12.03.2020 - 19:05 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Oberbürgermeister Kurt Seggewiß: "Es war mir eine große Ehre"

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2007 war es ein harter Kampf, Oberbürgermeister von Weiden zu werden. 2020 Abschied vom Amt zu nehmen, scheint Kurt Seggewiß dagegen leichter zu fallen - wobei auch hier Tränen fließen. Die bewegten letzten Wochen eines Stadtoberhaupts.

Zu "Time to say Goodbye" tanzt Kurt Seggewiß mit seiner Maria übers Parkett. Zum Niederknien findet das die Narrhalla beim Inthronisationsball.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Der Saal lacht, die Gäste des Inthronisationsballs der Narrhalla feiern. Doch Kurt Seggewiß weint - vor Rührung: Zu "Time to say Goodbye" tanzt der Oberbürgermeister mit Frau Maria zum letzten Mal in seiner mehr als zwölfjährigen Amtszeit übers Parkett. Drum herum kniet ehrfürchtig die Garde der Narrhalla Weiden.

Abschied zu nehmen, scheint nicht so einfach. "Die Eröffnung des Frühlingsfests am 30. April ist wohl meine letzte Amtshandlung", sagt der Oberbürgermeister zehn Wochen vor der Kommunalwahl.

Seggewiß macht zum 60. Schluss

In der Stichwahl 2007 ging Kurt Seggewiß (SPD) überraschend als Sieger hervor. Er wurde Oberbürgermeister. Damals schlug er den Herausforderer der CSU, den langjährigen Bürgermeister Lothar Höher. Mit ihm wird sich Seggewiß später - vielen fassungslosen Parteikollegen zum Trotz - anfreunden. 2017, zehn Jahre später, kündigt Seggewiß beim großen Empfang zu seinem 60. Geburtstag an, für die Kommunalwahl 2020 nicht mehr zur Verfügung zu stehen. An diesem Sonntag, 15. März, wird der Nachfolger oder die Nachfolgerin gewählt.

Die etwas anderer Freundschaft: Mein Freund, der Parteifeind

Amt endet, Aufgaben bleiben

Draußen tobt der Wahlkampf. Drinnen im Neuen Rathaus der Alltag. "Zwei Mal pro Tag sage ich mindestens: ,Darum muss sich dann der neue Oberbürgermeister kümmern'", erzählt Kurt Seggewiß fünf Wochen vor der Wahl. Es geht etwa um den Stadtball 2021. Oder eine Schirmherrschaft für ein Fest im Juni. Vielleicht als Ex-Oberbürgermeister? "Nein, für mich ist Schluss. Ich will keine graue Eminenz sein."

Auch eine Kandidatur als Bezirksvertreter in Regensburg zieht Seggewiß nicht in Erwägung. Dabei haben ihm viele genau diesen politischen Schritt teils mit Nachdruck nahegelegt. Doch nichts da. Seggewiß tut das, wofür er zwischenzeitlich bekannt ist: Er hört auf Herz und Bauch. Keine Kompromisse. "Ich werde bis zur letzten Minute alles geben. Aber nach dem 30. April ist Schluss mit der Politik." Doch die Politik ist Ende April noch nicht fertig mit diesem Oberbürgermeister.

"Ja, ich bin impulsiv. Aber es ist besser geworden."

Oberbürgermeister Kurt Seggewiß

Oberbürgermeister Kurt Seggewiß

Ein Laster bleibt

Bis September wirkt Kurt Seggewiß etwa noch im Regionalen Planungsverband, bis Oktober bei Euregio Egrensis für die grenzübergreifende Zusammenarbeit, und bis Mitte des Jahres steht er noch dem Aufsichtsrat der Kliniken Nordoberpfalz AG vor. Gerade letztgenannte Aufgabe raubt seit Monaten viel von Seggewiß' Energie. Der 62-Jährige wirkt dreieinhalb Wochen vor der Wahl erschöpft. "Berichte über mögliche Einschnitte bei den Kliniken verunsichern die Menschen und die Mitarbeiter", schimpft er mit Blick in die Zeitung. "Ja, ich bin impulsiv. Das lässt sich auch nach all diesen Jahren nicht wegdrücken. Aber es ist besser geworden", sagt er von sich selbst - und greift zur Zigarette.

Es sind auch diese Aufgaben, die es Seggewiß schwer machen, das zu tun, was er sich seit 2007 immer wieder vorgenommen hat: mit dem Rauchen aufzuhören. Es sind aber auch diese Aufgaben, die Seggewiß' eisernen Willen, seine Unermüdlichkeit hervorkitzeln. Die Bilanz: Die drohende Insolvenz der Kliniken AG kann Hand in Hand mit den Landkreisen Neustadt/WN und Tirschenreuth abgewendet, das Eigenkapital erhöht werden, um die Gesundheitsversorgung in kommunaler Hand zu halten.

"Ich kann mit Geld umgehen"

Finanzen sind überhaupt im finanzschwachen Weiden ein wichtiges Thema. "Uns Sozialdemokraten sagt man nach, wir könnten nicht mit Geld umgehen. Ich habe - zusammen mit meinen Dezernenten - bewiesen, dass ich das kann." Aktuell ist der Haushalt konsolidiert. Die Stadt verfügt über 20 Millionen Euro an Rücklagen. "Das haben wir selbst unter Schröpf nie gehabt."

In Sachen Kliniken steht das Schlimmste aber erst bevor, weiß Seggewiß: das Ergebnis des Sanierungskonzepts im April und damit Antworten auf die Frage, welche Abteilungen oder Standorte vielleicht künftig nicht mehr betrieben werden können. Schlussendlich werden darüber andere befinden. Doch statt erleichtert zu sein, sagt Seggewiß: "Das gehört zu den ein, zwei Dingen, die ich gern noch geregelt hätte." Dem Nachfolger wünscht er "ein glückliches Händchen, vor allem bei den Kliniken".

Wie geht die Wahl aus?

Apropos Nachfolger: Wie wird die Wahl ausgehen? Parteifreund und Bürgermeister Jens Meyer gewinnt, ist sich Seggewiß sicher. Vielleicht erst bei der Stichwahl, schiebt er hinterher. In den Wahlkampf hat sich der Oberbürgermeister bis auf wenige gemeinsame Auftritte wie beim Aschermittwoch kaum eingemischt. Im Wahlkampfausschuss der eigenen Partei ist er nicht vertreten. Seggewiß blickt lieber in die Zukunft: "Es ist gut, wenn ein Oberbürgermeister klare Mehrheiten hat." Mit Blick auf den möglichen Einzug der AfD in den Stadtrat sagt er: "Es ist schlimm, wenn die bürgerliche Mitte keine Mehrheit mehr hat." Und: "Ich würde künftig die Einsetzung eines hauptamtlichen Bürgermeisters empfehlen." Denn Weiden sei heute nicht mehr nur eine Stadt samt Verwaltung, und der OB sei nicht mehr nur Chef von 730 Mitarbeitern: "Weiden ist heute außerdem ein Konzern mit zig Töchtern." Stadtbau (SGW), Max-Reger-Halle, Energie-Technologisches Zentrum (ETZ), Stadtwerke, Zeno und und und.

Vertraute müssen bibbern

Gute Mitarbeiter seien deshalb wichtiger denn je. "Da ist das Parteibuch auch wurst." Seggewiß nennt stellvertretend Günther Kamm (SGW) und Matthias Rösch (ETZ), die er machen ließ. "Beide sind stramme CSUler, aber für mich war ihre Eignung entscheidend." Im Vorzimmer oder im Dienstauto dagegen brauche es "absolute Vertrauensleute". Das Problem: "Diese Leute im Rathaus sind es dann auch, die bei so einer Oberbürgermeisterwahl besonders bibbern." Sei es doch wahrscheinlich, dass die engsten Mitarbeiter mit dem Weggang des alten Oberbürgermeisters ihre Positionen räumen müssten.

Nein zu "hochdotiertem Job"

Und was macht dann der Ex-Stadtchef? "Auf jeden Fall habe ich keine Lust, einen hochdotierten Job anzunehmen", sagt Seggewiß. Vielmehr wolle er den Weidenern, die ihm mehr als zwölf Jahre als Stadtoberhaupt das Vertrauen geschenkt hätten, etwas zurückgeben: mit ehrenamtlichem Engagement. Zum Beispiel als Lesementor beim gleichnamigen Projekt, bei dem Kinder durch Vorleser für Bücher begeistert werden sollen. Oder in verantwortlicher Position beim Schwimmverein. "Aber auch da gilt es vorab, zu gegebener Zeit eine Wahl für sich zu entscheiden", sagt Seggewiß und muss lachen.

Mit Sohn Jan zum Tennis

Der 62-Jährige wirkt entspannter, wenn er über seine Pläne für die Zeit nach dem OB-Dasein spricht. "Ich werde an meiner körperlichen Fitness arbeiten und dann gegen meinen Sohn Jan Tennis spielen. Er hat noch nie gegen mich gewonnen, wenn wir um Punkte gespielt haben. Aber es ist fraglich, ob das so bleibt."

Der Nachfolger im Rathaus müsse sich derweil einarbeiten. "Mindestens ein Jahr dauert das", prognostiziert Seggewiß. "Und am Ende bekommt man dort mehr Respekt gezollt, wo man nicht Oberbürgermeister ist." In den Partnerstädten Issy-les-Moulineaux oder Macerata etwa, wo Seggewiß Freunde gefunden hat. "Aber du musst nun mal auch unliebsame Entscheidungen treffen, wenn du in Verantwortung stehst", erklärt er.

Mit all dem Wissen im Gepäck bleibt die Frage, was es dann für Kurt Seggewiß heißt, Oberbürgermeister Weidens gewesen zu sein? "Es war mir eine große Ehre."

Info:

Weitergesagt

Das letzte Wort hat meistens der Oberbürgermeister. In diesem Sinn haben wir Kurt Seggewiß kurz vor der Wahl eines Nachfolgers folgende vier Sätze beenden lassen:

ONETZ: Meine Mitarbeiter werden an mir am meisten vermissen...

"...meinen Humor. Wir haben viel miteinander gelacht."

ONETZ: Am Tag nach dem Ende meiner Amtszeit werde ich...

"...schauen, wie mein Nachfolger den Maibaum aufstellt".

ONETZ: Meinem Nachfolger wünsche ich...

"...ein glückliches Händchen, vor allem bei der Kliniken AG".

ONETZ: Der Oberbürgermeister von Weiden gewesen zu sein, ...

"...war mir eine große Ehre".

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