20.05.2020 - 17:35 Uhr
AmbergOberpfalz

Bombenfund in Amberg: Ohne Evakuierung entsorgt

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Im Ernstfall wären ein ganzes Stadtviertel und Teile der Nachbargemeinde evakuiert worden – rund 1500 Menschen. Doch das war nicht nötig: Der Bombenfund auf einer Baustelle in Amberg konnte ohne größeren Aufwand entsorgt werden.

Bastian Schumann, Truppführer der HRS Kampfmittelerkundungs- und -beratungs GmbH, mit den Munitionsteilen, die er und sein Kollege am Mittwoch auf der Baustelle ausgegraben haben. In der Hand hält er den rostigen Lauf eines Karabiners, vor ihm am Boden liegen Gewichte, ein Bajonett und Teile sogenannter Stabbrandbomben, die im Krieg verheerende Schäden angerichtet haben.
von Heike Unger Kontakt Profil

Die Verantwortlichen wussten seit zwei Wochen, dass auf einer Baustelle im Amberger Stadtviertel Bergsteig explosive Überreste des Zweiten Weltkriegs im Boden liegen könnten, berichtete Ambergs Polizeichef Thomas Lachner am Mittwochmittag bei einem Pressegespräch auf dem Gelände im Amberger Südosten. Da klar war, dass die vermuteten Blindgänger in einer gewissen Tiefe in der Erde lagen, und deshalb keine akute Gefahr bestand, habe man mit der Entschärfung ganz bewusst bis jetzt gewartet, erklärte Lachner: Hätte sich der Verdacht einer zündfähigen Bombe bestätigt, hätten das gesamte Bergsteig-Viertel und auch Teile der Nachbargemeinde Kümmersbruck evakuiert werden müssen.

Fingerzeig auf eine Stabbrandbombe - das helle, rohrförmige Teil in der Bildmitte. Oberhalb links liegen Stahlteile, die als Gewichte dienten, neben der Bombe sieht man ein Bajonett, eine Stichwaffe, die auf einen Gewehrlauf aufgesteckt werden konnte, und ganz hinten rechts ein verrosteter Lauf eines Karabiners.

1500 Menschen betroffen

Rund 1500 Menschen wären betroffen gewesen, aber auch etliche Firmen hätten zumachen und geräumt werden müssen. Das habe man den Betroffenen nach wochenlangen Corona-Beschränkungen nicht werktags zumuten wollen, zitierte der Polizei-Chef aus den Überlegungen der beteiligten Stellen von Stadt, Polizei und Feuerwehr. Unternehmen, die nach einer pandemiebedingten Zwangspause gerade erst wieder den Betrieb aufgenommen haben, die Sperrung des nahe gelegenen Kauflands und der benachbarten Bahnstrecke, Störungen im Berufsverkehr und die wegen der Corona-Sicherheitsvorgaben erschwerte Evakuierung, vor allem auch vieler älterer Bewohner oder auch von Menschen, die sich mit der deutschen Sprache schwertun, wären gravierende Folgen gewesen, skizzierte Stadtbrandrat Bernhard Strobl den Ernstfall.

In knapp einem Meter Tiefe lagen die Bombenteile im Erdboden. Deshalb konnte man mit der Freilegung auch bis jetzt warten, ohne Anwohner zu gefährden. Dass hier Überreste des Zweiten Weltkriegs zu finden sein würden, war seit rund zwei Wochen bekannt.

Sieben "verdächtige" Stellen im Boden

Der blieb allen Beteiligten dann aber erspart: Zwei Experten der HRS Kampfmittelerkundungs- und -beratungs GmbH aus Au in der Hallertau hatten sich das Gelände am Mittwochmorgen genauer angesehen und an sieben "verdächtigen Stellen" nach den dort vermuteten Munitionsteilen gesucht. Lokalisiert hatte man diese nach Auskunft von Truppführer Bastian Schumann im Vorfeld durch Fotos aus dem Ersten Weltkrieg, militärische Archivunterlagen und die Ergebnisse von Sondierungen, die die Fachleute im Zuge der Bauarbeiten am Bergsteig gemacht haben. Dass sie Munitionsteile finden würden, war deshalb klar – um zu sehen, um welche Art von Bomben es genau ging und ob diese Fundstücke noch gefährlich sind, mussten die Kampfmittel-Experten aber tatsächlich graben.

An dieser Stelle mussten die Kampfmittel-Erkunder ein größeres Loch ausheben: Weil hier bei vorangegangenen Sondierungen diverses anderes Altmaterial im Boden den Blick nach weiter unten verdeckte, mussten sie hier genauer nachsehen, förderten aber keine noch explosiven Fundstücke zutage.

Munitions- und Waffenteile

Das taten sie am Mittwochmorgen auf dem eingezäunten Gelände an der Breslauer Straße, dort, wo einst der berühmte Bergsteig-Rundbau stand. Hier sollen neue Wohngebäude entstehen. Mit Schaufel und Minibagger legten Schumann und sein Kollege dann sogenannte Stabbrandbomben, diverse dazu gehörende Stahl-Gewichte und Brandmassenreste frei. Auch weitere Munitionsteile, der Lauf eines Karabiner-Gewehrs und ein Bajonett holten die Fachleute aus dem Boden.

Dann gaben sie Entwarnung: Keines der Fundstücke enthalte noch "brisanten Sprengstoff", wie Schumann beim Ortstermin am Mittwoch erklärte. Im Krieg allerdings hätten solche Stabbomben, die Kampfflieger in großen Bündeln abwarfen, verheerende Schäden an Gebäuden angerichtet. Großstädte wie Nürnberg, München oder Würzburg seien hunderttausend- oder gar millionenfach von solchen Bomben getroffen und entsprechend verwüstet worden: "Das hat zu richtigen Feuerstürmen geführt", so skizzierte es Schumann.

Keine Explosionsgefahr

Da keines der Fundstücke heute noch explosiv war, konnte die für Donnerstag schon organisierte Entschärfung durch einen Sprengmeister aus Nürnberg wieder abgeblasen werden. Die Munitionsteile wurden stattdessen noch am Mittwoch von einer Spezialfirma abgeholt und fachgerecht entsorgt. Damit, so bilanzierte Schumann, sei das Gelände nun frei von Kampfmitteln und damit bereit für die weiteren Bebauungspläne.

Hintergrund:

So werden Kriegsspuren im Boden sichtbar

Weil im Zweiten Weltkrieg die nahe gelegene Leopoldkaserne und auch das Heereszeugamt bombardiert wurden, war klar, dass man bei Bauarbeiten im Bergsteig-Viertel auf Blindgänger stoßen kann. Deshalb war im Vorfeld des Neubau-Projekts auf dem Gelände des ehemaligen Rundbaus an der Breslauer Straße eine Spezialfirma mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt worden.

Wie Bastian Schumann, Truppführer der HRS Kampfmittelerkundungs- und -beratungs GmbH, erklärte, wurde das Gelände sondiert. Dazu werten die Experten Luftbilder aus, die es aus der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, zwischen 1939/40 und 1946/47, gibt. Dadurch werden Bombentrichter und Granateinschläge sichtbar. Außerdem nutzen die Fachleute Archivunterlagen und militärische Einsatzberichte. Zudem wird das Gelände untersucht.

Nicht immer kann man dazu Metalldetektoren nutzen: Am Bergsteig war das laut Schumann nicht möglich, weil sich das Gelände dafür nicht eignet. Deshalb habe man das TDEM-Verfahren angewendet, bei dem ein elektromagnetisches Feld in den Boden eingespeist wird, wodurch auf einem Bildschirm Metallteile sichtbar werden, und Fachleute erkennen können, in welcher Tiefe Blindgänger liegen und welches Volumen sie haben. Details, etwa die genaue Waffenart, Zünder oder Ähnliches, kann man aber erst sehen, wenn die Funde tatsächlich freigelegt werden. Das geschieht, indem die Experten teilweise mit einem kleinen Bagger, teilweise auch mit der Schaufel, schichtweise den Erdboden abtragen.

Die Evakuierung war schon vorbereitet

Amberg

Erste Meldung: Entschärfung nicht notwendig

Amberg
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