18.09.2018 - 09:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Rio-Räuber reisen 1000 Kilometer an

Ein Montagabend im April 2016. Luise und Ernst W. (80 und 89) sitzen in ihren Fernsehsesseln. Es ist eine Stunde vor Mitternacht. Die Senioren sind aus Gewohnheit lang auf. 35 Jahre haben sie die Rio-Bar in Grafenwöhr betrieben. Es läuft der "Bulle von Tölz", als plötzlich echte Verbrecher im Wohnzimmer stehen.

Eine halbe Hundertschaft begleitet Oleksandr M. im März 2018 zu seiner Zeugenaussage im Landgericht Weiden. Aus Sicherheitsgründen wird der Hintereingang benutzt. M. gestand die Beteiligung am „Rio“-Raub und wurde dann zurück nach Österreich gebracht, wo er eine Haftstrafe absitzt. Sein Prozess in Weiden folgt noch.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Grafenwöhr/Weiden.Wie es dazu kam, das wird seit Februar vor dem Landgericht Weiden erforscht. Vor der 1. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Markus Fillinger stehen seit 25 Verhandlungstagen einer der mutmaßlichen Räuber und vier Beihelfer.

Zurück ins Frühjahr 2016. Erst kurz zuvor hat sich das Paar zur Ruhe gesetzt. Ernst W. will das Lokal verkaufen. Er steht in Verhandlungen mit einem Asiaten, ebenfalls Gastronom. 250 000 Euro sind im Gespräch. In trockenen Tüchern ist noch nichts. Aber schon ranken sich in Grafenwöhr die tollsten Gerüchte über den Erlös. Von bis zu einer halben Million ist die Rede. Man weiß: Ernst W. (Jahrgang 1926) ist ein Geschäftsmann vom alten Schlag. Er bewahrt sein Geld daheim auf.

Mittelsmann in Tachau

Das Gerücht lockt Profis aus der Ukraine an. 1000 Kilometer entfernt. Verbindungsglied ist ein 62-Jähriger aus Tachau. Der leutselige Tscheche ist kein unbeschriebenes Blatt, war früher im Rotlichtmilieu unterwegs. "Wissen Sie, ich bin ein Schurke", erklärt er den Richtern. Während des Weidener Prozesses isst er in jeder Mittagspause einen Schweinshax'n bei einem befreundeten Wirt in der Altstadt, inzwischen 25 Stück.

Er kennt viele Leute, sei es über die Hühnerzucht oder die Vermittlung von deutschen Gebrauchtwagen an russischsprachige Kunden. Aus solchen Geschäften kennt er den Ukrainer Viktor C., 41, einen "Berufskriminellen", wie es der Staatsanwalt nennt. Viktor C. hat Familie in der Westukraine (seine Frau entbindet kurz nach seiner Verhaftung das zweite Kind), aber er pendelt regelmäßig geschäftlich nach Prag. Dort unterhält er eine Wohnung und eine Geliebte. Um ihn schart sich eine Gruppe von Landsleuten.

Fatale Flüsterpost

Für "die Jungs" sucht der Tscheche im Frühjahr "Arbeit", sprich: ein rentables Ziel für einen Raub. Er ruft dazu einen vorbestraften Schrotthändler (45) im Landkreis Neustadt an. "Er hat mich genervt mit diesen Anfragen", sagt dieser. Ein ehemaliger Knastbruder (58) aus Grafenwöhr bekommt das mit - und bringt Ernst W. ins Spiel. Die fatale Flüsterpost nimmt ihren Lauf. Der Tipp geht telefonisch über Tachau in die Ukraine.

Die Rio-Räuber reisen an. Am 8. April 2016 überqueren Viktor C. und drei weitere Männer die ukrainische Grenze zur Slowakei. Ihre Pässe werden an der Schengen-Außengrenze eingescannt. Sie quartieren sich in Viktors Wohnung in Prag ein. Am Samstagmittag, 9. April 2016, fahren Viktor C. und Oleksandr M. mit dem Tachauer nach Grafenwöhr. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass sie mit den beiden hiesigen Tippgebern den Tatort besichtigen. Vermutlich wird Provision zugesagt.

Zwei Tage später, am 11. April 2016 kurz vor Mitternacht, bricht über das Ehepaar W. die Hölle herein. Ernst und Luise W. sehen drei Maskierte im Türrahmen stehen. Sie werden aus ihren Sesseln gerissen, zu Boden geworfen, mit Stromkabeln und Handschellen gefesselt. Die Täter werfen ihnen Decken über die Gesichter. Der 80-jährigen Frau wird das Schultergelenk ausgebrochen. Ihr 89-jähriger Mann wird derart geschlagen, dass er am nächsten Tag blau und schwarz ist. Er erleidet in unmittelbarer Folge einen Schlaganfall.

50 Minuten liegen die Senioren bäuchlings auf dem Boden. Sie hören die Räuber durch das Haus rumpeln. Die Täter reißen Schübe und Schränke auf. Die Beute besteht aus zwei Blechdosen mit Bargeld. Die Staatsanwaltschaft geht von 70 000 Euro Inhalt aus, dazu Geldbörsen und ein paar hundert Dollar. Als Ruhe einkehrt, kann sich Luise W. befreien. Sie wählt den Notruf. Dieses Telefonat wird im Rahmen der Verhandlung eingespielt. Im Hintergrund ruft Ernst W. zum Erbarmen um Hilfe.

Drei Räuber sind nach heutigem Kenntnisstand identifiziert. Erstens der Ukrainer Oleksandr M. (53). Er verbüßt aktuell in Österreich eine Haftstrafe wegen eines Raubes am Millstätter See. Im März wurde er in Weiden als Zeuge vorgeführt: Er gesteht. Mittäter nennt er nicht. Ein Polizist sieht, wie ihm Viktor C. während der Aussage mit einer Geste das Durchschneiden der Kehle androht.

Guter Polizeiarbeit ist zu verdanken, dass auch die Täter zwei und drei bekannt sind: Oleg B. und Vadim C. aus Moldawien. Die Kripo sichert ihre DNA am Tatort. Aber die Moldawier sind flüchtig. Das moldawische Justizministerium hat eine interessante Antwort geschickt: Man könne bei der Ergreifung nicht behilflich sein, weil die Verdächtigen in der selbst ernannten "Republik Transnistrien" leben. In dem abgesplitterten Landesteil verfüge man über keinerlei Einfluss. Gegen beide besteht europäischer Haftbefehl.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ein Vierter im Haus war: Viktor C., der hartnäckig jede Beteiligung bestreitet. Die Strafkammer fügt seit acht Monaten Beweisstück an Beweisstück. Eines davon sind weggeworfene Handschuhe mit seiner DNA, die in einem nahe gelegenen Bach gefunden wurden. Und, die Logik des Staatsanwalts: "Wieso sollte er Handschuhe anziehen, wenn er nicht im Haus war?"

Auch Pilsen erhebt Anklage

Für seine Mittäterschaft spricht ein Foto aus einer Prager Tunnelkamera, das ihn fünf Stunden vor dem Raub am Steuer des Tatfahrzeugs zeigt. Er selbst behauptet, kurz danach ausgestiegen zu sein. Als Alibi präsentiert er letzte Woche urplötzlich einen Vietnamesen, dem er an diesem Abend Schmuggelzigaretten übergeben habe. Er habe das erst jetzt preisgeben können, nachdem am Pilsener Bezirksgericht Anklage erhoben wurde. Denn auch die Tschechen wollen Viktor C. den Prozess machen: Sie werfen ihm und dem Tachauer vor, 1,5 Millionen weißrussische Zigaretten und 300 Kilo Tabak illegal importiert zu haben. Der Steuerschaden für die Tschechische Republik beträgt eine Viertelmillion Euro.

Schlaf nur noch tagsüber

Ernst und Luise W. sind inzwischen 92 und fast 82 Jahre alt. Der Senior ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr allein gehen. Seine Frau muss ihm das Essen schneiden, was ihr schwer fällt, weil sie den Arm nicht mehr gut bewegen kann. Vor dem Überfall lebte das Paar selbstständig; er war abends noch mit dem Auto bei "Lidl". Jetzt kümmert sich die Tochter. Sie berichtet von fürchterlichen Angstzuständen der beiden: "Nachts bleiben sie auf. Erst in der Früh, wenn es hell wird, gehen sie ins Bett." In seiner Vernehmung sagt der Senior unter Tränen: "Ich sehe laufend diese Verbrecher vor mir, die sehe ich immer wieder vor mir."

Staatsanwalt Peter Frischholz fordert für Viktor C. 10,5 Jahre wegen schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung. Für drei Beihelfer will er hohe Haftstrafen: 5 Jahre 3 Monate für den Tachauer Mittelsmann, 3 Jahre für den geständigen Tippgeber (45) und 5,5 Jahre für den eisern schweigenden 58-Jährigen aus Grafenwöhr. Ein 24-Jähriger, der in Prag das Tatfahrzeug gemietet hat, wird mit Freispruch davonkommen, weil er möglicherweise nichts von den Überfallplänen wusste. Der junge Ukrainer ist dennoch eine Randnotiz wert: Er fliegt zu jedem Prozesstag auf eigene Kosten aus Kiew an. Am Donnerstag, 20. September, beginnen die Plädoyers der zehn Verteidiger und der Nebenklage. Dann wird das Urteil gesprochen.

Hintergrund:

Den Ermittlungserfolg in Sachen „Rio“ kann sich die Weidener Kriminalpolizei ans Revers heften – im Team mit den tschechischen Kollegen. Die Spur führte damals schnell nach Tschechien. Der entscheidende Schritt gelang mit der Funkzellenauswertung. Abgefragt wurden alle Funkmasten, die das Wohngebiet Weinbühl in Grafenwöhr versorgen. Vier Millionen Zellteilnehmer wurden mit denen der Funkmasten an fünf Grenzübergängen abgeglichen. Übrig blieben zwei SIM-Karten, die zu einem Mietauto in Prag führten. Sie steckten im GPS-Tracker gegen Diebstahl und im Navigationsgerät. Mieter war ein Ukrainer (24), der das Auto für Viktor C. besorgt hatte. Diesen widerum hatten die Tschechen wegen Zigarettenschmuggels ohnehin im Visier. Die deutschen Ermittler profitierten von den umfangreicheren Möglichkeiten der Tschechen, etwa in puncto Autobahnkameras und Datenspeicherung. Als Schnittstelle bewährte sich das Gemeinsame Zentrum Petrovice-Schwandorf.

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