04.07.2021 - 14:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mit dem Rollstuhl durch Weiden: Stadtchefs machen den Selbsttest

Eine neue Perspektive eröffnet sich Oberbürgermeister und Bürgermeister beim Selbsttest: Mit dem Rollstuhl fahren beide durch Weiden. Mit neuen Erkenntnissen kehren sie zurück ins Rathaus.

von Helmut KunzProfil

Oberbürgermeister Jens Meyer und Bürgermeister Reinhold Wildenauer machten den Selbsttest und erlebten an einem Nachmittag die Innenstadt eineinhalb Stunden lang aus der Rollstuhlfahrerperspektive. „Was mich erstaunt hat: Man nimmt wirklich die Umgebung anders wahr“, sagte der Rathauschef. „Und man wird von seiner Umgebung auch anders wahrgenommen. Es gab Bekannte, die über uns hinweggesehen haben. Es gab auch eine Radfahrerin, die wegen uns ausweichen musste und – was ich ganz schlimm fand – verächtlich den Kopf schüttelte.“

Der Selbsterfahrungsrundgang zum Thema „Barrierefreie Innenstadt – Weiden für Alle!“ mit Weidens Behindertenbeauftragten Alexander Grundler fand in Hinblick auf die Bürgerversammlung, die dann am Mittwoch, 7. Juli, um 18 Uhr ist, statt. Schon sein Vorgänger habe das Problem angegangen, sagte OB Meyer. Seit 2007 seien Oberes und Unteres Tor sowie eine Reihe von Seitengassen sukzessive mit abgeschliffenem mit Granitpflaster umgerüstet worden. „Irgendwann waren wir an einem Punkt angelangt, wo wir einfach nicht mehr weitermachen konnten.“

„Unser Ziel ist es, den barrierefreien Ausbau voranzutreiben. Das konnte lange nicht angepackt werden, weil es die Straßenausbaubeitragssatzung gab. Das hätte bedeutet, dass die Anwohner in der Innenstadt finanziell beteiligt worden wären und zwar mit einem ordentlichen Prozentsatz.“ Das wäre nicht durchsetzbar gewesen. „Barrierefreiheit ist aber ein Menschenrecht und sollte als solches auch verstanden und gelebt werden.“

Die Stadtverwaltung habe vor geraumer Zeit eine Firma beauftragt, ein Konzept zu erstellen. „Das wurde inzwischen dem Bauausschuss und dem Stadtrat vorgestellt.“ Zu diesem Thema werde es am 7. Juli auch eine Bürgerversammlung in der Max-Reger-Halle geben mit einer auf 100 Personen begrenzten Teilnehmerzahl, erklärte der Oberbürgermeister. Im Foyer des Neuen Rathauses gebe es derzeit eine Ausstellung mit entsprechenden Plänen, ergänzte Grundler.

Der Rundgang, der von Absicherungskräften der offenen Hilfe im HPZ und des ARV begleitet wurde, startete am Neuen Rathaus. Von dort aus ging es durch die Kurt-Schumacher-Allee, über den Unteren und Oberen Markt zur Max-Reger-Straße und zurück. Im Durchgang vom "Alten Eichamt" testen die beiden Bürgermeister sichtbehinderte Brillen. Im Durchgang des Alten Rathauses forderte Grundler eine hellere Beleuchtung. "Wir sind froh, dass wir auf das Konzept, das uns seit über zehn Jahren vorliegt, zurückgreifen können", unterstrich Baudezernent Oliver Seidel. „Im Konzept steckten schon viele sehr gute Ideen.“

Die Umsetzung sei aufgeschoben worden, weil es nicht im Sinne der Stadt gewesen sei, die Anrainer finanziell an den Kosten zu beteiligen. „Jetzt, nachdem die Ausbaubeiträge gefallen sind, habe wir das zum Anlass genommen, noch einmal neu darüber nachzudenken und die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre einfließen zu lassen."

Grundler machte unterwegs auf viele Unzulänglichkeiten aufmerksam. Was auch Bürgermeister Wildenauer – „man kommt sich im Rollstuhl vor wie ein Kind“ – aufgefallen war: Viele Hürden und seien es nur Zentimeter, die einem gesunden Menschen überhaupt nicht auffielen, erschwerten einem Rollstuhlfahrer die Fortbewegung oder machten sie gar unmöglich. „Es gibt Kleinigkeiten, die man leicht abstellen könnte, und sei es nur das Auffüllen von ausgewaschenen Fugen zwischen den Pflastersteinen, die einem behinderten Menschen das Leben erschweren."

Als Beispiel nannte Grundler einen Sehbehinderten mit Blindenstock. Verkeile sich der Stock zwischen zwei Steinen, ramme er sich den Stock in den Bauch. „Selbst mit einem Rollstuhl nimmt man wirklich auch jede Unebenheit wahr. All diese kleinen Unebenheiten, die ein Fußgänger normalerweise nicht wahrnimmt, sind oft sehr entscheidend in der Fortbewegung. Die Menschen dafür zu sensibilisieren ist die zentrale Botschaft."

Auch der Einzelhandel müsse sich an die Nase fassen. Sei der Zugang nicht barrierefrei, werde wohl kaum ein Gehbehinderter zum Einkaufen kommen. Das wiederum unterstütze den Online-Händler mit dem großen "A". OB Meyer verwies auf das Rathaus als behindertenfreundlichen Arbeitgeber und schlug einen Aktionstag vor, der es Bürgern ermögliche, sich persönlich im Rollstuhl ein Bild von der Situation von Behinderten machen zu können.

Oberpfalz-Medien machte bereits 2018 den Selbstversuch

Weiden in der Oberpfalz
Info:
  • Thema: Konzpet „Barrierefreie Innenstadt – Weiden für Alle!“
  • Termin: Mittwoch, 7. Juli, 18 Uhr
  • Ort: Gustl-Lang-Saal in der Max-Reger-Halle
  • Teilnehmer: Oberbürgermeister und Verwaltung; maximal 100 Bürger
  • Keine Übertragung: Live-Stream war geplant, ist aus rechtlichen Gründen aber nicht möglich

 

 

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