29.03.2020 - 21:35 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stichwahl in Weiden: Jens Meyer (SPD) gewinnt Kopf-an-Kopf-Rennen

519 Stimmen entscheiden. Jens Meyer ist neuer Oberbürgermeister Weidens. Der SPD-Mann kommt bei der Stichwahl auf 51,3 Prozent und liegt 2,6 Prozentpunkte vor CSU-Herausforderer Benjamin Zeitler. Überschwängliche Freude kommt nicht auf.

Alle Augen sind hier auf den Sieger gerichtet: Jens Meyer von der SPD (rechts) ist der neue Oberbürgermeister der Stadt. Er gewann das Kopf-an-Kopf-Rennen gegen CSU-Kandidat Benjamin Zeitler (links).
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Der seit zwölf Jahren amtierende Bürgermeister Weidens ist der neue Stadtchef: Jens Meyer. Doch der Gewinner der Oberbürgermeister-Stichwahl, bei der die Wahlbeteiligung mit 60,2 Prozent um gut 8 Prozentpunkte über der vor zwei Wochen lag, ist am Sonntagabend vor dem Neuen Rathaus sichtlich hin- und hergerissen – zwischen Freude und Sorge: "Ich bin dankbar, erleichtert und glücklich über diesen Wahlausgang. Die zwölf Jahre waren nicht umsonst. Aber die Corona-Situation überschattet alles", sagt der 49-Jährige hochemotional.

Noch eine Stunde zuvor hat Meyer an der Sitzung des Krisenstabs teilgenommen und erfahren, dass die Fallzahlen in Weiden und den Landkreisen Neustadt und Tirschenreuth auf 600 Fälle gestiegen sind. "Es gibt auch weitere Tote." Nun dieser knappe Sieg, den Meyer der Corona-Krise geschuldet nicht mit Parteifreunden in den Armen liegend und bislang nicht mal mit seiner Frau und den beiden Kindern teilen konnte. Sie warten daheim auf den Familienvater. Ihnen und allen Unterstützern aber dankt Meyer inständig.

OB Kurt Seggewiß: "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen"

Geschafft: Einen kleinen Moment der Freude inmitten der Corona-Krise gibt es dann doch für Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und dessen Nachfolger im Amt, Jens Meyer (links), beide SPD.

Einzig Kurt Seggewiß gratulierte bereits. "Mir ist gerade ein Stein vom Herzen gefallen", sagt der Noch-Oberbürgermeister. Im ganzen Rathaus herrsche Erleichterung. Seggewiß selbst freut sich über den Fortbestand der SPD-Regierung: "Das erleichtert gerade in diesen Zeiten die Amtsübernahme enorm. Jens als mein erster Stellvertreter kennt sich aus. Ich brauche nichts groß erklären. Er kennt auch die Schubladenprojekte."

Jens Meyer kennt aber auch die neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat. Die CSU ist die stärkste Fraktion. "Aber wir werden zusammenarbeiten", betont Meyer. Er sei schon immer ein Mann der Kompromisse gewesen, bei dem die Inhalte im Vordergrund stehen. "Ich will kein SPD-Oberbürgermeister sein. Ich will ein Oberbürgermeister für alle Weidener sein."

Jens Meyer, Kurt Seggewiß und Benjamin Zeitler zur Stichwahl

SPD-Fraktionschef Roland Richter: "Wir haben die wichtigste Wahl gewonnen"

Selbstbewusst kommentiert SPD-Fraktionschef Roland Richter das Ergebnis: "Es ist Wahnsinn und eine Erleichterung: Wir haben die wichtigste Wahl gewonnen." In Richtung CSU sagt er: "Diejenigen, die sich in den letzten zwei Wochen vielleicht zu früh gefreut haben, sind nun aufgerufen, den neuen Oberbürgermeister zu unterstützen." Die Genossen hätten auf dessen Erfahrung gebaut, der Wähler habe die wohl auch goutiert. "Letztlich weiß man aber nie, was ausschlaggebend war. Diese Wahl lief unter den seltsamsten Umständen." Statt einer Siegesfeier im Postkellersaal, wie einst bei Kurt Seggewiß, "einer der schönsten Momente meiner politischen Karriere", feiere man den Sieg alleine mit der Familie vor dem Computer. "Das ist gespenstisch."

Die SPD-Stadtverbandschefin hat ihre Freude in den Garten geschrien. "Jetzt geht es mir gut", sagt Sabine Zeidler, deren Herz bei der knappen Auszählung gerast wäre. Meyer habe in dieser schwierigen Zeit zuletzt so agiert, wie Zeidler ihn kenne: konstruktiv und sachlich. "Das hat mich sehr beeindruckt, und ich dachte immer, das müssen die Menschen doch auch sehen." Das haben sie anscheinend. Und nun? "Hans Schelter und Hans Bauer hatten auch keine Mehrheiten. Jetzt müssen wir eben zusammen für die Sache anpacken."

Benjamin Zeitler: "Wir haben uns mehr erhofft"

Ellenbogen-Check in Corona-Zeiten: CSU-Herausforderer Benjamin Zeitler (links) gratuliert dem noch amtierenden Oberbürgermeister Kurt Seggewiß zum Wahlerfolg seines Parteigenossen Jens Meyer.

Auf 48,7 Prozent der Stimmen kam der CSU-Kandidat. "Wir waren knapp dran", stellt Benjamin Zeitler – ebenfalls vor dem Neuen Rathaus – "natürlich enttäuscht" fest: "Wir haben uns mehr erhofft. Aber diese Zeiten haben andere Vorzeichen als gewöhnliche Stichwahlen. Die kommunalpolitischen Themen geraten in den Hintergrund. Die Menschen haben derzeit ganz andere Sorgen. Und darum war das Ergebnis auch nicht kalkulierbar."

Zeitler betont, dass er Jens Meyer zum Wahlsieg gratuliere. Vor dem neuen Oberbürgermeister lägen angesichts von Corona, aber auch wegen der neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat keine leichten Aufgaben. Seine Corona-Hilfe Weiden werde als Bürgerhilfe Weiden weiter bestehen. Er selbst wolle sich in der neuen CSU-Fraktion in führender Rolle einbringen. Er selbst wolle sich in der neuen CSU-Fraktion in führender Rolle einbringen - "in welcher Form auch immer". "Ich bin nicht einer, der sagt, die Wahl ist vorbei und ich ziehe mich zurück."

CSU-Fraktionschef: "Ich trete ins zweite Glied zurück"

Für Markus Bäumler, der die CSU-Fraktion seit 13 Monaten führt, ist die künftige Rolle Zeitlers im Weidener Stadtrat klar: "Wir haben mit Zeitler und einem großartigen Team ein nahezu sensationelles Stadtratsergebnis eingefahren. Wir sind in der Stichwahl knapp unterlegen. Es gebührt Zeitler, dass er der stärksten Fraktion im Stadtrat vorsteht. Es ist keine Frage, für ihn trete ich wieder ins zweite Glied zurück. Ich werde auch alles tun, damit Zeitler unser Fraktionschef wird. Er wird das Beste mit der bürgerlichen Mehrheit im Stadtrat für Weiden gestalten."

Lothar Höher: "Das hat uns nicht jeder zugetraut"

"Wir haben in der Summe ein großartiges Ergebnis", zeigt sich Bürgermeister und CSU-Ehrenkreisvorsitzender Lothar Höher zufrieden, der selbst vor 13 Jahren OB Kurt Seggewiß in der Stichwahl mit größerem Abstand unterlegen war. Die CSU habe mit einem fähigen Kandidaten einen engagierten Wahlkampf geführt. "Vor neun Monaten hätte uns niemand eine solch gute Leistung zugetraut. Wir waren in einer schwierigen Situation. Jetzt sind wir wieder voll da." Zugleich betont Höher, dass er darauf hoffe, vom Stadtrat wieder zum Bürgermeister gewählt zu werden.

Bürgerliste: "Jens Meyer hat auf Sicht keine Mehrheiten im Stadtrat"

Benjamin Zeitler habe ein wirklich respektables Ergebnis eingefahren, lobt Christian Deglmann, Fraktionssprecher der Bürgerliste, die den CSU-Kandidaten stets unterstützt hatte. Auch ohne die Stichwahl gewonnen zu haben, würden Zeitler und "die bürgerliche Mitte" die Stadtentwicklung prägen. "Wir sind eine starke Opposition, und ein Oberbürgermeister Jens Meyer hat auf Sicht keine Mehrheiten im Stadtrat."

Das Rathaus aber bleibt vorerst in roter Hand. Die Amtseinführung von Jens Meyer ist laut Auskunft von OB Kurt Seggewiß für den 11. Mai terminiert.

Kommentar:

Ein Gewinner und ein starker Gegner

Was für ein Herzschlagfinale: Am Ende siegt Jens Meyer mit nur 519 Stimmen Vorsprung. Und damit hat sich am Ende der Mann in der OB-Stichwahl durchgesetzt, der sich in zwölf Jahren als amtierender Bürgermeister Respekt und Vertrauen erarbeitet hat. Mit diesen Eigenschaften konnte der SPD-Mann gerade als Stellvertreter des Oberbürgermeisters beim Managen der Coronakrise punkten. Das dürfte ihm die entscheidenden Wählersympathien eingebracht haben. Machte also am Ende die Krise Meyer zum Oberbürgermeister? Das jedenfalls vermuten die politischen Gegner hinter vorgehaltener Hand. Denn zugegeben, Benjamin Zeitler hat alles gegeben und seit seiner Nominierung vor neun Monaten einen nahezu perfekten und ausdauernden Wahlkampf hingelegt. Angefangen von der Ape bei der Zuhörtour bis hin zu gefühlt jeder Veranstaltung, bei der Zeitler vorbeischaute. Nebenbei holte er politische Hochkaräter in die Stadt, plauderte mit Markus Söder im Kino und mit den Bürgern in Tausenden Haushalten, bei denen er klingelte. Auch online war Zeitler über Monate der Platzhirsch. Dagegen kam Meyer erst wenige Wochen vor der Wahl richtig in die Gänge. Ob das reichen würde, daran zweifelte auch das Gros der SPD mehr oder weniger öffentlich. Doch mit der Corona-Krise und den Ausgangsbeschränkungen war diese Diskussion gelaufen. Meyer als erfahrener Stellvertreter des Oberbürgermeister, als Krisenmanager, war gefragt. Der Gegner aber blieb nicht untätig: Zeitler versuchte sich mit der eigens gegründeten Coronahilfe zu profilieren. Die Mehrheit der Wähler hat’s nicht goutiert. Das Ergebnis muss bitter für den fleißigen Gegner sein. In dessen Knappheit wird es Zeitler aber auch ermutigen, weiter forsch voranzugehen. Mit der CSU-Hausmacht im Rücken kann Zeitler Meyer das Leben weiter schwer machen. Jede Entscheidung kann ähnlich knapp werden wie das Herzschlagfinale um den Oberbürgermeistersessel.

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