24.06.2021 - 21:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Angeklagte im Flutkanal-Prozess äußern sich: "Situation unterschätzt"

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Endlich. Es gibt Äußerungen der Angeklagten, wie Moritz G. im Flutkanal zu Tode kam. Wie sie zu bewerten sind, muss das Gericht entscheiden. Um es mit den Worten der Freundin des Ertrunkenen zu sagen: "Es passt hier nichts zusammen."

Vor dem Landgericht erinnern Kerzen an den Tod von Moritz G., ertrunken im Weidener Flutkanal.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Über ihre Anwälte haben zwei Angeklagte im Flutkanal-Prozess nun doch Angaben gemacht. Zusammengefasst: Die Freunde wollen die Situation falsch eingeschätzt haben. Sie hätten gedacht, der später Ertrunkene "verarsche" sie nur. Er sei wohlauf am Ufer und verstecke sich. Verärgert sei man gefahren. Bislang schweigt noch immer der "beste Freund" des Toten. Bei der polizeilichen Vernehmung und gegenüber Angehörigen hatte er sich auf kompletten Erinnerungsverlust aufgrund von Alkohol berufen. Zitat: "Ich weiß bloß noch, dass er ins Wasser ist, alles andere nur ganz verwischt."

Video "keine Absicht"

Den Anfang macht am Donnerstag die junge Dame im Trio auf der Anklagebank. Anwalt Jan Bockemühl verliest die Einlassung der 22-jährigen Kauffrau aus Weiden. "Sie fasste die Situation in keinerlei Weise als gefährlich auf." Seine Mandantin habe sich vielmehr gedacht: "Beeindruckend, dass er hier in Klamotten schwimmen geht. Über das Video wird er sicherlich morgen noch lachen können."

Sie hat die Smartphone-Filme gedreht, die zeigen, wie Moritz G. schluchzend und um Hilfe bittend im Ufergras liegt. Das zweite Video zeigt, wie er beim Aufstehversuch rücklings in den Flutkanal fällt. Diese Videos seien zufällig entstanden, so Bockemühl. Die 22-Jährige habe den Taschenlampenbutton gesucht und schließlich die Instagram-Videofunktion benutzt, weil sie wusste, wie dort das Blitzlicht aktiviert wird.

"Ist am Ertrinken. Lul"

Sie habe den Angeklagten aus den Augen verloren, als sie mit einem der anderen sprach. "Moritz war im Wasser nicht mehr zu sehen." Es war 22.20 Uhr und dunkel. Sie habe in dem Moment gedacht, Moritz G. sei an anderer Stelle ans Ufer oder bereits beim Auto. Sie und die anderen hätten noch im Wasser zugerufen: "Ok, jetzt reicht's. Du hattest einen Spaß, komm raus.." Zurück am Parkhaus sei der beste Freund von Moritz dann noch einmal zur Uferböschung zurück und habe danach versichert, Moritz G. sei in Sicherheit. "Der lässt uns nach sich suchen. Der verarscht uns nur." Sie schildert, wie sich der betrunkene Bekannte vorher daneben benommen habe: Erst sei seine Hand ihre Hüfte hinabgerutscht, dann habe er Streit mit dem Fahrer gesucht.

Auch dieser Fahrer der Gruppe, ein 23-Jähriger aus Sulzbach-Rosenberg, will davon ausgegangen sein, dass Moritz G. sich einen schlechten Scherz erlaube. Er hatte aufgrund einer gerade ausgeheilten Schulterverletzung oben am Radweg genervt auf die anderen gewartet. Ohnehin hatte er den Abend als totalen Reinfall empfunden. Seinem Ärger habe er später in der Nacht in Sprachnachrichten an einen guten Freund Luft verschafft. "Er bedauert sehr, die Situation nicht zutreffend erfasst zu haben", sagt sein Anwalt. Den Eltern möchte er Beileid ausdrücken.

Was da gechattet und an Sprachnachrichten verschickt wurde, ist tatsächlich nicht vorteilhaft. Der Fahrer schreibt an einen Spezl in Sulzbach-Rosenberg - exakt in den Minuten des Ertrinkens: "Moritz ist in Bach gefallen. Ist gerade am Ertrinken. Lul." Der Bekannte: "Ist das wahr oder nur Joke?" Es lässt ihm keine Ruhe: "Seid ihr wirklich gefahren?" Antwort des Angeklagten auf der Heimfahrt: "Keine Ahnung, Dicker, ob der jetzt ertrunken ist, mir so scheißegal." In einer Sprachnachricht macht er "so Würgegeräusche" nach, mit denen Moritz ins Wasser gefallen sei: "Ärgärgärg, als würde er ertrinken." Aber dann habe Moritz wieder gekrault. "Ganz ehrlich, ertrinken wird der nicht. Irgendwie wird er angeschwemmt werden und wacht dann auf.""

Fünf Beweisanträge stellt Dr. Burkhard Schulze für die weibliche Angeklagte. Unter anderem möchte er einen Sachverständigen für Biomechanik hören. Seine Mandantin sei 1,65 Meter groß und 55 Kilo schwer. Aus keiner Position am Ufer wäre es ihr möglich gewesen, ein Körperteil oder Kleidungsstück des Gestürzten zu greifen. Der Bruder der Angeklagten habe dies mit einer Freundin selbst ausprobiert. Schulze beantragte die Vorführung dieses Videos, ersatzweise ein Nachstellen vor Ort "mit geeigneten Personen". Vor Ort wird es tatsächlich gehen. Das Gericht plant einen Augenschein-Termin am Flutkanal.

Freundin bald misstrauisch

Noch ein Chat-Verkehr wird am Donnerstag verlesen: Der zwischen der Freundin des Toten und dem besten Freund. Sie wird schnell misstrauisch. Sie schreibt an Tag 2 nach Moritz' Tod an den besten Freund: "So betrunken kann man doch nicht sein. Er lag da im Wasser. Davon gibt es sogar ein Scheißvideo. Da kommt doch Adrenalin hoch. Den holt man doch da raus. Wieso hat ihm keiner geholfen?" An Tag 4: "Grad war der Bestatter da. Wir mussten einen Sarg aussuchen. Ich komme nicht mehr klar.“ An Tag 6: „Schämst du dich nicht? Sitzt das ganze Wochenende im Queens und feierst?“

Prozessauftakt

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Helfer in Griffweite

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Rechtsmediziner schätzt Ertrinkungstod auf wenige Minuten

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Befangenheitsanträge gegen Richter

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Hintergrund:

Befangenheitsanträge abgelehnt

Das Landgericht hat die Befangenheitsanträge gegen Richter Matthias Bauer als unbegründet abgelehnt.

Ein Verteidiger hatte behauptet, der Richter – zugleich Pressesprecher des Landgerichts – habe in einem Fernsehinterview vom „Ermordeten“ gesprochen. Er habe sich dann korrigiert und eine neue Version sei aufgenommen worden. Bauer weist das zurück, OTV-Redakteur Thomas Bärthlein bestätigt es: Der Richter habe sich versprochen, „Getöteter“ gesagt und dies dann unverzüglich in „Ertrunkenen“ verbessert.

Auch der zweite Befangenheitsantrag prallt ab. Der Vorwurf: Bauer habe sich während der Verhandlung mit seinem Smartphone beschäftigt. Der Richter widerspricht: Das Handy in der Hosentasche habe gedrückt. Er habe es auf den Tisch gelegt und dabei geprüft, ob der Vibrationsalarm ausgeschalten ist.

 

 

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