01.07.2021 - 11:39 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Richter steigen hinunter zum Ufer: Wäre Moritz G. zu retten gewesen?

Ortstermin im Flutkanal-Prozess. Die 1. Strafkammer am Landgericht Weiden verhandelt am Donnerstag am Tatort. Das Gelände ist weiträumig gesperrt. Das Polizeiaufgebot ist mächtig. Es geht um den genauen Unglückshergang.

Ortstermin im Flutkanal-Prozess. Die Angeklagten werden hinter dem Parkdeck Friedrich-Ebert-Straße vorgefahren.

Von Christine Ascherl und Friedrich Peterhans

Donnerstag, 9.05 Uhr. Landgerichtspräsident Gerhard Heindl eröffnet die Sitzung. Im Regen. Er steht mit seinem Regenschirm auf dem Radweg entlang des Flutkanals. Zu seiner Linken geht es die Böschung zum Fluss hinab. Hier ertrank am 11. September 2020 der Sulzbach-Rosenberger Moritz G., IT-Systemkaufmann (21).

Die 1. Strafkammer des Landgerichts will den Tatort mit eigenen Augen sehen. In aller Früh rollt eine Kolonne zum Parkdeck Friedrich-Ebert-Straße: Einsatzfahrzeuge der Polizei. Der Dienst-BMW der Justiz mit den Richtern. Gefangenentransporte mit den Angeklagten. Nebenan ist der Eingang zum Kindergarten St. Michael. Zwischen all dem Bohei biegen Mütter mit Fahrradanhängern und ihren Knirpsen ein. Die einen tragen Bob-der-Baumeister-Rucksäcke, die anderen Handschellen.

Nicht ungefährlich

Der Aufwand für den "Augenschein" ist enorm. Die Polizei überwacht alle Etagen des Parkhauses, um zu verhindern, dass während der Verhandlung fotografiert wird. Die Grenzpolizei ist mit einer Drohne auf dem Dach postiert, die bei Bedarf eingesetzt werden könnte. Die Wasserwacht sichert den Kanal mit Booten ab, sollte jemand abrutschen.

In der Tat ist es nicht ungefährlich, als die Richter Heindl, Matthias Bauer und Oliver Kugler, dann Oberstaatsanwalt Bernhard Voit den Hang hinabsteigen. Alle müssen sich durch die Büsche schlagen: die Schöffen, die Protokollführerin mit ihren Akten, die Wachtmeister. Für Kugler, den berichterstattenden Richter wird ein Bistrotisch hinterhergetragen, auf den er sein Laptop legen kann. Immer mal wieder wischt er mit Zewa über die Tastatur. Zeitweise schauert es heftig. Der Einzige, der klugerweise Gummistiefel angezogen hat, ist Jörg Stangl, Kriminalhauptkommissar beim K7. Spurensicherer und outdoor-erprobt.

Er zeigt die mutmaßliche Sturzstelle, 58 Meter von der Brücke entfernt, sowie den Auffindeort drei bis sechs Meter weiter. Die einzige der drei Angeklagten, die mit zum Ufer hinunter klettert, ist Ariane I. (Namen geändert), die 21-jährige Kauffrau aus Weiden. Und das ist kein leichtes Unterfangen: Auch sie ist mit Handschellen an ihren Vorführbeamten gekettet. Gemeinsam hangeln sie sich die Böschung hinunter. Die männlichen Angeklagten ziehen es vor, auf dem Weg oben zu bleiben. Die 21-Jährige ist auch die Einzige, die sich vor Ort äußert. Sie erklärt über ihren Anwalt Jan Bockemühl, dass die Einsturzstelle in ihrer Erinnerung noch näher zur Brücke lag. Das müsste sie nicht, und es ehrt sie.

Alle Drei schuldfähig

Ab 11.30 Uhr wird die Verhandlung im trockenen Schwurgerichtssaal weitergeführt. Auf eine Aussage von Gerhard Z., dem "besten Freund" des Angeklagten warten die Beteiligten weiter. Es bleibt bei den bisherigen Einlassungen: Ariane I. (damals 21) sagt, sie habe Moritz wohlauf geglaubt und sich dabei auch auf Gerhard Z. (23) verlassen, der allein noch einmal zurück zum Fluss gegangen war. Ähnlich der Dritte im Bunde, der Fahrer (23), der aufgrund einer Schulterverletzung nicht mit am Ufer war.

Der psychiatrische Sachverständige Dr. Johannes Schwerdtner ist am Donnerstag der vorerst letzte Zeuge. Er schätzt alle drei Angeklagten als schuldfähig ein. Zwar hatten die junge Frau und der "beste Freund" getrunken. Aber aus den Überwachungsvideos und Zeugenaussagen anderer Shisha-Gäste schließt der Gutachter, dass keine neurologischen Ausfälle vorlagen. Der Fahrer war ohnehin nüchtern. Die Promillewerte rechnet Schwerdtner auf 1,6 bis 1,9 bei der Frau und auf 1,18 bis 2,2 Promille bei dem 23-Jährigen hoch. Allerdings selbst bei ihm ohne größere Ausfälle: Er erkenne auf den Videos ein "durchaus klares Gangmuster". Zudem habe der 23-Jährige nachts noch per Handy gechattet.

Diese Chats werden verlesen, und sie lassen Gerhard Z. in keinem guten Licht erscheinen. Nur eine Dreiviertelstunde nach dem Verschwinden von Moritz G. im Flutkanal chattet er mit einem Kumpel über die körperlichen Vorzüge von Ariane I. Kurz darauf schreibt er dem nach Sulzbach zurückgekehrten Alex B: „Ariane war Hammer. Kein Spaß. Die weiß, wie’s geht.“

Alles nur Macho-Prahlerei oder hatten die beiden tatsächlich Sex? Sie bestreitet das bislang und hat ihn zumindest nicht bei sich in Weiden übernachten lassen.

Arianes Anwalt Burkhard Schulze lässt als Beweisantrag ein Video vorspielen. Der Inhalt ist relativ makaber. Es ist eine bei Sonnenschein nachgestellte Szene vom Wassersturz von Moritz G. und dem vergeblichen Versuch von Ariane I., ihm die Hand zu reichen. Die handelnden Personen sind von Größe und Statur den Vorbildern ähnlich. Die Sequenz soll zeigen, dass es der 1,65 Meter großen und zierlichen Frau unmöglich gewesen sei, Moritz aus dem kalten Wasser zu holen.

Ein weiteres Video zeigt ein Double der Angeklagten I., wie es ab dem Parkhaus über die Brücke der Friedrich-Ebert-Straße Richtung Sportplatz des Kepler-Gymnasiums geht. Sie kommt an einer Garagenzeile vorbei. Dort haben drei Zeuginnen in der Tatnacht einen Wasserplatscher gehört.

Worauf die Verteidiger mit diesem Film hinauswollen, ist nicht ganz klar. Schulze meint, die Dauer (1,02 Minuten) spielt keine Rolle, I.’s zweiter Verteidiger Jan Bockemühl hält die Zeit dagegen für sehr wohl relevant.

Die Angeklagten äußern sich über ihre Anwälte

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Info:

Weitere Beweisanträge

Alle Zeugen und Sachverständigen sind gehört. Für nächste Woche waren im Prozess Plädoyers und Urteil geplant. Das kann sich verzögern. Verteidiger der drei Angeklagten stellten auch Donnerstag weitere Beweisanträge, über die noch entschieden werden muss.

  • Jan Bockemühl, Verteidiger der 21-jährigen Angeklagten, möchte einen weiteren Rechtsmediziner hören. Ihm geht es um die Frage, ob der Zustand des später Ertrunkenen nicht doch Schwimmbewegungen erlaubte oder zumindest solche zu erkennen waren. Der bisherige Sachverständige Rechtsmediziner Prof. Dr. Peter Betz erkläre die nassen Haare, die Moritz G. im ersten Video hat, mit sommerlichen Temperaturen oder erhöhtem Schwitzen durch die Intoxikation. Es sei an dem Abend aber nicht hochsommerlich warm gewesen, so Bockemühl, und es erkläre nicht, warum auch die Kleidung nass sei. Die Stoßrichtung des Beweisantrags: Seine Mandantin sei davon ausgegangen, dass der später Verstorbene vorher schon einmal im Wasser war und von selbst wieder ans Ufer kam.
  • Der zweite Beweisantrag kam von Anwalt Burkhard Schulze, auch er ein Verteidiger der 21-jährigen Angeklagten. Er möchte einen IT-Sachverständigen mit Schwerpunkt Smartphone vor Gericht hören.

 

 

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