11.09.2020 - 11:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Verdacht auf Bombe in Weiden: 1500 Menschen werden evakuiert

Noch nie gab es in Weiden einen großen Bombenfund. Am letzten Septemberwochenende kann sich das bei Grabungen nahe dem Wasserwerk ändern. Unter der Erde könnte ein Blindgänger lauern. Hunderte Anwohner müssen vorsorglich evakuiert werden.

Der Kampfmittelräumdienst steht in den Startlöchern, die Evakuierung von 1500 Anwohnern ist nötig: Im Bereich nördlich und nordwestlich des Stadtfriedhofs (links im Bild) und damit auf den Bauflächen in unmittelbarer Nähe zum Wasserwerk-Stadion (vorne, rechts) werden Ende September Kampfmittel entsorgt.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Am 5. April 1945 legten die US Army Air Forces beim wohl schlimmsten Fliegerangriff auf Weiden im Zweiten Weltkrieg einen verheerenden Bombenteppich über die Stadt. Nun, gut 75 Jahre später, holt dieser Teil der Kriegsgeschichte die Stadt Weiden und ihre Bürger ein: Am letzten Septemberwochenende soll nach diversen Kampfmittel-Vorerkundungen die Erde nördlich sowie nordwestlich des Stadtfriedhofs vorsichtig aufgegraben werden, um unter anderem mögliche Blindgänger darin aufzuspüren und sie unschädlich zu machen.

1500 Anwohner werden evakuiert

Darüber informierte die Stadt Weiden am Freitagmmittag in einer Pressemitteilung. Darin wird auch deutlich, die geplante Kampfmittelentsorgung auf den Bauflächen im Umfeld des städtischen Stadions hat weitreichende Folgen für Anwohner in einem Umkreis von 500 Metern. Sie müssen wegen des Verdachts auf einen Bombenfund und eine mögliche anschließende Entschärfung beziehungsweise kontrollierten Sprengung am Sonntag, 27. September, in dem genannten Umkreis ihre Wohnungen verlassen. Diese Evakuierung übernehmen Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und THW. Entsprechende Infoschreiben schickt die Stadt nach eigenen Angaben gerade an 1292 betroffene Haushalte, in denen 1425 Personen leben.

Kritische Stelle entdeckt

Die letzten Vorbereitungen für die Kampfmittelräumung laufen bei einer Ortsbegehung mit Kampfmittelfachmann Martin Tietjen und Oberbürgermeister Jens Meyer (von links, mit Plan). Ebenfalls dabei sind (von links) Ex-Oberbürgermeister Kurt Seggewiß, Michael Kurz und Manfred Luber (alle SpVgg-SV Weiden), Marcel Seidel (Firma Green Fix) sowie Stefan Rögner, Amtsleiter Wirtschaftsförderung, Liegenschaften und Forsten (rechts).

Zuletzt trafen sich die Verantwortlichen – Vertreter der Stadt, der SpVgg-SV sowie der Firma HRS Kampfmittelerkundungs- und beratungs GmbH aus Au in der Hallertau (Oberbayern) – am vergangenen Sonntag vor Ort, heißt es. Im Mittelpunkt stand der Zeitplan für die Grabungsarbeiten am letzten Septemberwochenende. Vor allem an einer Stelle könnte es kritisch werden: "Während bei mehreren lokalisierten beziehungsweise sondierten Verdachtspunkten ein relativ geringes Risikopotenzial aus den im Boden vermuteten Kampfmitteln erwächst, besteht bei einem Verdachtspunkt allerdings die Möglichkeit eines Blindgängers, sodass die Bodenöffnung an dieser Stelle mit großer Sorgfalt und unter Einhaltung eines Evakuierungsradius von 500 Metern erfolgen muss." Andere Medien berichteten am Freitag, es handle sich um eine 250 Kilogramm Fliegerbombe. Die Stadt Weiden kann das weder bestätigen noch dementieren. Erst wenn am Sonntag, 27. September, aufgegraben werde, wüsste man mehr. Klar, gebe es Beladungslisten der amerikanischen Flieger, allerdings beinhalteten die diverse Dinge. "Und am Ende kann da auch nur ein Getränkeautomat aus dem Reichsbahnausbesserungswerk liegen", sagt OB Jens Meyer.

Alarmiert von historischen Luftbildern

Doch warum wird ausgerechnet jetzt gehandelt? Weil die Entwicklung rund um das städtische Wasserwerk-Stadion vorangeht und die Stadt dabei größte Vorsicht walten lassen will. Aktuell entstehen neben dem Stadion zwei Kunstrasenplätze. Zudem dachte die Stadt über die Befestigung einer Schrankenanlage auf dem Parkplatz gegenüber der Mehrzweckhalle Am Langen Steg nach. Beide Maßnahmen machten eine gründliche Kampfmittelerkundung nötig, die die Stadt 2019 auch in Auftrag gegeben hat. Alarmiert war sie unter anderem durch historische Luftbilder der Army Air Forces, die auch dem Bayerischen Vermessungsamt vorliegen. Hier markieren diverse Bombentrichter die Treffer der Streitkräfte rund um den Stadtfriedhof und damit in unmittelbarer Nähe zu jener Fläche, auf der aktuell die Kunstrasenplätze entstehen. "Anzutreffen sind auch erkennbare Bombentrichter im Boden im und um das Stadion", heißt es in der Pressemitteilung der Stadt. Weiden hat also gehandelt.

Zweiter Weltkrieg: Immer wieder massive Luftangriffe auf Weiden

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Alle Verdachtspunkte habe die beauftragte Firma auf Kampfmittel wie Bomben, Minen, Raketen, Waffen, Munition und so weiter untersucht. Die Stadt als Grundstückseigentümer müsse schließlich die Kampfmittel oder die Reste davon im Boden je nach Risiko bewerten und gegebenenfalls beseitigen. "Gegebenenfalls" scheint Oberbürgermeister Jens Meyer und seiner Verwaltung nicht zu genügen. Und so heißt es in der Mitteilung: "Es wurde entschieden, jegliche Risiken zu vermeiden und deshalb alle lokalisierten und sondierten Bodenbelastungen in metallischer Form zu beseitigen, auch wenn sich bei der Öffnung gegebenenfalls die Bodenverunreinigung nicht als Kampfmittel oder Kampfmittelteil erweist."

Evakuierung am Sonntag: Das spricht dafür

Das konsequente Handeln bedingt aber auch den Einsatz aller Weidener Rettungskräfte sowie der Bundespolizei, die sich laut Stadt bereits seit mehreren Wochen auf die Öffnung des Blindgänger-Verdachtspunkts und der Evakuierung vorbereiten. Der Sonntag, 27. September, wurde dabei als "geeigneter Öffnungstermin" auserkoren. Die Stadt nennt dafür fünf Gründe, wobei auch der Fortgang der Baumaßnahmen nicht unerheblich sein dürfte:

  • Erstens sei die Belastung für die sich im Evakuierungsgebiet befindenden Gewerbebetriebe geringer, da diese an einem Sonntag nicht oder nur in geringerer Auslastung geschäftstätig sind.
  • Zweitens muss nicht in den Schulbetrieb der Max-Reger-Schule eingegriffen werden.
  • Drittens sei es für die betroffenen Anwohner leichter, während der Zeit der Evakuierung bei Verwandten oder Freunden unterzukommen.
  • Viertens ist an Sonntagen die Verkehrsbelastung geringer.
  • Fünftens könnten die benötigten Hilfsorganisationen leichter auf ihre Ehrenamtlichen zurückgreifen.

Was die Stadt allerdings noch nicht nennen will, sind Details zu wohl ebenfalls von der Evakuierung betroffenen großen, heiklen und öffentlichen Einrichtungen. Im Umkreis von 500 Metern zum Stadion liegen unter anderem das Klinikum Weiden mit Bereitschaftspraxis, die Integrierte Leitstelle sowie ein Altenheim. Am Nachmittag widerspricht die Stadt allerdings anderen Medienberichten, in denen von einer Evakuierung des Klinikums Weiden die Rede ist. Das sei falsch. Es würden einzig Teilbereiche innerhalb des Klinikums vom Kampfmittel-Verdachtsort weg verlegt. Auch die genaue Lage der kritischen Stelle soll noch nicht verraten werden. "Ausführlich" wollen der Oberbürgermeister und die Führungskräfte der Rettungsdienste erst im Lauf der nächsten Woche gemeinsam bei einer Pressekonferenz informieren, heißt es. Auch wolle man der Öffentlichkeitsarbeit der anderen nicht vorgreifen. Derweil gibt sich Stadtoberhaupt Jens Meyer zuversichtlich: "Die Schlagkraft und Einsatzbereitschaft unserer Rettungskräfte ist herausragend, eine Gefährdung der Bevölkerung kann durch deren engagierten Einsatz ausgeschlossen werden. Ich gehe von einem reibungslosen Ablauf aus."

Bombensuche: Max-Reger-Halle als Notunterkunft

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Info:

Die Stadt hilft

  • Die Stadt schaltet ab Montag, 14. September, von 8 bis 18 Uhr ein Bürgertelefon für alle Evakuierungsfragen frei. Die Telefonnummer lautet: 0961/81-3838.
  • Erweiterung der Gesprächszeit am Bürgertelefon um zwei Stunden von 8 bis 20 Uhr am Freitag und Samstag, 25. und 26. September. sowie am Evakuierungstag am Sonntag, 27. September, von 6 bis 18 Uhr.
  • E-Mail-Anfragen sind an die Stadt unter bt[at]weiden[dot]de zu richten.
  • Unter www.weiden.de werden FAQs veröffentlicht, also die wohl häufigsten Fragen samt Antworten rund um die Bombensuche in Weiden.

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