17.05.2019 - 14:39 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Auf der Suche nach Inspiration: Stadt reist zu Obdachlosenheimen

Wie baue ich eine neue Obdachlosenunterkunft? Weiden hat das Thema lange aufgeschoben, jetzt geht es umso rasanter. Räte und Mitarbeiter der Stadt lassen sich auf einer Reise in andere Notunterkünfte inspirieren.

Stadtrat Veit Wagner testet eine Pritsche in Ingolstadts Notunterkunft. „Wie baue ich ein neues Obdachlosenheim?“, fragen sich Räte und Mitarbeiter der Stadt. Eine Reise inspiriert.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

"Das Thema dümpelt seit 20 Jahren vor sich hin", weiß Stadtrat Josef Gebhardt. Doch auf einmal ging alles ganz schnell. In einer Sitzung im März hatte Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier erklärt, dass wegen des maroden Zustands Lebensgefahr für die Bewohner bestehe (wir berichteten). Die Stadträte beschlossen einstimmig, die Unterkunft zu erneuern. Als Grund für den überraschenden Vorstoß sieht Stadtrat Veit Wagner auch die Kostenschätzung von 7,5 Millionen Euro für den Tierheim-Neubau. "Das war ein starkes Bild: Tiere gegen obdachlose Menschen."

Weiden in der Oberpfalz

Doch die Stadt will sich nicht weiter mit Vergangenheitsbewältigung aufhalten. Jetzt soll alles umso schneller gehen. Deshalb: Anschnallen, Motor an und Abfahrt. Die beiden Stadträte, Ursula Barrois von der Initiative sowie Wolfgang Hohlmeier vom Sozialdezernat und Baudezernent Oliver Seidel machen sich mit Stadtmitarbeitern auf die Reise. Denn vor dem Bau muss erst einmal ein Konzept stehen. Die Gruppe besichtigt neu gebaute Notunterkünften in Ingolstadt und Pfaffenhofen.

Funktional und sauber

Erste Station ist Ingolstadt. Die zweitgrößte Stadt Oberbayerns wächst rapide, seit 2012 um mehr als 10 000 Menschen. Gerade wohnen dort rund 138 600. Die Stadt baut kräftig ihre Infrastruktur aus: Kindergärten, Rathäuser, Wohnungen. 2014 erweiterte sie die Obdachlosenunterkunft. An Villen und kleinen Firmen vorbei geht es zum Stadtrand, der neue Bau ist ein zweigeschossiger Betonklotz. Farbtupfer sind nur die quietschgelben Türen.

Der Bau für maximal 32 Bewohner strahlt Funktionalität aus, und Sauberkeit. Nicht mal eine Kippe liegt am Boden. Das liegt aber vor allem am Reinigungsdienst. "Sonst würde es hier ganz anders aussehen", erklärt der Hausmeister. Funktional auch die Räume. Stahlbetten sind in der Wand verankert. "Das sieht ja aus wie im Gefängnis", entfährt es Ursula Barrois. Eine Wohneinheit hat 25 Quadratmeter, dort sind bis zu zwei Bewohner untergebracht. "Für die Leute ist das vielleicht nicht ideal, für uns aber", sagt die Ingolstädter Sozialarbeiterin. Evi Fink, zuständig für Obdachlose im Weidener Sozialdezernat, stimmt zu: "Das ist jetzt nicht Schöner Wohnen, aber zweckmäßig."

In der Notunterkunft in Ingolstadt mit insgesamt drei Gebäudekomplexen leben gerade 82 Menschen, davon 17 Frauen. Insgesamt hat die Stadt 222 Obdachlose, viele von ihnen sind jedoch wie in Weiden in Notwohnungen untergebracht.

Massiv gegen Vandalismus

Den zweigeschossigen Betonbau hat die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt (GWG) gebaut, und hat dort viele Erfahrungen verarbeitet, vor allem die schlechten. "Das ist alles Massivbauweise, keine Gipskartonwände, die eingetreten werden können", erläutert Alexander Bendzko von der GWG. Auch eine Fußbodenheizung sei billiger als demolierte Heizkörper zu erneuern.

Jede Wohnung im Obergeschoss sei über eine gesonderte Treppe zu erreichen. Mittelflure gebe es nicht, zuviel Konfliktpotential. Die Küchen sind aus Edelstahl, keine Feuergefahr. "Die Räume können Sie mit einem Dampfstrahler reinigen", sagt Bendzko. Er ist gegen Gemeinschaftsbäder- und küchen, wie sie gerade auch in der Schustermooslohe existieren. "Das würde ich nie machen. Zuviel Konfliktpotential."

Die massive Bauweise hat ihren Preis: Bei einer Nutzfläche von 540 Quadratmetern kostete der Bau für maximal 32 Bewohner 1,78 Millionen Euro. Das sind 3300 Euro pro Quadratmeter. "Besser einmal viel Geld in die Hand nehmen und dann richtig bauen", sagt Bendzko. Die Besucher aus Weiden nicken zustimmend. Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier interessiert, ob hier auch Familien mit Kindern wohnen. Doch Bendzko winkt ab: Das Kindswohl könne man nicht garantieren. "Das war politisch von Anfang an nicht gewollt."

Fünftes Rad am Wagen

Eine Praxis, die dem Weidener Sozialdezernat gut gefällt: Ingolstadts Obdachlose müssen alle 6 Monate vorweisen, dass sie sich um Wohnungen bewerben. Sonst wird ihr Einquartierungsbescheid nicht verlängert.

Eine Bewohnerin lugt aus ihrem Zimmer. Sie kocht Milchreis. Wie sie es hier findet? "Schlecht", sagt sie. Doch immerhin könne sie die 25 Quadratmeter große Wohnung jetzt alleine bewohnen. "Zu zweit ist es zu eng." Seit 4 Monaten ist die 60-Jährige obdachlos. Sie will in Ingolstadt bleiben, weil ihre drei erwachsenen Kinder dort wohnten. Doch Platz hätten sie nicht. "Ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen."

Familien zwangsgeräumt

Auch Pfaffenhofenist eine Aufsteigerregion. Die Arbeitslosigkeit liegt bei unter 2 Prozent. "Die Steuereinnahmen sind phänomenal", erklärt Thomas Herker, SPD-Bürgermeister, der persönlich den Besuch aus Weiden empfängt. "Doch es ist Druck auf den Standort. Wohnen und Eigentum sind das zentrale Problem." 80 bis 90 Bewerber gebe es pro Wohnung. Gerade betreue die Stadt etwa 20 zwangsgeräumte Familien. 30 Millionen investiere sie in den nächsten Jahren in sozialen Wohnungsbau. 26 000 Einwohner hat die Kreisstadt, davon etwa 70 obdachlose Menschen, Familien eingerechnet.

Auch Pfaffenhofen hat 2017 sein Obdachlosenheim erweitert. Zwei Gebäude mit je sieben Wohnungen. Die Überraschung: Eines der beiden Häuser ist für Familien. Probleme gebe es hier keine, beteuert die Sozialarbeiterin. Den anderen Bewohnern sei verboten, in die Nähe des Familienhauses zu kommen. Eine räumliche Trennung gibt es jedoch nicht. "Kinder sollen hier nicht lange bleiben", sagt sie. Zwei Familien wohnten jedoch schon knapp ein Jahr hier.

13 Uhr: "Schlafen noch"

Das Heim in Pfaffenhofen ist von der Straße nicht zu sehen, daneben liegt eine Autovermietung. Auch hier sieht es ordentlich, aber irgendwie verlassen aus. Das liegt daran, dass das Heim nicht ausgelastet ist. "Und die meisten schlafen noch", sagt die Sozialarbeiterin. Es ist kurz nach 13 Uhr. 32 Leute wohnen hier, darunter 4 Kinder. Doch das Heim ist weniger auf Vandalismus ausgelegt, vorgefertigter Holzrahmenbau, die Möbel sind nicht fest verankert.

Dafür war der Bau viel billiger, mit einer Nutzfläche von 620 Quadratmetern für maximal 28 Personen und 7 Familien kostete er 1,23 Millionen Euro. Das sind 1900 Euro pro Quadratmeter. Innerhalb von einem Dreivierteljahr standen die Häuser. Die Neuzugänge kommen in den ältesten Bau, bewähren sie sich, kommen sie ins neuere Haus. "Das bietet Anreize", stimmt Fink zu. "Ich bin echt erleichtert. Ich habe gedacht, wir fallen auf der Reise aus allen Wolken. Aber die Praxis ist so, wie wir das für Weiden schon geplant haben."

Obdachlose in Weiden:

53 Betten bietet die Notunterkunft in Weiden. Zwischen 20 und 35 Männer wohnen dort durchschnittlich laut Statistik des Sozialdezernats. Im Jahr 2018 waren es insgesamt 81. Der Durchlauf in der Schustermooslohe ist hoch: 73 Prozent der Bewohner bleiben zwischen 1 Tag und 6 Monaten. Besorgniserregend ist die Alterstruktur der 81 Leute: 32 Prozent waren zwischen 18 und 29 Jahre, mehr als 48 Prozent unter 40 Jahren. Für Frauen und Familien hält die Stadt sechs Wohnungen mit insgesamt 11 Betten bereit.

Flexibel bauen:

Wie attraktiv gestalte ich eine Obdachlosenunterkunft und wie viel Platz brauche ich? Diese Fragen treiben vor allem Baudezernent Oliver Seidel um. Ingolstadts Architekt Alexander Bendzko gibt interessante Perspektiven: Über die Einrichtung könne man an der Stellschraube attraktiv/weniger attraktiv drehen. In Ingolstadt wohnen bis zu zwei Leute in einer 25 Quadratmeter großen Wohneinheit. Doch theoretisch sei die Unterkunft auch als Einzelzimmer im Studentenwohnheim geeignet. Je nach Bedürfnislage ließe sich die Architektur also anpassen.

Kommentar:

Konzept im Bauwerk

Mit dem Bau einer neuen Notunterkunft trifft Weiden wichtige Entscheidungen. Integriere ich Familien, wieviel Leute kommen in ein Zimmer, wieviel Personal ist vor Ort? Die Reise hat gezeigt: Die Architektur sagt viel über das Obdachlosenkonzept einer Stadt aus. Während Ingolstadt klare Vorgaben und Funktionalität priorisiert, wählt Pfaffenhofen ein integratives und weniger regelndes Konzept. Es ist jedoch auch klar: Sozialer Wohnungsbau ist essenziell. Falls es deshalb keine Obdachlosen mehr gibt, sichert eine flexible Bauweise auch andere Nutzungen ab. Zum Beispiel für alleinerziehende Frauen, die im Rentenalter verarmen. Bei den Baukosten zumindest schluckten die Weidener auf der Reise nicht. 1,5 bis 1,7 Millionen. Das ist die Hälfte bzw. ein Drittel von dem, was die Stadt für Tiere ausgeben will.

Beate-Josefine Luber

Ingolstadts Heim wurde komplett gefördert vom Bezirk. Baudezernent Oliver Seidel will beim Bezirk Oberpfalz anfragen und hat schon ein gutes Argument, sagt er: „Wenn die das bekommen, dann wollen wir auch.“
In Pfaffenhofens Heim kommen auch Familien unter. Die Zimmer sind eingerichtet mit alten Bundeswehrmöbeln. Einzelbewohner zahlen dort 100 Euro, bewohnen sie ein Zimmer alleine jedoch 200 Euro. Die Obdachlosen in Ingolstadt zahlen pro Schlafplatz 151,30 im Monat.
Der Bau in Pfaffenhofen (im Bild das Familienhaus) ist weniger massiv und billiger. Zwei Bewohner pro Zimmer gibt es, wenn möglich – außer etwa bei einer Frau mit Messi-Syndrom, die ihre Wohnung in Brand steckte.
Besuch einer Weidener Delegation in den Obdachlosenunterkünften in Ingolstadt für ein Konzept zur Erneuerung der Notunterkunft in der Schustermooslohe. MIt dabei sind: Baudezernent Oliver Seidel mit Mitarbeiterin Jutta Häusler, Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier mit Mitarbeiterin Evi Fink, Stadträte Josef Gebhardt und Veit Wagner, Ursula Barrois von der Initiative,
Zu Besuch in Ingolstadt,
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Zu Besuch in Pfaffenhofen.
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