19.05.2020 - 20:24 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Tiefe Trauer um Zeitzeugin Henny Brenner aus Weiden

Henny Brenner erlebte und überlebte als Jugendliche die Zeit der NS-Diktatur in Dresden. Nun ist die Jüdin, die nach dem Krieg in Weiden lebte, im Alter von 95 Jahren verstorben. Die Erinnerung an sie bleibt lebendig.

Vor 19 Jahren, im April 2001, liest die Weidenerin Henny Brenner aus ihrem gerade erschienen Buch „Das Lied ist aus“. Zuletzt feierte sie im Herbst das 130-jährige Bestehen der Synagoge in Weiden mit.
von Redaktion ONETZProfil

Von Dr. Jörg Skriebeleit

Es ist ein keckes Bild. Es zeigt eine junge Dame im Innenhof des Dresdner Zwingers, Frühjahr 1941. Scheinbar unbeschwert blickt die 16-jährige Henny Wolf, geboren in Dresden, in "ihrem" Dresden, in die Kamera. Doch der Eindruck trügt. Nichts mehr ist unbeschwert im Leben des Teenagers. Eine Schule darf die Tochter einer jüdischen Mutter und eines evangelischen Vaters schon längst nicht mehr besuchen. Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen mehr hat man sie im nationalsozialistischen Deutschland seit 1933 ihrer jugendlichen Unbeschwertheit beraubt, ihrer Stadt beraubt, ihrer Würde beraubt.

Noch nicht 15 Jahre alt muss Henny ab März 1939 eine "Judenkennkarte" mit aufgestempeltem "J" bei sich führen. Nur wenige Monate nach der Aufnahme des Fotos, im Juli 1941, wird sie zur Zwangsarbeit im "Goehle-Werk" der Firma Zeiss-Ikon verpflichtet. Im Akkord und unter stetigen Gängelungen muss die Jugendliche Zeitzünder und Uhrwerke für U-Boote fertigen.

Abermals nur wenige Monate später, ab dem 19. September 1941, ist sie verpflichtet, den entwürdigenden Judenstern zu tragen. Der tägliche Weg der 16-Jährigen zur Zwangsarbeit durch "ihr" Dresden wird zum Spießrutenlauf. Freundinnen grüßen sie nicht mehr, Nachbarn wenden sich ab, Passanten wechseln die Straßenseite. Eine Jugend im nationalsozialistischen Deutschland, eine zerstörte Jugend. Doch das Schlimmste kommt noch.

Im Frühjahr 1941 sitzt die damals 16-jährige Henny Wolf scheinbar unbeschwert im Innenhof des Dresdner Zwingers.

Behütete Kindheit

Hennys Vater Max Wolf stammt aus protestantisch-großbürgerlichen Verhältnissen, ihre Mutter Rebekka aus einer traditionell-jüdischen, aber nicht frommen Familie. Eine bürgerliche Ehe, wie es sie zu Zehntausenden im Deutschen Reich der Kaiserzeit und der Weimarer Republik gibt. Am 25. November 1924 kommt Henny Wolf auf die Welt, als Steißgeburt, wie sie immer wieder kokettierend betonte. Ihre Kindheit ist so glücklich, wie Kindheiten sein können und müssen: behütet, umsorgt, neugierig und aufregend, nicht nur wegen des mondänen Kinos, des "Palast-Theaters", das der Vater in der Alaunstraße in der Dresdner Neustadt besitzt.

Dass sie jüdisch ist, wird ihr nur bewusst, wenn sie in den jüdischen statt in den protestantischen Religionsunterricht geht und mit ihrer Mutter an den hohen Feiertagen die Synagoge besucht. Friedrich Semper hat sie erbaut, so wie die berühmte Oper. Nur wenige Jahre später wird das Gotteshaus von nationalsozialistischen Schlägertrupps in Brand gesteckt.

Henny ist acht Jahre alt, als die Nationalsozialisten die Macht im Deutschen Reich übernehmen und die Entrechtung und systematische Drangsalierung der deutschen Juden, oder vielmehr jüdischen Deutschen zum politischen und gesellschaftlichen Programm machen. Die Wolfs sind Deutsche und Dresdner. Max Wolf wird von der NS-Bürokratie mehrfach bedrängt seine Frau Rebekka und seine Tochter Henny zu verlassen. Er dürfe sein Filmtheater behalten, wenn er sich scheiden lasse. Doch er denkt gar nicht dran, bleibt selbstverständlich bei seiner über alles geliebten Familie und rettet sie so vor der sicheren Deportation.

Bis Februar 1945 müssen Mutter und Tochter Wolf in Dresden in verschiedenen Betrieben Zwangsarbeit verrichten, doch am 13. Februar ereilt auch sie der Deportationsbefehl. Am 16. Februar hätten sich alle noch in Dresden verbliebenen Juden aus "Mischehen" zum "auswärtigen Arbeitseinsatz" mit leichtem Gepäck zu melden.

Durch Bombenangriff gerettet

In der gleichen Nacht fliegen britische Bomberverbände einen der schwersten Luftangriffe auf Dresden, eine Nacht später einen zweiten. Für die Familie Wolf ist der Dresdner Feuersturm die Rettung, sie bleibt körperlich unversehrt und taucht unter. Das Kriegsende am 8. Mai erlebt Henny Wolf in einem Versteck. Sie erlebt es als Befreiung und feierte es seitdem jährlich als ihren zweiten Geburtstag. So auch noch vor wenigen Tagen anlässlich des 75. Jahrestages des Endes der nationalsozialistischen Herrschaft.

Trotz des glücklichen Überlebens ist die Nachkriegszeit für die Wolfs im sowjetisch verwalteten Dresden keine glückliche Zeit. Die Repressalien kommen nun von anderer Seite, die bürgerliche Familie erhält weder ihr Eigentum zurück noch sieht sie für sich eine Zukunft im sozialistischen Teil Deutschlands. Über West-Berlin gelangt die nun fast 30-jährige Henny 1953 in die bayerische Provinz, nach Weiden.

Ein fescher junger Herr namens Herrmann Brenner, selbst Überlebender der Konzentrationslager, erobert das Herz der Dresdnerin. Weiden soll eigentlich nur eine Durchgangsstation sein, doch die Stadt wird dem jungen Paar schnell zur zweiten Heimat. 1954 wird der erste Sohn Leonhard geboren, zehn Jahre später der zweite Sohn Michael. Die Familie Brenner ist fester Bestandteil der Weidener Stadtgesellschaft.

Henny Brenner sitzt im Innenhof des Dresdner Zwingers.

Liebe zur SpVgg Weiden

Herrmann Brenner baut nicht nur sein Geschäft, sondern auch die kleine jüdische Gemeinde auf und repräsentiert diese im Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden. Zu den festen Pflichten und vor allem Freuden zählt auch der regelmäßige Besuch am Weidner "Wasserwerk", um mit der SpVgg zu fiebern. Henny's Rolle ist in dieser Zeit nicht die öffentliche. Sie hält ihrem Mann den Rücken frei, kümmert sich um die Familie und die Feste, die in der kleinen jüdischen Gemeinde legendär sind.

Sie bringt ihren Kindern Bildung, Offenheit, Selbstvertrauen und den Optimismus bei, der ihr selbst zu eigen ist. Sie ist es, die sich nach der schweren Erkrankung ihres Mannes aufopferungsvoll um ihn kümmert und ihn zu Hause pflegt. Henny ist ein Familien- und Gesellschaftsmensch, sie erfreut sich am beruflichen Erfolg ihrer Söhne, sie erfüllt die vier Enkel mit ihrer eigenen Herzenswärme ebenso ihre zahllosen Gäste und Freunde. Als begnadete Köchin beglückt sie alle mit jüdisch-oberpfälzischen Spezialitäten, mit Gefilten Fisch und Krautwinkeln, mit Tschulent und Gänsebraten.

Diese Stationen ihres Lebens sind mir vor allem aus der Literatur und aus unzähligen Erzählungen vertraut. Ich selbst hatte das große Glück Henny Brenner vor vielen Jahren kennenlernen zu dürfen und sie seitdem zu erleben: als offene und warmherzige Frau, als kluge und reflektierte Erzählerin, als energische Diskutantin, als ebenso interessierte wie ironische Zuhörerin. "Man darf über alles reden, nur nicht über eine Stunde" so ihr trockener Kommentar anlässlich einer doch sehr ausufernden Festrede.

Ich durfte auch miterleben, wie Henny Brenner von Weiden aus "ihr" Dresden nach 1989 wiederentdeckt und dort mit offenen Armen aufgenommen wird. Nun ist sie die öffentliche Person. Sie spricht vor Schulklassen und Stadträten, sie diskutiert mit Jugendlichen und Politikern. Stets frei und unverblümt, stets aufrecht und zugewandt. Im hohen Lebensalter schreibt sie das Buch ihres Lebens. "Das Lied ist aus", so der Titel, benannt nach einem Film der einst im Lichtspieltheater ihres Vaters lief.

Interview mit Henny Brenner

Weiden in der Oberpfalz
Henny Brenner und ihre Söhne Leonhard Brenner (links) und Prof. Dr. Michael Brenner bei der Einweihung Hermann-Brenner-Platz und Campus-Allee an der Hochschule in Weiden.

Buch ins Englische übersetzt

Das Buch wird auch ins Englische und Niederländische übersetzt. Henny Brenner, geborene Wolf, wird nach 1989 zu einem wesentlichen Bestandteil der städtischen Kultur Dresdens. Für dieses Engagement erhält sie zahlreiche Ehrungen. Im Jahr 2014 zeichnet der Freistaat Sachsen Henny Brenner mit dem Sächsischen Verdienstorden aus. Dieser Preis hat ihr, die stets eine bescheidene Person war, sehr viel bedeutet.

Noch im letzten Herbst ließ es sich Henny Brenner nicht nehmen, das 130-jährige Jubiläum der Weidner Synagoge zusammen mit vielen Gästen zu feiern. Vor wenigen Tagen, am 16. Mai, ist Henny Brenner im gesegneten Alter von 95 Jahren friedlich entschlafen. "Das Lied ist aus", doch Henny Brenner bleibt in und mit uns. Als kesser Teenager im Dresdner Zwinger, als liebevolle Mutter und Großmutter, der ihre Familie alles bedeutete. Als lebensfrohe und optimistische Frau, als elegante Bürgerin und entschiedene Mahnerin, als optimistische Streiterin für das Einzige was zählt: für Herzenswärme und Menschlichkeit.

Information:

Der Autor Dr. Jörg Skriebeleit ist Kulturwissenschaftler und Historiker. Er leitet die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN).

Henny Brenner (rechts) im Gespräch mit Charlotte Knobloch bei der Einweihung Hermann-Brenner-Platz und der Campus-Allee an der Hochschule in Weiden.

 

 

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