16.04.2019 - 10:19 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Scheich Merwan" vor Gericht

Er beschreibt sich als "gesetzestreuesten Mensch überhaupt" – und das, obwohl er in den vergangenen zehn Jahren fast nur im Knast war. Nun startet der Prozess gegen "Scheich Merwan", der Schleusungen von 99 Menschen organisiert haben soll.

Symbolbild.
von Autor RNSProfil

Im Sommer 2017 wurden mehrmals Iraker, Iraner und Syrer im Bundesgebiet aufgegriffen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Deutschland geschmuggelt worden waren. Vor einem halben Jahr gelang es, einen der Hintermänner dingfest zu machen. Fahrer der Schleuser-Lastwagen und Geschleuste hatten auf Fotos, die man aus Facebook hatte gewinnen können, „Scheich Merwan“ als ihren Schleuser in Bulgarien identifiziert.

Nach langen Rechtsgesprächen zwischen Staatsanwaltschafts-Gruppenleiter Dr. Marco Heß, Landgerichtspräsident Gerhard Heindl, Richter Matthias Bauer, den Schöffen und Verteidiger Rouven Colbatz kam die erste große Strafkammer zur Überzeugung, dass eine Freiheitsstrafe um die sechs Jahre angemessen wäre – falls der 39-Jährige, in Mossul Geborene, alles gestehen würde. Obwohl er in den polizeilichen Vernehmungen zugegeben hatte, im Auftrag eines Anderen dafür gesorgt zu haben, dass viele Menschen nach Deutschland kämen, konnte sich der gelernte Schreiner vor Gericht nicht damit abfinden, dass er für die Schleusung von 99 Personen verurteilt werden soll. Er habe in Sofia lediglich Personen in seiner Wohnung nächtigen lassen. Und diese hätten alle „Papiere gehabt“. Er sehe sich lediglich als „Makler zwischen Schleusern und Geschleusten“. Im Übrigen sei er „der gesetzestreueste Mensch überhaupt“. Die vergangenen zehn Jahre habe er, bis auf ein Jahr, in Gefängnissen verbracht. Von Facebook und Kameras habe er deshalb keine Ahnung. „Wie soll ich die mir vorgeworfenen Taten da begangen haben?“ fragte er. Auch dass Schleuserfahrer mit zwei Jahren davon gekommen seien und er selbst sechs oder sieben Jahre bekommen solle, gehe ihm nicht ein, so der Ledige.

Dem hielten die Richter Heindl und Bauer entgegen, dass er selbst ausgesagt hatte, dass er einmal einen Menschen erschlagen hatte, dass er, wenn er zehn Jahre gesessen habe, kein so gesetzestreuer Mann sein könne und dass beispielsweise ein türkischer Lastwagen-Fahrer, der zwei Mal Personen über die tschechische Grenze gebracht hatte und nun – wie er – in der JVA Landshut sitzt, für diese zwei Taten mit zwei Jahren und zehn Monaten bestraft wurde. Der Angeklagte hatte dagegen acht Schleusungen mit zusammen 99 Personen organisiert.

Mehrere Transporteure, die in Landshut, Hof, Bayreuth und anderen Haftanstalten mittlerweile ihre Strafe absitzen, sagten als Zeugen aus. Sie schilderten die Fahrten, nach denen sie ihre „Fracht“ bei Arnschwang, bei Pleystein, nach dem Grenzübergang Tillyschanze oder auf Bundesstraßen ausgesetzt hatten. Den Angeklagten selbst, so sagten sie, hätten sie aber nie zu Gesicht bekommen. Für den Prozess sind sieben Tage angesetzt. Landgerichts-Pressesprecher Bauer kündigte aber an, dass sich die Prozessdauer doch etwas vermindern wird, da der Angeklagte über Rechtsanwalt Colbatz de facto doch ein Geständnis abgelegt hat. Fortsetzung ist am Donnerstag um 9 Uhr.

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