30.06.2021 - 15:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ohne Austeilen geht es nicht: Kurt Seggewiß jetzt Altoberbürgermeister von Weiden

Der Stadtrat verleiht Kurt Seggewiß den Ehrentitel Altoberbürgermeister. Ein gemächliches Ritual wird daraus nicht. Denn die Hauptperson zeigt, dass Friede, Freude, Eierkuchen einfach nicht so ihr Ding sind.

Da geht's lang: Kurt Seggewiß kann es irgendwie noch nicht ganz lassen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

"Da gehen wir mal auf eine Tasse Kaffee" soll der ehemalige Oberbürgermeister Weidens, Kurt Seggewiß, seinem Nachfolger Jens Meyer vorgeschlagen haben, als er davon läuten hörte, dass ihm der Stadtrat einstimmig eine Ehrung verpassen will. Doch Meyer hält von so viel Bescheidenheit gar nichts. Der große Rahmen, sprich eine Festsitzung des Stadtrats, ist verpönt in diesen virenverseuchten Zeiten. Doch alles, was man trotzdem festlich nennt, ist am Dienstagnachmittag im großen Saal des Neuen Rathauses aufgefahren, wenn auch mit Abstand: Häppchen, Diashow, fesche Anzüge, eine vierköpfige Jazz-Combo namens "noPF-Brass".

Kurt Seggewiß, Stadtoberhaupt von 2007 bis 2020, wird offiziell zum Altoberbürgermeister ernannt. Bisher war das nicht so recht möglich. Corona eben. Sämtliche Dezernenten, die Leiter der städtischen Tochterunternehmen und die Fraktionssprecher der Stadtratsparteien verabschieden noch einmal mit Blumen, guten Tropfen und warmen Worten ihren ehemaligen Chef, obwohl der schon seit über einem Jahr Ruheständler ist.

Tatendrang ungebrochen

Wenn man Seggewiß' Dankesrede hört, blitzt indes einer durch, den man sich gar nicht beim Rasenmähen oder im Liegestuhl vorstellen kann. Sondern einer, der auch mal explodiert und das Herz auf der Zunge trägt. Das bekommen als erstes die Muglhofer zu spüren, die sich über den gestiegenen Wasserpreis beklagen: "30 Jahre haben die nichts gemacht und den günstigsten Preis gehabt, und dann müssen die Stadtwerke wieder mal aushelfen." Ein ordentlicher Rempler in die Seite der Muglhofer Gruppe. Das Versorgungsunternehmen hätte längst in eine neue Leitung für den Ortsteil im Stadtosten investieren können, findet Seggewiß.

Mit der Würde des Amtes, aber ohne seine Bürde kann man eben austeilen. Oder warnen: "Manche Fehler entdeckt man erst nach 20 Jahren", erinnert der 63-Jährige an einen Stadtratsbeschluss aus den 1960er Jahren, Siemens nicht in die Stadt zu lassen. "Da freut sich Kemnath heute noch drüber." Und wenn der Neu-Alt-OB schon mal bei Irrtümern ist, findet er gleich den zweiten: die Ablehnung von West IV. "Ein ganz großer Fehler." Grünen-Sprecher Karl Bärnklau tippt bei diesen Worten mit den Fingern so kräftig auf seine Stuhllehne, dass man Angst haben muss, die Holzmaserung splittert gleich ab. Ach ja, und die Presse hat es dem Rathauschef auch nie so ganz recht machen können.

Derweil macht Seggewiß den anderen Stadträten nicht gerade Mut bei der Suche nach Gewerbe-Ersatzflächen. "Wir haben die doch alle schon mal durchgekaut." Hans Blum (CSU) nickt heftig. Seggewiß packt dazu noch ein paar Ratschläge aus: "Schenkt euch den Kampf mit der Bundesbahn." "Wir brauchen jetzt dringend Studentenwohnungen." "Die Verwaltung muss mit einer Stimme sprechen."

Doch auf Krawall und Besserwisserei ist Seggewiß an seinem alten Arbeitsplatz trotzdem nur kurz gebürstet. Das Erreichte sei Teamarbeit. Dafür Dank an die Familie, die Regierung und die Mitarbeiter. "Ein mitfühlendes, weiches Herz" hatten ihm zuvor Meyer und Regierungspräsident Axel Bartelt attestiert. Keine schlechte Eigenschaft, vor allem wenn sie mit Freude an der Arbeit und Interesse an Menschen gepaart ist. All das habe mitgeholfen, Weidens verkrustete Langzeitarbeitslosigkeit aufzubrechen.

In der Ära Seggewiß sank die Erwerbslosenquote von über 11 Prozent um die Hälfte. 28.000 sozialversicherungspflichtige Jobs in der Stadt seien neuer Rekord. Bartelt unterstreicht: Es würden etliche weniger sein, hätte sich "der Ober" nicht auch für eine Neuaufteilung der Anteile der Kliniken AG eingesetzt, was eine gerechtere Verteilung der Finanzlasten zwischen den drei kommunalen Trägern bedeute. "So haben Sie heimatnahe medizinische Versorgung sichergestellt."

Der Neubau der FOS/BOS, des NOC, der Steuer-Deal zum Erhalt von ATU in Weiden, der gewonnene Kampf um den Bundeswehrstandort, Schulsanierungen, das E-House, der Weidener Technologiecampus, die Entwicklung des Turnerbundgeländes oder die Haushaltskonsolidierung nannten Bartelt und Meyer als weitere Posten auf der Haben-Seite des Alt-OB.

Pragmatiker mit Herz

Sein Vorgänger sei eben ein Pragmatiker mit einer Abneigung gegen lange Diskussionen, bescheinigt Meyer. Hemdsärmlig und mit Humor gewinne man aber auch Menschen für sich. Das habe sich in der Flüchtlingskrise gezeigt. Seggewiß sei bewusst auf die Frauen in den Unterkünften zugegangen, habe ihnen Mut gemacht, dass sie in einer freien Gesellschaft angekommen seien. Den Männern habe er Zigaretten angeboten und so das Eis gebrochen. Das ging so weit, dass er seinen Hauptamtschef Hermann Hubmann schon mal zur nächsten Tankstelle schickte, um auf die Schnelle noch eine Stange Kippen zu kaufen.

Nicht nur deshalb bekommt Hubmann noch ein paar Streicheleinheiten. "Ich weiß gar nicht, wie viele Sonderprogramme wir beim Bund im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit abgeholt haben", lässt Seggewiß gemeinsame Schlachten Revue passieren. Sofort ist er wieder im Arbeitsmodus. "Heute haben wir Fachkräftemangel. Jens, das wird deine ganz große Aufgabe." Ein Tipp dazu: "Du musst Netzwerker sein."

Den Tatendrang des Alt-OB, der bei so etwas durchbricht, versucht der Regierungspräsident etwas zu bremsen. Axel Bartelt hat seinerseits ein paar Empfehlungen mitgebracht. "Gewöhnen Sie sich endlich das Rauchen ab. Und liegen Sie bitte dem Freistaat mit Ihrer Pension noch möglichst lang auf dem Geldsäckel."

Ein Porträt von Kurt Seggewiß zum Abschied aus dem Amt

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Zur Person: Kurt Seggewiß

  • geboren am 14. Oktober 1957 in Bocholt, Nordrhein-Westfalen
  • Diplom-Verwaltungswirt in der Arbeitsverwaltung des Bundes und in Kommunen
  • Am 29. Juli 2007 für die SPD in der Stichwahl gegen Lothar Höher (CSU) zum Oberbürgermeister von Weiden gewählt
  • Am 16. März 2014 gegen vier Mitbewerber wiedergewählt
  • Verzicht auf eine weitere Amtszeit ab 2020
  • Seit 37 Jahren verheiratet mit Ehefrau Maria, ein Sohn, Jan
  • Aktiv im Vorstand von SpVgg SV Weiden, des Schwimmvereins, des BRK-Kreisverbands; "Lesepate" für Schulkinder, ehrenamtlicher Mitarbeiter im Impfzentrum
  • Seit Kindesbeinen großer Fan von Schalke 04
Die Urkunde bestätigtes es schwarz, grün und rot auf weiß: Kurt Seggewiß (links) ist nun Altoberbürgermeister von Weiden. Der aktuelle Oberbürgermeister Jens Meyer gratuliert.

 

 

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