22.05.2020 - 10:28 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Verantwortliche in Weiden beklagen: Jugendarbeit im Coronamodus

Die Verantwortlichen in Weiden sprechen von einer schrecklichen Situation. Seit mehr als zwei Monaten findet Jugendarbeit nur noch virtuell statt. Dabei wären persönliche Kontakte eigentlich zwingend nötig.

Florian Graf, Theresa Weidhas, Ewald Zenger und Herbert Schmid (im Uhrzeigersinn) beklagen die aktuelle Situation der Jugendarbeit in der nördlichen Oberpfalz.
von Siegfried BühnerProfil

Es klingt fast schon wie ein Hilferuf. „Wir müssen in der Jugendarbeit rasch wieder zu anderen Zuständen zurückkehren“, fordert Stadtjugendpfleger Ewald Zenger. Vieles von dem, was über Jahre aufgebaut worden sei, werde allmählich ruiniert. Situationen und Begegnungen, die für Jugendliche identitätsstiftend wirken, fallen seit vielen Wochen weg.

„Ich fürchte eine Schockstarre“, klagt Zenger. Denn er hat Angst davor, dass es im September ähnlich weitergehen könnte. Das Herz habe ihm geblutet, als das Kinderbürgerfest abgesagt werden musste. Und die nächste Absagewelle beim Ferienprogramm stehe bevor: Plan A dafür sieht derzeit nur ein Online-Angebot vor.

Wenn hauptamtliche Betreuer um ihren Arbeitsplatz fürchten müssten, fehlten auch die Signale an die vielen Ehrenamtlichen. In den Mitgliedsorganisationen des Stadtjugendrings wird befürchtet, dass Jugendliche im wahrsten Sinne des Wortes einfach wegbrechen.

„Jugendarbeit lebt vom persönlichen Austausch“, stellt deshalb auch Theresa Weidhas als Sprecherin des Jugendforums Weiden fest. Auch sie bedauert die Kontaktverluste zu den Jugendlichen. So hätten zum Beispiel alle geplanten Veranstaltungen im Nachgang zu den Kommunalwahlen abgesagt werden müssen. Für den Jugendfond im Bundesprogramm "Demokratie leben" liege derzeit kein einziger Antrag vor.

Herbert Schmid von der Initiative Arbeit und Leben bedauert als Koordinator dieses Bundesprogramms den Ausfall zahlreicher geplanter Projekte und Veranstaltungen. „Nach Monaten der Vorbereitung sind wir seit März damit beschäftigt, alles wieder abzusagen." Auch mit Schulen könne es in diesem Jahr im Rahmen des Bundesprogramms keine gemeinsamen Aktionen geben. Noch hofft er ein wenig, dass vielleicht Ende August das verschobene Treffen deutscher und tschechischer Jugendlicher stattfinden kann.

Derzeit nur Online-Angebote

Was in der Arbeit der Jugendverbände derzeit möglich ist, beschränkt sich ausschließlich auf Online-Angebote. Doch hier wird fast überall viel Fantasie entwickelt. So wurden vom Jugendforum bisher bereits fünf Webinare zu den Themen „Europäische Jugendstrategie“, „Nationale Jugendstrategie“, „Antisemitismus heute“, "Klassismus“ und „Formen von Rassismus“ durchgeführt. Die Themen wurden von den Jugendlichen selbst vorgeschlagen.

Von „täglich wechselnden Mini-Workshops“ auf Facebook und Instagram berichtet Florian Graf vom Jugendzentrum Weiden (JuZ). Sie wurden in Zusammenarbeit mit dem Magischen Projekt und zahlreichen ehemaligen JuZ-Besuchern erstellt. 46 Videos stehen laut Graf zwischenzeitlich zur Verfügung.

Wiederöffnung nach Pfingsten?

Auch der weit über die Stadt Weiden hinaus bekannte „Dance Your Style Contest“ soll in diesem Jahr online voraussichtlich Mitte Juli durchgeführt werden. Wenn die Planungen abgeschlossen sind, soll darüber umfangreich informiert werden. Hoffnung setzt man im JuZ auf die derzeit laufenden Verhandlungen zwischen dem bayerischen Jugendring und der Staatsregierung über eine allmähliche Wiedereröffnung der Jugendzentren nach Pfingsten. Vielleicht könne dann nach Pfingsten unter Beachtung der erforderlichen Hygienemaßnahmen das Jugendzentrum wieder öffnen. Schließlich wurde die Ruhepause genutzt, um umfangreiche Renovierungen durchzuführen.

Tipps im Umgang mit der aktuellen Situation formulierte der Stadtjugendpfleger zusammen mit seinen Kollegen ebenfalls. „Hirn einschalten und überlegen, in welcher Gesellschaft man sich bewegt“, sagte Zenger. Für Weidhas gilt: „Wir müssen in Kontakt bleiben“. „Zusammenhalten und gemeinsam durchstehen“, empfiehlt Graf. Und „nicht von Verschwörungstheoretikern einfangen lassen“, rät Schmid.

Viele SJR-Verbände halten Kontakt durch Online-Angebote:

Video-Chats ersetzen Gruppenstunden

Einer Umfrage von Stadtjugendpfleger Ewald Zenger zufolge, gibt es auch bei zahlreichen Verbänden im Stadtjugendring Online-Angebote. Mit Videokonferenzen unter dem Namen „Zoom“ schafft es zum Beispiel der BDKJ Weiden untereinander Kontakt zu halten.

Wöchentliche Gruppenstunden, Abenteuererlebnisse, Lagerfeuer und Gemeinschaft werden beim Verein Christlicher Pfandfinder (VCP) durch Online-Angebote wie digitale Spieleabende, selbst aufgenommene Hörbücher und kleinen „Pfadfinder@Home-Projekte“ ersetzt. Die Pfadfinderschaft St. Georg (PSG) in Weiden berichtet, dass Video-Chats die Gruppenstunden mit den Pfadis ersetzen und dass Online-Aufträge (sogenannte Challenges) an Mädchen geschickt werden, deren Erledigung dann per Beweisfoto angezeigt werden soll.

Mit selbstentwickelten Apps und Spielen in einer Online-Lernplattform versucht das THW Weiden die ausfallende Präsenzausbildung für Junghelfer zu kompensieren. Ein „Trau-Dich-Malbuch“ und der „BRK-Juniorhelfer“ sind zwei der Online-Angebote des BRK-Kreisverbands Weiden-Neustadt/WN für Kinder.

Trotz neu entwickelten zahlreichen Online-Angebote werden die Einschränkungen der Jugendarbeit in fast allen Stellungnahmen außerordentlich bedauert. Zu lesen ist aber auch der Hinweis, dass selbst wenn ein persönliches Treffen wieder möglich sein wird, dies in Anbetracht von Mundschutz und Abstandsregelungen nicht mehr so ungezwungen ablaufen werde wie früher.

Befürchtet wird auch, dass selbst nach der Krise für Jugendarbeit nicht mehr so viel Geld wie vorher zur Verfügung stehe. Positiv wird hervorgehoben, dass derzeit ein Zwang bestehe, aus den üblichen Denkmustern auszubrechen und nach neuen Wegen zu suchen. Und es wird gewarnt, dass bei Lockerungen beachtet werden müsse, dass die nördliche Oberpfalz eine Hotspot-Region der Pandemie sei.

In einem Thesenpapier stellte Herbert Schmid von Arbeit und Leben wissenschaftliche Aussagen über die Arbeit der Jugendverbände zusammen. Darin werden Jugendgruppen unter anderem als „Werkstätten der Demokratie“ bezeichnet. Sie förderten vor allem die Entwicklung von Kompetenzen und weniger das Anhäufen von Wissen.

Genannt werden die Schlüsselkompetenzen Kommunikation, Teamarbeit, Verantwortung, Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit. Wege dahin seien die Übernahme eines Amtes oder einer Funktion, aber auch gemeinsames Verhandeln und Entscheidungen treffen, Konflikte lösen und Kompromisse schließen.

Das Jugendzentrum in Weiden muss auf Online-Angebote verweisen.

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