10.07.2018 - 16:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Auf den Straßen Kabuls

Er hat Freunde, ein Zuhause, einen Arbeitsplatz: Noch vor zwei Wochen lebt der junge Afghane ein sicheres Leben in Weiden, das er sich acht Jahre lang aufgebaut hat. Heute streift er durch Kabul - ohne Essen, Geld, ohne Schutz.

Dekan Wenrich Slenczka steht über Whatsapp in Kontakt mit dem 26-Jährigen, der immer wieder die „schlimme Lage in Kabul“ schildert.
von Julia Hammer Kontakt Profil

(juh) "Er durchlebt einen absoluten Kulturschock. Es ist unerträglich für ihn in Kabul", erzählt Dekan Wenrich Slenczka, der regelmäßig mit dem Afghanen per Whatsapp in Kontakt steht (siehe Bild). Acht Jahre lebt der nun 26-Jährige in Weiden. 2014 findet er eine feste Arbeitsstelle, beginnt, sich für den christlichen Glauben zu interessieren. Er findet Freunde, wird Teil der Gemeinschaft, schafft das Deutschzertifikat A2, besucht regelmäßig Gottesdienste - erst in Weiherhammer "aus Angst, in Weiden von Landsleuten gesehen zu werden", später, "als er sich sicherer fühlte", in Weiden.

Im März 2017 tauft ihn Slenczka auf eigenen Wunsch. "Er war hier sehr glücklich, war angekommen." Am 18. Juni erhält er die "Schocknachricht" von der Zentralen Ausländerbehörde der Regierung der Oberpfalz in Regensburg. "Sein Ausweis und seine Arbeitserlaubnis werden nicht verlängert." Acht Wochen versuchen Slenczka, Jost Hess, Vorsitzender von AK Asyl sowie ein Anwalt alles, um die Abschiebung zu verhindern. Ohne Erfolg. Am 25. Juni wird der junge Mann von Beamten in "Ausreisegewahrsam" genommen und in die JVA Erding gebracht. "Psychisch zu viel für ihn", erzählt Slenczka. "Aus Verzweiflung ist er mit dem Kopf mehrfach in die Glasscheibe im Bad gerannt, hat sich tiefe Schnittwunden zugezogen." Der Kontakt zu dem Afghanen bricht einige Tage ab. Bis der Dekan die kurze Nachricht "ich bin da" erhält. Da - damit meint der 26-Jährige Kabul, die Hauptstadt seines Geburtslandes.

Am vergangenen Dienstag wird er mit 68 Landsleuten nach Afghanistan abgeschoben. "Er lebt jetzt auf der Straße, weiß nicht wo er hin soll", erzählt der Mann, der den 26-Jährigen fünf Jahre lang beschäftigte. "Er hat keine Wohnung, kein Geld. Nur das bisschen, das ich ihm in Erding noch mitgeben konnte. Davon kauft er Wasser und Brot." Stundenlang laufe er alleine durch die Straßen Kabuls "und stellt sich vor, es wäre Weiden", erzählt der Geschäftsmann, der ebenfalls immer wieder Whatsapp-Kontakt zu dem 26-Jährigen hat. Schon lange sei die Familie des Afghanen tot, Mutter und Schwester durch Landminen getötet. "Er hat niemanden." Die Aussicht auf Arbeit sei "gleich Null". "Er ist in einem kleinen Dorf geboren. Von dort müsste er behördliche Unterlagen holen. Das ist aber zu gefährlich. Hat er die aber nicht, kann er nicht arbeiten."

Immer wieder spreche er dem Abgeschobenen Mut so, doch der Weidener ist sich sicher: "Lange hält er die Situation in Afghanistan nicht durch. Das Problem ist, dass er nun in einem Land ist, das er eigentlich nicht kennt, dort niemanden hat." Aussicht, dass er in die Oberpfalz zurückkehrt, gebe es nicht. "Es fällt mir schwer zu wissen, dass er in so einer gefährlichen Situation ist", bedauert der ehemalige Arbeitgeber, der seit Tagen versucht, Geld nach Afghanistan zu schicken. "Das ist nicht leicht. Er hat kein Konto, man bräuchte jemanden, der es persönlich übergibt. Doch ich finde niemanden." Slenczkas Hoffnung - auch die von Jost Hess und dem Geschäftsmann - ist, dass der Kontakt nach Kabul nicht abbricht. "Er soll wissen, dass wir auch von Deutschland aus zu ihm stehen", betont der Dekan.

Rechtliche Schritte gegen Abschiebung:

"Wir haben alle rechtlichen Mittel für den 26-Jährigen ausgeschöpft", betont Jost Hess, Vorsitzender von AK Asyl und selbst Jurist. Nachdem der Antrag auf Bleiberecht abgelehnt wird, verfügen die Behörden die "Ingewahrsamnahme". Eine Gegenklage bleibt ohne Erfolg. "Wir haben Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Diese wurde ohne Begründung nicht angenommen." Auch ein Asylfolgeantrag wird abgelehnt. "Dagegen läuft eine Klage." Das Problem: Der 26-Jährige hat keinen Pass. "Das ist Pflicht in Deutschland. Er hat nur eine Tazkira - eine Art Geburtsurkunde mit Passbild. Das reicht den Gerichten nicht." Wie die zuständige Behörde betont, habe man den 26-Jährigen wiederholt aufgefordert, einen Pass vorzulegen. "Das ist nicht leicht", erklärt Hess. "Die Tazkira muss erst von sämtlichen Instanzen in Kabul und der Bundesrepublik beglaubigt werden. Das ist ein langwieriger und teuerer Prozess." (juh)

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Kommentare

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A. Schmigoner

Horst Seehofer hat sich übrigens heute, bei der Vorstellung seines "Masterplanes", ausgesprochen erfreut über die Abschiebung der 69 Afghanen geäußert. Er meinte, dass dies ausgerechnet an seinem Geburtstag "erfolgreich" durchgeführt werden konnte. Der „Spiegel“ schreibt schon von einem „Desasterplan“.

11.07.2018

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