17.09.2021 - 10:20 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mit Rehbraten den Wald retten

Bäume pflanzen, um die Welt zu retten? Weidens Stadtförster Wolfgang Winter hält nicht viel davon. Um einen Wald zu schützen, braucht es seiner Meinung nach etwas anderes. Aber was hat ein Rehbraten damit zu tun?

Stadtförster Wolfgang Winter (Mitte) zeigt den Teilnehmern der Waldbegehung im Forstgebiet "Hinterer Eichrangen" auf dem Fischerberg unter anderem, wie Naturverjüngung funktioniert.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil

Zumindest eins ist sicher: Das Drüsige oder Indische Springkraut hat in einem Rehbraten-Gericht nichts verloren. Und eigentlich auch in unseren Wäldern nichts. Im Forstgebiet "Hinterer Eichrangen" auf dem Fischerberg kam Stadtförster Wolfgang Winter bei der Waldbegehung am Mittwochnachmittag gleich am Anfang auf das Thema zu sprechen. Das Springkraut bereite im Wald zwar keine Probleme, und auch Bienen oder Schmetterlinge "gehen gerne hin". Schwierigkeiten gebe es jedoch an Gewässern, weil die flach wurzelnden Pflanze anders als Brennnessel oder Mädesüß keine Ufererde festhalten könne. Böden dort seien daher erosionsgefährdet. Bis das Springkraut durch Ausreißen oder Abmähen verschwinde, dauere es drei Jahre. Auf kleineren Flächen gehe das schon, aber auf größeren wäre es viel zu mühsam.

Naturverjüngung ein Geschenk

In einem eingezäunten Bestand erklärte Winter dann, was es mit seiner Rehbraten-Theorie auf sich hat. Auf der Fläche sei "kein einziger Baum gepflanzt worden, die Naturverjüngung kriegen wir geschenkt". Bergahorn, Buche, Fichte und Tanne gedeihen dort prächtig. Nur außerhalb des Zauns haben die meisten Pflänzchen kaum oder keine Chancen: Verbiss durch Rehwild. Dort würden "die nächsten 100 Jahre nur Fichten" wachsen, meinte der Experte. Großflächige Aufforstungen seien nur auf geeigneten Grundstücken möglich, davon gebe es aber zu wenig. Maßnahmen unter dem Motto "Wir retten jetzt das Klima und pflanzen Bäume" bezeichnete Winter daher als reine Modeerscheinung. Kohlenstoff werde schließlich nur gebunkert, wenn Bäume gefällt oder als Bauholz genutzt würden. Das Fazit des Stadtförsters: "Holzhäuser bauen und Rehbraten essen sind die besten Maßnahmen zum Schutz für den Wald." Nicht nur im privaten Bereich, auch für den Städtebau sei Holz eine Alternative.

Auch Forstdirektor Moritz Neumann vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) ist kein Freund des Baumpflanz-Hypes. Vor allem das so genannte Greenwashing von Firmen, bei dem angeblich große Areale aufgeforstet würden, müsse man kritisch sehen. Unterstützt würden nämlich meistens nur bereits vorhandene Flächen, sagte er. Im Weidener Stadtwald nannte Winter als Beispiele eine Aufforstung am "Hinteren Rehbühl" oder eine Ausgleichsfläche für ein Rückhaltebecken am Brandweiher.

Bewahrende Forstwirtschaft

Außerdem zeigte Winter Oberbürgermeister Jens Meyer, den acht Stadräten und einer Stadträtin sowie dem neuen AELF-Bereichsleiter Forsten Christoph Hübner, wie wichtig eine konservative Forstwirtschaft ist. Im Sinne des lateinischen "conservare" (zu deutsch "bewahren" oder "retten") seien in dem Stiftungswald viele alte Buchen und Fichten zu finden sowie eine der dicksten Tannen im ganzen Umkreis. "Starkes altes Holz gehört dazu, das leisten wir uns", erklärte Winter. Reichlich Totholz diene zudem als Lebensraum für Insekten. All das hätte in einem Wald, der nur aus Ertragsgründen bewirtschaftet werde, nichts verloren. "Die Natur lebt in ganz langen Zeiträumen, das können wir Menschen nicht aushalten. Wir versuchen, viele Baumarten und deren Bewohner zu bewahren", betonte der Stadtförster. Dies sei "extrem fortschrittlich konservativ".

Versuch mit Libanonzedern

Aber: Der Wald verändert sich, beispielsweise wegen Trockenheit oder durch Borkenkäfer. Winter sprach bewusst von Veränderung, denn verschwinden werde ein Wald nur durch Rodung. Um auf die Verhältnisse vorbereitet zu sein, die der Klimawandel mit sich bringen könnte, ging es noch zu einem Versuchsareal, auf dem Winter und sein Team neben Buchen und Fichten noch Libanonzedern gepflanzt haben. Die würden getestet, weil es auf dem trockenen, nach Süden exponierten Standort einmal ein Klima geben könnte, wie es in der Heimat der Zedern bereits jetzt herrsche.

Darüber hinaus könnte zunehmend extremes Wetter für Sturmschäden sorgen. Allerdings seien "richtig schwere Stürme die letzten zwei Jahrzehnte an uns vorübergegangen", meinte Winter. Ähnlich sei die Situation in Sachen Käferholz, "das ist ein schöner Zufall". Daher gebe es im Stadtwald wenig Kahlflächen. Die würden teilweise sich selbst überlassen, womit Winter aber nicht glücklich ist, "weil es reine Fichtenbestände werden". Gar nichts zu machen, hält der Förster nicht für sinnvoll: "Wenigstens einen Zaun bauen und eventuell Pflanzen setzen."

Hier lesen Sie den Bericht über die Waldbegehung 2020

Weiden in der Oberpfalz
Ziel der diesjährigen Waldbegehung ist das Gebiet "Hinterer Eichrangen" auf dem Fischerberg.
Das Drüsische Springkraut ist auch Thema bei der rund zweistündigen Exkursion.
Forstdirektor Moritz Neumann sieht das sogenannte Greenwashing von Firmen kritisch, bei dem angeblich große Flächen aufgeforstet würden. Davon gibt es nämlich schlicht und einfach zu wenig.
Hintergrund:

Forstabteilung der Stadt Weiden

Bewirtschaftet werden

  • die Wälder der Stadt (45 Hektar)
  • der Simultanen Hospitalstiftung (229 Hektar)
  • des Kommunalunternehmens Stadtwerke Weiden (197 Hektar)
  • darüber hinaus 44 Hektar „sonstige Flächen“ wie naturschutzrelevante Flächen oder Kompensations- und Ausgleichsflächen in den drei Besitzarten

"Die Natur lebt in ganz langen Zeiträumen, das können wir Menschen nicht aushalten."

Weidens Stadtförster Wolfgang Winter

 

 

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