkeit. „Das hören wir oft. In Notsituationen schaffen es viele Betroffene nicht, sich auch noch mit behördlichen Angelegenheiten wie Anträgen auseinanderzusetzen. Sie verlieren ihre Hoffnung. Deshalb helfen wir ihnen, diese Hürden zu nehmen, beraten sie, stehen ihnen zur Seite bei Behördengängen. Und wir unterstützen sie bei der Wohnungs- und Arbeitssuche – was nicht immer leicht ist.“ In vielen Fällen setzt die Arbeit der Vorsitzenden schon viel früher an. Denn: „Wir glauben, dass wir mit guter Präventionsarbeit viele Menschen davor bewahren können, überhaupt in die Obdachlosigkeit zu rutschen.“ Seit einigen Jahren bietet „Die Initiative“ Familien sozialpädagogische Hilfe an, berät akut gefährdete Personen und unterstützt mit professioneller Sozialarbeit.

„Oft fangen die Probleme schon in der Jugend oder Kindheit an. Wenn wir diese Probleme früh losen, vermeiden wir, dass diese Jugendlichen später auf der Straße stehen.“ Doch mehr Aufgaben bedeuten mehr Zeitaufwand. Barrois lacht: „An manchen Tagen könnte man sich vierteilen und es würde trotzdem nicht reichen. Werden wir über einen akuten Notfall informiert, sind wir da. Egal, wie spät es ist und egal, wie viel wir an diesem Tag schon gearbeitet haben.“ Mehrere Mitarbeiter würden die Situation entlasten – „vor allem psychologisches und sozialpädagogisches Fachpersonal“. Doch das kostet Geld. „Und das haben wir nicht.“ Barrois arbeitet eng mit zahlreichen Behörden zusammen. Jugendamt, Stadt Weiden, Sozialamt. „Das hilft uns sehr. Wir werden benachrichtigt, wenn Menschen drohen, in die Obdachlosigkeit abzurutschen. So können wir rechtzeitig eingreifen. Und wir werden unterstützt.“

40 Jahre Hilfe für Obdachlose

Auch über den meist positiven Zuspruch der Bevölkerung ist die Ehrenamtliche glücklich. „Wir erhalten viel Hilfe von außen. Spenden, Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren, ihre Unterstützung anbieten.“ Oft musste sie allerdings auch „frustrierende Erfahrungen“ machen. „Immer wieder bekommen wir kaputte Kleidung und defekte Geräte. Wenn wir die Leute darauf aufmerksam machen, bekommen wir die Antwort: ,Für die reicht es ja wohl noch.‘“ In der heutigen Zeit werde der Mensch vor allem durch seinen Nutzen für die Gesellschaft definiert. „Und diese Menschen haben in den Augen vieler eben keinen Nutzen – was absolut falsch und unwürdig ist. Man glaubt kaum, wie oft wir hören: ,Man darf es ihnen nicht zu schön machen, sonst ändern sie nie etwas an ihrem Leben. Die haben doch selbst Schuld an ihrer Situation.‘ Aber das haben viele eben nicht. Es ist keine Frage der Schuld. Jeder Mensch ist gleich. Jeder ist etwas wert. Jedes Leben ist wichtig. Das wollen wir durch unsere Öffentlichkeitsarbeit klarmachen.“

Für ihr unermüdliches Engagement seit über 40 Jahren in der Obdachlosenarbeit zeichnete der Verband Paritätische Ursula Barrois 2017 mit dem Luise-Kiesselbach-Preis aus. „Darüber habe ich mich natürlich gefreut. Aber deshalb mache ich es nicht. Ich will den Menschen helfen. Ihnen eine Perspektive geben. Für mich ist es die größte Belohnung, wenn ich sehe, dass wir Betroffenen geholfen haben, wieder ein geregeltes Leben führen zu können“, betont Barrois und blickt lächelnd zu Dieter (Name redaktionell geändert). Auch Dieter lebte einige Monate in der Unterkunft, stand vor dem Nichts. „Jetzt habe ich eine eigene Wohnung, eine Arbeit – und mir geht es sehr gut. Das hätte ich ohne die Unterstützung von Ursula und ihrem Team nicht geschafft. Die ,Initiative‘ war damals meine Rettung.“

Behördengänge, Beratungen „und vor allem ein offenes Ohr, das hat mich wieder komplett aufgebaut“. Noch immer fühlt sich Dieter der Notunterkunft verbunden, lässt sich keinem der Gemeinschaftsnachmittage entgehen. Vor allem, um seinen alten Zimmernachbar Thomas zu besuchen. „Wir haben uns immer gut verstanden. Wir sind Freunde geworden. Und auch er wird es schaffen“, sagt Dieter. Thomas lächelt. „Wer weiß, vielleicht kannst du mich ja bald mal in meiner eigenen Wohnung besuchen.“

Die Sonne über der kleinen Holzhütte ist untergegangen. „Die Zeit ist heute wieder verflogen. Dann packen wir mal zusammen. Es war schön wie immer“, sagt Thorsten und bläst die Kerze vor ihm auf den Tisch aus. Er wickelt die restlichen Kekse, die Ursula Barrois mitgebracht hat, in eine Serviette. „Für später“, betont er und lacht. Die Stimmung ist noch immer ausgelassen. Die Gespräche haben gutgetan. Für Ursula Barrois ist die Arbeit an diesem Tag noch nicht zu Ende. Sie will sich die Geschichte des jungen Mannes anhören, der dringend eine Unterkunft braucht – und eine Lösung für ihn finden.

"Couch-Hopper":

Große Sorge um heimatlose Jugendliche

Eine Gruppe, die Barrois seit längerer Zeit große Sorgen bereitet, sind die „Couch-Hopper“. Jugendliche, die mit „12 oder 13 Jahren ihr oftmals schwieriges Elternhaus verlassen“ und sich Unterschlupf bei verschiedenen Menschen in der Region suchen. „Das Problem an der Sache ist: Jeder Schlafplatz kostet seinen Preis. Viele erwarten Gegenleistungen von den Jugendlichen. Vor allem von Mädchen und jungen Frauen. Das geht auf Dauer nicht gut.“ Die Folge: „Diese Kinder und Jugendlichen entwickeln psychische Störungen, stecken oft in ihrer Entwicklung fest. All diese schlimmen Eindrücke prägen sie. Sie vertrauen niemandem mehr, weil sie zu viele schlechte Erfahrungen gemacht haben.“ Der Weg von vielen führt früher oder später zu Ursula Barrois und ihrem Team. „Wenn sie die Situation nicht mehr aushalten oder keinen Schlafplatz mehr finden, wenden sie sich oft an uns, um einen Schlafplatz in der Notunterkunft oder im Frauenhaus zu bekommen. Es ist extrem schwer, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ihre Einstellung ist oft die gleiche. Eine Mischung aus Anarchie und Gleichgültigkeit. Sie denken, niemand interessiere sich für sie, für ihre Geschichte, ihre Ängste. Sie fühlen sich von der Gesellschaft verstoßen, unbeachtet. Das stimmt nicht. Doch es ist schwer, ihnen das klar zu machen. Es braucht viel Zeit und lange Gespräche.“ Auch Ursula Barrois fällt es in manchen Fällen schwer zu vertrauen. „Menschen mit einer schweren Vergangenheit wissen, wie sie andere täuschen können. Sie haben gelernt, ihre Mitmenschen auszunutzen. Einen Vorwurf kann man ihnen nicht machen, denn sie mussten dieses Verhalten entwickeln, um zu überleben. Deshalb hören wir uns jede Geschichte an – und machen dann einen Realitätscheck. Wir helfen jedem. Aber wir lassen uns nicht ausnutzen.“

"Die Initiative":

Spenden für bessere Lebensumstände

Essen, Heizgebühren, Reparaturen - all das kostet Geld. "Und an dem fehlt es oft", erzählt Ursula Barrois. Der Verein "Die Initiative" finanziert sich durch Spenden und Fördermittel. Das reiche, um die gröbsten Kosten zu decken, "aber für zusätzliche Anschaffungen, die manchmal eben gebraucht werden, dafür ist es zu wenig." Die Vorsitzende der "Initiative" und ihr Team sind dankbar für jede Sachspende, die "das Leben der Menschen in der Notunterkunft erleichtert": Waschmaschinen, Wäschetrockner, Kühlschränke, Mikrowellen. "Wir müssen immer darauf hoffen, dass uns jemand etwas überlässt, was er nicht mehr braucht", sagt Barrois und betont: Die Spender können sich sicher sein, dass alles, was sie uns geben, zu 100 Prozent bei den Menschen ankommt, die es dringend brauchen." Bei Fragen können sich Interessierte bei Ursula Barrois unter der Telefonnummer 0961/28180 (Büro "Die Initiative") melden oder sich auf der Website www.dieinitiative.org informieren.

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