02.12.2020 - 01:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Überlebensweg - zwischen Flucht, Hoffnung und großem Willen

Krieg, Angst, eine Flucht über das Mittelmeer, bei der Nizamidin Haydari, kurz Karim genannt, fast sein Leben verliert. Als er mit 16 nach Deutschland geschleust wird, gelingt ihm Unglaubliches. Denn: „Ich wollte leben“, sagt er heute.

Karim lächelt. Er ist angekommen in seiner neuen Heimat Schirmitz. Hinter ihm liegen fünf Jahre voll Integration, Lernen und einem enorm großen Durchhaltevermögen.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Karim sitzt an einem großen Holzschreibtisch in seiner Schirmitzer Wohnung, in der er seit zwei Jahren mit seiner Freundin lebt. Vor ihm steht ein Notebook, auf das bunte To-Do-Listen geklebt sind. Es duftet nach grünem Tee in dem wohlig warmen Zimmer. Der 21-Jährige blickt aus dem Fenster in den von Nebel bedeckten Garten. Es ist ruhig an diesem kalten Wintermorgen. „Zeit für eine Pause. Genug gelernt für den Moment.“

Er klappt das silberne Laptop zu und gießt sich eine Tasse dampfenden Tee ein. „So habe ich mir das Studium nicht vorgestellt. Digital von Zuhause. Ich hoffe, dass sich die Corona-Situation bald bessert und ich an die Uni kann.“ Karim studiert im ersten Semester Politikwissenschaften, Geschichte und Medienwissenschaften.

„Eigentlich wollte ich mir nach fünf Jahren Pauken ein Jahr Auszeit nehmen. Eine Sprachreise machen, die Welt entdecken. Corona hat das verhindert. Deshalb ging es nach dem Abitur direkt weiter“, erzählt er und lächelt, während er einen Aktenordner in das weiße Regal neben dem Schreibtisch stellt. Sein Blick fällt auf die zusammengerollte Sportmatte auf dem Boden. „Ich habe mein Zimmer wegen Corona auch zu einem Fitnessstudio umgewandelt. Man muss sich nur zu helfen wissen.“

"Ich habe bei Null angefangen"

Karim ist angekommen. In Deutschland, der Oberpfalz, „meinem sozialen Umfeld“. Dass sein Leben bis vor fünf Jahren von Gewalt, dem Krieg in Afghanistan und hemmungslosen Schleusern bestimmt war, ist dem sportlichen jungen Mann nicht anzusehen. Auch nicht, wie viel Zeit, Kraft und Durchhaltevermögen er in sein neues Leben investiert hat.

Als ihn Polizisten an der Grenze zu Tschechien Mitte Mai 2015 aufgreifen, kann der damals 16-Jährige kein Wort Deutsch. Auch Lesen und Schreiben hat er in seiner Heimat Afghanistan nie gelernt. „Ich habe bei Null angefangen.“ Karim lernt die Schrift, drei Sprachen. „Deutsch habe ich mir größtenteils selbst beigebracht.“

Er schafft die Mittlere Reife mit 1,2, wechselt an das Augustinus-Gymnasium in Weiden und besteht 2020 das Abitur. „Mir war von Anfang an klar, dass ich mich so schnell wie möglich integrieren muss. Als ich in der Bundesrepublik angekommen bin, war ich fest entschlossen, mich nur mit Deutschen zu umgeben, um die Sprache und die Kultur zu lernen. Ich wusste: Wenn ich die Menschen nicht verstehe, bin ich verloren. Nach zwei Wochen konnte ich die ersten Sätze sprechen und hatte schon ein paar Freunde.“

Auch „große Unterstützung“ habe ihm in seiner ersten Zeit in Weiden geholfen. „Der AK Asyl hat mich aufgenommen und bei Behördengängen begleitet. Auch dem Direktor des Augustinus-Gymnasiums bin ich dankbar. Er hat mir die Möglichkeit gegeben, mein Abitur zu machen. Viele Menschen haben an mich geglaubt.“

Es ist sein Optimismus und sein „ungebrochener Wille“, die ihn am Leben gehalten haben, ist sich der Schirmitzer sicher. Denn bis zu seiner Ankunft in Deutschland gleichen seine Kindheit und Jugend einem „ununterbrochenen Kampf“. „Wirklich Kind war ich nie. Ich musste schnell erwachsen werden“, erzählt Karim.

Sein Lächeln verschwindet, als er sich an die Zeit bis zu seinem 9. Lebensjahr erinnert. „Ich lebte mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Afghanistan. Mein Vater starb, als ich fünf war.“ Eine Schule besuchte er nie. „In unserem Dorf gab es zwar eine, aber es war gefährlich, dort hinzugehen. Wir lebten mitten unter den Taliban, unseren Feinden. Wir konnten niemandem vertrauen. Wenn wir das Haus verlassen haben, haben wir uns so verabschiedet, als wäre es das letzte Mal. Wir wussten nicht, ob wir lebend zurückkommen.“

Schon früh muss er arbeiten, Geld verdienen. „Während Kinder hier auf Spielplätzen spielen, haben wir mit Waffen gespielt. Wir haben zugesehen, wie Bomben gebaut werden. Das war für uns normal. Tatsächlich waren wir manchmal auch glücklich. Wir waren ja trotzdem Kinder.“ Doch der „allgegenwärtige Tod“ hinterlässt Spuren – und festigt den Wunsch nach einem besseren Leben.

Als Karim „7 oder 8 Jahre“ alt ist, schickt ihn seine Mutter auf eine Koranschule in den Iran. Es ist das letzte Mal für viele Jahre, dass er seine Mutter sieht. Lange bleibt er nicht im Iran. Sein älterer Bruder, der es in der Zwischenzeit in die Türkei geschafft hat, holt ihn nach Istanbul, als Karim 9 Jahre alt ist.

„Dort lebten wir in einem Viertel mit anderen Afghanen. Mein Bruder und ich haben in einer Fabrik gearbeitet. Aber auch das war kein gutes Leben. Keine Bildung, keine Krankenversicherung. Nur schwere Arbeit ohne Perspektive.“ Auch Karims Bruder wünscht sich ein besseres Leben für ihn. Er soll nach Deutschland. Das Land, in dem es Hoffnung gibt, sind sich die Geschwister sicher.

"Es war ihnen egal, ob wir sterben"

Doch ihnen ist auch klar, dass der einzige Weg in die Bundesrepublik über Schleuser führt. "Ein schlimmer Weg", den Karim drei Mal durchleben muss. Kurz stockt der 21-Jährige, nimmt dann einen Stapel Bilder aus dem Schrank. Auch Jahre später fällt es ihm nicht leicht, sie anzusehen. Es sind „schmerzhafte Dokumentationen“ seines zweiten Fluchtversuchs.

Mit 82 Menschen wollen ihn Schleuser von der Türkei aus über das Mittelmeer nach Europa bringen. „Das Boot war für 15 Personen ausgelegt. Wir waren zu viele. Aber den Männern war es egal, ob wir sterben. Ihnen ging es nur um Geld.“ Drei Tage sind sie auf dem Wasser. „Kinder, viele Jugendliche, verängstigte Frauen“, erinnert sich Karim. Er blickt auf ein Foto, das ihn und einen kleinen Jungen zeigt, im Hintergrund das Meer. „Er war so tapfer. Für ihn muss es noch schlimmer gewesen sein.“ Am dritten Tag läuft das Boot mit Wasser voll. Panik bricht aus. „Ich dachte, wir sterben.“ Doch kurz, bevor das Boot unterzugehen drohte, „ist ein Passagierschiff auf uns aufmerksam geworden“. „Ich werde dem Kapitän ewig dankbar sein. Er hat uns gerettet“. Karim blättert die Bilder, die er angespannt in seinen Händen hält, weiter. „Hier sieht man das Schiff. Es hat uns zurück in die Türkei gebracht. Ich lasse dieses Bild gerade malen und hänge es dann in mein Zimmer. Es soll mich daran erinnern, niemals aufzugeben.“

2015 gelingt ihm die Flucht. Einen Monat ist der damals 16-Jährige unterwegs. Eingepfercht in LKWs, verängstigt und voll Sorge, ob es diesmal funktionieren würde. Es funktioniert. In Waidhaus werden Karim und einige andere Jugendliche von der Grenzpolizei aufgegriffen und dem Jugendamt übergeben. Der Beginn seines neuen Lebens, wie er heute sagt. Karim ist fest entschlossen, sich so schnell wie möglich anzupassen. Er erhält den Status „geduldet“, geht zur Schule, lernt das erste Mal in seinem Leben, was es bedeutet, „anderen Menschen zu vertrauen“.

„In Afghanistan konnten wir niemanden vertrauen. Überall waren Feinde. Hier war das plötzlich anders.“ Der Jugendliche bringt sich in die Gesellschaft ein, wird Mitglied einer Fußballmannschaft, schließt Freundschaften und findet seine große Liebe.

"Der Abschiebebescheid war ein Albtraum"

Doch auch sein scheinbar glückliches Leben in Weiden birgt Schattenseiten. „Ich habe alles getan, um ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu werden. Ich habe viel gelernt, hatte gute Noten, habe nebenbei gearbeitet, um mein Leben zu finanzieren.“

2017 durchlebt Karim einen „Albtraum“. „Ich habe einen Abschiebebescheid erhalten. Ich konnte es nicht glauben. Meine Welt drohte zu zerbrechen.“ Doch Karims Freunde und Unterstützer geben ihn nicht auf, organisieren Demos, helfen ihm, Widerspruch einzulegen – mit Erfolg. Der junge Mann kann bleiben, erarbeitet sich durch seine Leistungen in der Schule und sein gesellschaftliches Engagement die Anerkennung in Deutschland. Vergessen kann er all die „schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit, das Leid und die Angst“ nicht.

„Es gibt auch heute noch Zeiten, in denen ich viel nachdenke und mich frage, was ich falsch gemacht habe, dass Gott mich so bestraft. Das macht mich einige Tage traurig. Aber irgendwann geht es auch wieder. Ablenkung hilft.“ Schwer zu kämpfen hat er auch damit, seine Familie nicht bei sich zu haben. Die Mutter in Afghanistan, zwei Geschwister in der Türkei, der jüngste Bruder mit 14 Jahren alleine in Griechenland. „Vor allem für unsere Mutter ist das schwer. Wir sind überall verteilt. Jahrelang haben wir uns nicht gesehen, hatten nur telefonischen Kontakt.“

Das Bild entstand kurz nachdem ein Passagierschiff Karim und rund 80 weitere Menschen aus einem kleinen, sinkenden Boot auf dem Mittelmeer gerettet hat. Es brachte die Flüchtlinge zurück in die Türkei.

Wiedersehen nach Jahren

Karim zeigt auf eines der Bilder an der Wand. Auf ihm strahlen er, sein Bruder und ein Freund in die Kamera. „Aufnahmen von einem glücklichen Tag. 2019 durfte ich endlich reisen. Ich habe meine Familie in der Türkei besucht. Auch meine Mutter war da. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.“

2020 wollte der 21-Jährige die Reise erneut auf sich nehmen. „Doch das hat wegen Corona nicht funktioniert.“ Um auch seinem kleinen Bruder ein besseres Leben zu ermöglichen, steht Karim in engem Kontakt zur Ausländerbehörde, informiert sich über Einreisemöglichkeiten, Perspektiven.

„Mein Bruder ist sehr talentiert und will Profi-Fußballer werden. Ich glaube an ihn. So, wie meine Familie immer an mich geglaubt hat.“ All das, was er in den vergangenen Jahren in Deutschland erreicht hat, habe er nicht nur für sich, sondern auch für seine Mutter und seine Geschwister geschafft. „Sie setzen alle Hoffnung auf mich. Ich will sie nicht enttäuschen.“

Rassismus allgegenwärtig

Er gibt auch nicht auf, als er immer wieder mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert ist. „Dumme Sprüche, herablassende Kommentare – das erlebe ich bis heute. Es passiert auch, dass mich Verkäufer in Geschäften ignorieren. Auch, wenn ich sie direkt anspreche. Vielleicht ist es Angst, vielleicht grundsätzliche Ablehnung. Das ist schade, denn ich finde, wir sollten allem offen gegenüber bleiben. Das versuche ich auch. Ich bin Moslem, interessiere mich aber auch für die christliche Religion. Ich würde niemanden wegen seines Glaubens oder seiner Herkunft verurteilen.“

Doch Karim lässt sich nichts gefallen, spricht Probleme an. „Grundsätzlich fühle ich mich in Weiden sicher. Integration und ein starkes Umfeld schützen. Und der Großteil der Menschen ist freundlich.“

Verein "Second Chance"

Um auch anderen Geflüchteten aus Afghanistan eine Perspektive zu bieten, gründet Karim den Verein „Second Chance“. „Im Moment wird der Antrag geprüft. Ich hoffe, dass wir bald als offiziell eingetragener Verein starten können.“ Mit „Second Chance“ will Karim in Zusammenarbeit mit dem JUZ Weiden Ausländern helfen, in Weiden und der Umgebung ein Netzwerk aufzubauen und sie bei behördlichen Angelegenheiten unterstützen.

„Ich will Hoffnung geben. Ich weiß, wie schwer es ist, neu anzufangen. Ich weiß, wie schwer es ist, als Flüchtling eine Wohnung zu bekommen und gegen all die Vorurteile anzukämpfen. Ich habe es geschafft, weil ich in den vergangenen Jahren so viel Hilfe erfahren habe. Dieses Gefühl will ich zurückgeben.“

Aktuell sucht der 21-Jährige Spender und Sponsoren, die an ihn und das Projekt glauben. „Wenn wir genug Geld zusammenhaben, will ich nach Afghanistan reisen und vor Ort helfen. Die Lage ist schlimm. Viele meiner Freunde sind tot. Denen, die noch leben, geht es schlecht. Ich sehe das Land immer noch als Teil von mir. Deshalb muss und will ich helfen.“

Karim gießt sich frischen Tee in seine Tasse und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch. „Es geht weiter. Genug Pause“, sagt er und lacht. „Ich habe heute noch einiges vor mir.“ Er klappt seinen Laptop auf und öffnet seine Kurs- unterlagen. Der 21-Jährige weiß, dass sich sein Ehrgeiz lohnen wird. „Für ein besseres Leben. Für meine Familie. Aufgeben ist für mich niemals eine Option.“

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Schwandorf
Aufenthaltsgesetz:

Aufenthalt durch Bildung und Integration

Unabhängig vom Asylverfahren gibt es für junge Flüchtlinge, die in Deutschland lediglich als geduldet gelten, im 2015 überarbeiteten Aufenthaltsgesetz eine Möglichkeit, um sich einen langfristigen Aufenthalt in Deutschland durch Bildung, Arbeit und Integrationsleistungen zu sichern. Eine Option, die auch Karim nutzte. § 25a des Aufenthaltsgesetzes legt fest, dass junge Menschen, die vor der Vollendung ihres 17. Lebensjahres nach Deutschland eingereist sind, eine Aufenthaltsgewährung wegen „guter Integration“ erlangen können. Das sind die Voraussetzungen:

  • • Sie müssen sich seit vier Jahren ununterbrochen in Deutschland aufhalten
  • • Sie müssen einen erfolgreichen Schul- oder Berufsabschluss vorweisen
  • • Der Antrag auf Aufenthaltsgewährung muss vor Vollendung des 21. Lebensjahres eingereicht werden
  • • Sie benötigen eine positive Integrationsprognose

Für Karim ist dieser Status eine enorme Erleichterung. Nicht nur, weil er offiziell an einer Universität studieren darf, sondern auch, „weil ich mit meinem Pass jetzt reisen kann“. 2021 will der 21-Jährige den Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft stellen. „Ich glaube daran, dass es funktioniert.“

 

 

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