26.11.2021 - 14:04 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Das Sündikat - "Die Kulturverbesserer in Weiden"

Pop-up-Clubs, Partys und außergewöhnliche Konzerte. Das Sündikat bringt Vielfalt ins eher triste Weidener Kulturleben. Mit viel Liebe und Kreativität zaubert der Verein aus einem alten leeren Gebäude eine Konzert-Location mit Charme.

Christian Gold (links) und Lukas Höllerer (Sechster von links) sind Teil der Clique, die in Weiden auf verschiedenste Art Kultur auf die Beine stellt.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Wer denkt, Schlagerpartys, Bingo-Abende oder eine Schlägerei in der Dorfdisko sind das Einzige, was eine Oberpfälzer Stadt wie Weiden zu bieten hat, der täuscht sich. Und zwar gewaltig. Es gibt Monate, da kann die Stadt mit rund 42. 000 Einwohnern auch einer hippen Großstadt Konkurrenz machen. Und das auch dank der 20 Mitglieder des Sündikats. Denn der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Partys und außergewöhnlichen Veranstaltungen Weidens Kulturszene etwas aufzumischen.

Ein Ort für alternative Kultur

„Den Verein gibt es seit 2014. Solange walten wir schon unseres Amtes als Kulturverbesserer und Kulturerweiterer in Weiden“, sagt Christian Gold, Gründungsmitglied beim Sündikat. Denn Weiden brauche einen Ort für alternative Kultur. "Einen Ort, der die Geschmäcker und Generationen eint, der Menschen zusammenbringt", so lautet der Plan. In diesem Jahr war dieser besondere Ort das alte Ring-Theater. Weidens einst größter Kinosaal wurde vorübergehend zum Konzertsaal. Zum sechsten Mal veranstaltete die "kreative Clique" ihren legendären Pop-up-Club.

Die Idee für ihre außergewöhnlichen Clubs war eigentlich "eher so mittelmäßig aus der Not geboren", erinnert sich Lukas Höllerer. Er ist ebenfalls schon von Beginn an dabei und gilt als Chef-Organisator der Gruppe. Eigentlich wollte der Verein damals nur ein Konzert mit der Band Trio Elf veranstalten. Das Jazz-Trio rund um den Weidener Gerwin Eisenhauer sollte in der örtlichen Max-Reger-Halle spielen. Als die Jungs vom Sündikat damals das Angebot für den großen Saal erhielten, fielen sie aus allen Wolken. Nicht mal die Bühnenteile hätten sie selbst aufbauen dürfen. Das sei ihnen dann "zu teuer und zu nervig" gewesen, sagt Höllerer. Deshalb fragten sie kurzerhand bei einer leerstehenden Metzgerei mitten in der Stadt an, ob sie dort das Konzert veranstalten dürfen. „Zack Bumm ging es los mit der Sünde“, sagt Höllerer und lacht. Seitdem wurde "In leerstehenden Örtlichkeiten Kultur auf die Beine stellen" zum Markenzeichen des Sündikats. Für seine außergewöhnlichen Locations erhielt der Verein den Deutschen Spielstättenpreis sowie den Bayerischen Popkulturpreis für das innovativste Konzept.

Auf das alte Ring-Theater in Weiden hatte das Sündikat schon lange ein Auge geworfen. 2017 lief dort der letzte Film über die Leinwand. Seitdem stand das Gebäude in der Schillerstraße leer. Mit viel Liebe zum Detail hauchte der Verein dem alten Gemäuer im November wieder Leben ein. Aus der alten Popcorn-Theke wurde eine Bar. Aus dem ehemaligen Büro im Erdgeschoss der Backstage-Raum für die Künstler und der Kinosaal wurde zur Tanzfläche. An den Wochenenden feierten rund 200 Menschen ausgelassen. Bis Corona die Party stoppte. Wegen der neuen Regeln liegt die Sünde erstmal auf Eis.

Fünf Wochen lang arbeiteten die Mitglieder neben ihren eigentlichen Berufen an der Umsetzung ihrer Konzertserie im Winter 2021 - der "Winter-Sünde". "Die Sünde ist der Pop-up-Club und das Sündikat ist der eingetragene Verein", erklärt Höllerer. Damit aus dem ehemaligen Kino aber ein Pop-up-Club wird, musste einiges getan werden. "Zunächst braucht man natürlich das Einverständnis des Besitzers", sagt Gold. Danach müsse der Ort an ihre Bedürfnisse angepasst werden. Die Kinositze seien schon vorher weg gewesen. Aber eine Bühne fehlte. "Also mussten wir etwas Neues schaffen", sagt Gold. Während der Umsetzungen stieß das Team immer wieder auf kleine Hürden und Probleme, die gelöst werden mussten. Über die Jahre ändern sich beispielsweise die Sicherheitsvorschriften für Veranstaltungsräume. "Wir mussten einen neuen Notausgang bauen. Jetzt steht außen eine Treppe, die extra angefertigt und hergeschafft wurde", sagt Gold. Außerdem wurde im Treppenhaus eine zusätzliche Wand eingezogen.

"Es ist ein Zusammentreffen von Freunden"

Jedes Mitglied habe sein Spezialgebiet. "Der eine kümmert sich um das Licht. Der andere um den Ton. Und dann gibt es Leute, die sich um die Innenausstattung kümmern", sagt Gold. So könne sich jeder am besten einbringen und das tun, was ihm Spaß mache. Gestartet habe die Gruppe als noch alle in Ausbildung oder mit ihrem Studium beschäftigt waren. Damals sei laut Höllerer genau definiert gewesen, wer Mitglied ist. Das habe sich aber ein bisschen gewandelt, da alle "so richtig das Arbeiten angefangen haben oder schon Family am Start haben". Sie seien jetzt eine bunte Truppe an jungen Erwachsenen, die mal Mitglied im Verein sind und mal nicht. "Wir sind da nicht so firm mit dem Vereinsbusiness, wo andere krass Wert darauf legen. Bei uns ist das nur der offizielle Mantel“, sagt Höllerer lachend. "Es ist ein Zusammentreffen von Freunden", ergänzt Gold. Alle Mitglieder der Clique kommen aus Weiden oder dem Umland. Sie kennen sich zum Teil aus der Schule oder seit wilden Partynächten in der Jugend. "Das ist alles ehrenamtlich hier. Es macht keiner beruflich. Wie andere Leute bei anderen Vereinen abhängen, machen wir halt Konzerte", sagt Gold.

Und so kommt es, dass das Electro-Pop-Duo Ätna im ZDF Neo Magazin Royal bei Jan Böhmermann spielt und einen Tag später in Weiden über die Bühne fegt. Von Electro, Pop, Jazz bis hin zu einem Weihnachtskonzert mit Streichern ist bei der Sünde alles dabei. Der Verein geht für sein Kulturprogramm auf bekannte Künstler, aber auch auf Newcomer zu. Natürlich spiele dabei laut Gold auch der persönliche Geschmack eine Rolle. Aber das Ziel sei immer: So divers wie möglich.

Christian Gold und Lukas Höllerer plaudern aus dem Nähkästchen

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Lukas Höllerer (links) und Christian Gold (rechts) treffen die letzten Vorbereitungen. Am Abend sollen rund 200 Menschen im alten Ring-Kino ausgelassen tanzen.
Hintergrund:

Die Stadt Weiden

  • Weiden in der Oberpfalz ist eine kreisfreie Stadt.
  • Die Stadt ist Oberzentrum der nördlichen Oberpfalz und Mitglied der Metropolregion Nürnberg.
  • Sie ist mit 42.520 Einwohnern (Stand 2019) nach Regensburg die größte Stadt der Oberpfalz.
  • Der Name der Stadt leitet sich entweder von dem Vorkommen des Weidenbaumes oder von einem „Ort zum Weiden, Futter suchen“ ab und bedeutet „Platz bei den Weiden oder Platz zum Weiden“
  • Im Jahr 1241 wurde der Ortsname „bei den Weiden“ das erste Mal schriftlich erwähnt.
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Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? - Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt. Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und auch vielleicht nicht so berühmten Orten. Den Auftakt macht die Biodiversitätsgemeinde Tännesberg. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

 

 

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