29.03.2021 - 16:25 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Patricia Meyer aus Weiden erlebt Rassismus seit der Kindheit: Mitspielen kostete eine Mark

Von Kindesbeinen an ist Patricia Meyer aus Weiden mit Rassismus konfrontiert. Nein, es sei nicht besser geworden, "auch wenn jetzt mehr Menschen aufschreien", sagt die 44-Jährige. Ihre Erlebnisse klingen teilweise grausam.

Eigentlich ist Patricia Meyer eine Frohnatur. Doch beim Thema Rassismus wird sie ernst, und so manches Erlebnis, das sie in diesem Zusammenhang hatte oder noch hat, scheint Anderen unglaublich.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Als Vierjährige musste die Tochter einer Pressatherin und eines afroamerikanischen Vaters eine Mark bezahlen, um mit den "weißen Kindern" spielen zu dürfen. Damals lebte die Familie in Grafenwöhr. Der Vater war als US-Soldat dort stationiert. Die Mutter erklärte bald, dass sie "Patty" – so wird Patricia Meyer von Verwandten und Freunden genannt – nicht jeden Tag eine Mark geben könne. "Da saß ich dann auf meinem Zimmer und habe geweint."

Ein Besen zur Abwehr des Bösen

Als sie zur Kommunionfeier ging, lehnte morgens an der Haustür ein Besen mit den Borsten nach oben. Sie wusste nicht, was das bedeuten soll. "Man erklärte mir, das sei ein Hinweis auf schlechte, unreine Menschen. Eine Art Abwehr. Es wurde wohl auch mal gegen Sinti und Roma verwendet." Die Neunjährige war erschüttert. "Ich habe das nicht verstanden. Vor allem bei Erwachsenen hatte ich das Gefühl, dass sie in mir nicht ein neunjähriges Mädchen sehen, sondern etwas Schlechtes, Minderwertiges", erklärt sie im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Nur zwei von zahllosen Beispiele aus dem Leben der 44-Jährigen und die manche ihrer Gesprächspartner gar nicht wahrhaben wollen.

Die Familie zog in ihrer Kindheit und Jugend häufig um, lebte unter anderem in Grafenwöhr, Pressath, Weiden, Waldsassen. Patricia Meyer auch in Regensburg, später in Bayreuth, Würzburg. Seit 2007 ist Weiden ihr Zuhause. Trotz der häufigen Wechsel kam das Mädchen in der Schule gut voran, machte ihr Fachabitur an der Gustav-von-Schlör-Fachoberschule Weiden, absolvierte in Bayreuth die Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Aktuell ist sie bei einer Bayreuther Firma angestellt, arbeitet im Homeoffice in Weiden. Freiberuflich gibt sie Nachhilfeunterricht und ist für das Polizeipräsidium Oberpfalz als Dolmetscherin tätig. In dieser Funktion ist sie meist für die Kriminalpolizei Weiden im Einsatz und schwärmt: "Die Kriminalbeamten sind super. Da gab's noch nie Vorbehalte. Die sind wirklich top!"

Ehrenamtliches Engagement

Auch im Privatleben legt die 44-Jährige großes Engagement an den Tag: Als ehrenamtliche Beisitzerin im Vorstand des Stadtjugendrings Weiden, Mitglied des Sprecherrats im Aktionsbündnis "Weiden ist bunt" und seit 2018 außerdem als Jugendschöffin am Amtsgericht Weiden. Ein großes Anliegen ist ihr das Thema Rassismus. Großes Lob zollt sie deshalb den Aktionen von "Weiden ist bunt" und Amnesty International. Mit Spruchbändern zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus an Michaelskirche und Altstadthäusern machen sie auf das Problem aufmerksam. Sie selbst konnte wegen ihrer Arbeitszeit nicht daran teilnehmen, bedauert sie. Ihr Dank gilt den beteiligten Hausbesitzern: "Ich finde es klasse, dass Unternehmer diese Banner aufhängen lassen. Das ist bewundernswert und keinesfalls selbstverständlich", weiß sie.

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Denn bis heute wird Patricia Meyer im Alltag mit Vorurteilen und Vorwürfen konfrontiert: In einem Weidener Drogeriemarkt klebte ihr als Stammkundin einmal in jedem Gang eine Angestellte auf den Fersen. "Sie hat wohl gedacht, ich möchte etwas stehlen." Doch die 44-Jährige ist selbstbewusst, geht aktiv gegen Rassismus an. Erst sprach sie die Angestellte an. "Die bekam einen roten Kopf." Dann redete sie mit der Geschäftsleiterin. "Die hat sich entschuldigt und das unterbunden."

Was ihr seit ihrer Kindheit weh tut: "Menschen wie wir, Schwarze oder People of Colour, werden auf ihre Hautfarbe reduziert. Dabei bin ich hier geboren, besitze von Geburt an einen deutschen Pass." Zu entsprechenden Festen trägt Patricia Meyer eine Lederhose und Haferlschuhe. Sie liebt Obatz'n, Brezen und Bier. "Aber bei mir gilt das alles als exotisch." Genauso, wenn sie im Supermarkt am Obstregal steht. Da wird sie des öfteren angesprochen: "Gibt's das bei Euch wohl nicht?" "Bei Euch" soll heißen, in ihrem – vermeintlich anderen – Heimatland. Oder es heißt: "Du gut. (...) Du Eritrea?" Bei dieser Passage fällt die Hochdeutsch sprechende 44-Jährige ins Oberpfälzische: "Des nervt. Ich denk mer, Leut', hört's halt auf mit dem dummen G'red. Wenn ich dann sag': ,Was meinen S' denn? Wo ist bei Euch? Dann heißt's: ,Ihr Schwarzen werd's immer gleich aggressiv."

Über die Hautfarbe definiert

Viele Menschen glauben ihr das nicht, weil sie das nie erlebt haben, erzählt Patricia Meyer. Aber sie selbst habe es eben erlebt. "Wir Schwarze oder People of Colour werden immer über unsere Hautfarbe definiert", ärgert sie sich. "Nicht als Deutsche, Amerikaner, Italiener oder Spanier." Sie selbst bezeichnet sich als braun. Das war für sie nie ein Problem. Doch leider für viele Gegenüber. "Man gesteht mir das Deutschsein oft nicht zu." Aber was ist Deutschsein eigentlich, fragt sie. Wird es an der Nationalität festgemacht, am Heimatland oder an bestimmten Eigenschaften? "Die Hautfarbe ist das Einzige, was mich von vielen Oberpfälzerinnen in meinem Alter unterscheidet."

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Dabei bekommt Patricia Meyer des öfteren zu hören: "Ich schau nicht auf die Hautfarbe. Für mich sind alle Menschen gleichwertig." Ihrer Ansicht nach ein falscher Gedankengang. "Ich weiß, das ist nicht böse gemeint. Aber die Leute dürfen ruhig meine Hautfarbe sehen, genauso wie wir blondes oder schwarzes Haar sehen." Was ihr wehtut ist, aufgrund der Hautfarbe beurteilt und herabgesetzt zu werden. Auch die Aussage "ihr Neger seid niemals so intelligent wie wir Weißen" kam ihr schon mehrfach zu Ohren.

Zugehörigkeit ist wichtig

Ihr Wunsch: "Wir sollten liebevoller miteinander umgehen. Offen sein für Argumente und auch mal die andere Seite sehen. Für uns Menschen ist es doch wichtig, dass wir uns zugehörig fühlen." Sie selbst will daran arbeiten, sich über die Thematik Rassismus noch tiefergehend informieren, darüber aufklären und auch für versteckten Rassismus sensibilisieren. Nicht mit erhobenem Zeigefinder, sondern sachlich. "Wenn sich jemand verletzt fühlt, durch das Wort ,Negerkuss' oder ,Zigeunerschnitzel' – und dafür gibt es einen historischen Hintergrund –, dann sollte man das ändern. Es ist doch einfach nur ein Wort, das ich künftig nicht mehr sage."

Trotz der verstärkten Proteste in jüngster Zeit – unter anderem durch die "Black Lives Matter"-Bewegung – hat der Rassismus in Deutschland ihrer Ansicht nach nicht abgenommen. Im Gegenteil: "Rassismus war immer da, subtil oder ganz offen", so die Erfahrung der 44-Jährigen. "Ich habe sogar das Gefühl, man darf ihn jetzt eher äußern und immer mehr Menschen stimmen zu."

Hintergrund :

Zur Person

  • Patricia Meyer ist 1976 geboren in Aichach
  • 1982 Einschulung in die Grundschule Grafenwöhr, dann Wechsel an Max-Reger- und Rehbühlschule in Weiden
  • Ab 1990 Besuch der Privatschulen Pindl in Regensburg bis zum Realschulabschluss
  • Ab 1996 Gustav-von-Schlör-Fachoberschule Weiden bis zum Fachabitur
  • 2004 Abschluss der Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin für Deutsch, Englisch und Spanisch (Basic) in Bayreuth
  • Seit 2007 lebt Patricia Meyer wieder in Weiden, hatte unterschiedliche Anstellungen, arbeitet freiberuflich als Dolmetscherin für das Polizeipräsidium Oberpfalz
  • Seit 2020 Anstellung bei einer für eine Bayreuther Firma
  • Seit 2013 Ehrenämter beim Stadtjugendring Weiden, bei "Weiden ist bunt" und seit 2018 Jugendschöffin am Amtsgericht Weiden

"Wir Schwarze oder People of Colour werden immer über unsere Hautfarbe definiert. Nicht als Deutsche, Amerikaner, Italiener oder Spanier."

Patricia Meyer

Patricia Meyer

 

 

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