10.09.2020 - 11:18 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Die wahre Zeit zeigt nur die Sonnenuhr

Die frühen Hochkulturen nutzen das Prinzip der Sonnenuhr bereits zur Zeitmessung. Über die Jahrhunderte wird sie immer präziser. Nur eines kann sie auch heute noch nicht: die Zeit anzeigen bei Dunkelheit.

von Rainer ChristophProfil

Sonnenuhren – sind sie im Zeitalter von Computer und Digitaluhr nicht eher lächerlich? Haben diese antiquierten Zeitanzeiger noch eine Daseinsberechtigung? Sind sie nicht sogar unpräzise – wie im Rheinland, wo sie eine halbe Stunde gegenüber der Normalzeit (MEZ) nachgehen? Im Gegenteil. Gehen die Sonnenuhren im Rheinland „falsch“, dann gehen sie richtig – so paradox das klingt. Sonnenuhren zeigen stets den wirklichen Stand der Sonne am Himmel an, nämlich die wahre Ortszeit.

Es ist einleuchtend, dass es zwischen Görlitz im Osten und Essen im Westen einen Unterschied in der Ortszeit, der Sonnenuhrenzeit, geben muss: 32 Minuten beträgt dieser. Einen entscheidenden Nachteil konnte man allerdings bei der Sonnenuhr nie ausmerzen: Bei Nacht oder schlechtem Wetter ist sie letztlich nur ein Dekorationselement.

Schatten der Obelisken

Im Laufe ihrer Geschichte entwickelte sich die Sonnenuhr immer weiter. Bereits die frühen Hochkulturen Mesopotamiens (im heutigen Irak) nutzen sie zur Messung der Zeit. Im alten Ägypten wurden zur Zeit der Pharaonen auf öffentlichen Plätzen riesige Obelisken aus Stein errichtet. Ihre Schatten fielen auf Markierungen am Rande des jeweiligen Platzes und dienten so dem einfachen Volk als Uhren.

Sonnenuhren gehören zu den ältesten wissenschaftlichen Instrumenten. Sie sind zudem Zeugnisse früher menschlicher Erfindungsgabe. Die erste und einfachste Erkenntnis war: Alle vom Licht der Sonne angestrahlten Objekte werfen Schatten, deren Länge sich im Laufe des Tages verändert. Steht die Sonne morgens und abends nur kurz über dem Horizont, sind bekanntermaßen die Schatten lang. Steht die Sonne im Zenit, was mittags der Fall ist, sind die Schatten am kürzesten.

Mittagslinie

Eine weitere Funktion neben der reinen Zeitmessung hatte die Sonnenuhr bei der Berechnung komplizierter astronomischer Zusammenhänge. Griechen und Römer nutzten sie, entwickelten sie weiter und verfeinerten die Zeitablesung. Sie entdeckten die sogenannte „Mittagslinie“. Auch die Neigung der Erdbahn und die Dauer eines Jahres lassen sich relativ exakt errechnen.

Die Geschichte der Sonnenuhr fasziniert bis heute, wenn auch im Mittelalter viel von dem Wissen der Antike verloren ging. Zu verdanken ist die Weiterentwicklung vor allem den Klöstern im Mittelalter. In deren Alltag war die Zeit streng gegliedert. Gebete zu festen Tages- und Nachtzeiten waren vorgeschrieben. Das galt für Gottesdienste, verbunden mit dem Geläut der Glocken. Und dieses gliederte den Tag der Landbevölkerung in den zum Kloster gehörenden Dörfern.

In jener Zeit erlangte die Sonnenuhr, die wir heute immer noch in vielen Klosteranlagen antreffen, erneut an Bedeutung. In der Klosterordnung „Ora et labora et lege“ (bete, arbeite und lese) hatte die Zeiteinteilung mit Hilfe der Sonnenuhr für das religiöse Leben von Nonnen und Mönchen eine wichtige Bedeutung. Die Sonnenuhr am ehemaligen Klostergebäude in Waldsassen, heute gehört dies zum Finanzamt, ist merkwürdigerweise dem Osten zugewandt. „Sie zeigte wahrscheinlich dem zuständigen Mönch an, wann die morgendliche Gebetszeit erfolgen musste, einen anderen Sinn kann der Standort nicht gehabt haben“, vermutet der Sonnenuhren-Experte Peter Schön aus Altenstadt/WN.

Vorlage von Dürer?

Eine prächtige Sonnenuhr befindet sich am Eingang in das Museumsquartier in Tirschenreuth. Renoviert wurde sie vom ehemaligen Malermeister Heinz Hinrichsmayer, der sein Geschäft am Deschplatz hatte und stets bei kniffligen Arbeiten gerufen wurde. Aus welchen Jahr die Uhr stammt, wer sie einst malte und ausrichtete, kann niemand sagen. Die Vorlage der gestalteten Uhr soll von Albrecht Dürer stammen.

Eine weitere Sonnenuhr, vielen gar nicht bekannt, befindet sich im ehemaligen Fischhof des Klosters Waldsassen, dem heutigen Amtsgericht in Tirschenreuth. Hier gibt es die tragische Geschichte vom Maler der Sonnenuhr, der vom Gerüst stürzte und dabei den Tod fand. Ein Nachfolger soll sein Werk vollendet haben. Derzeit wird die Geschichte der beiden Sonnenuhren in Tirschenreuth erforscht.

Hilfreich für die Konstruktion der Sonnenuhren war die Erkenntnis im 14. und 15. Jahrhundert, den schattenwerfenden Stab parallel zur Erdachse auszurichten. Der Winkel, den er nun zur Horizont-Ebene bildete, war charakteristisch für den Breitengrad, auf dem man sich befand. Entscheidend war, dass jetzt nur noch eine Zeitskala für das ganze Jahr gebraucht wurde, da die Länge des Schattens nicht mehr von der Höhe der Sonne beeinflusst wurde. Im Winter steht die Sonne bekanntlich tiefer als im Sommer. Der Schatten war dann länger als im Sommer zum selben Zeitpunkt.

Taschensonnenuhren

Ihr Goldenes Zeitalter hatte die Sonnenuhr im 16. Jahrhundert. Es entstanden technisch ausgeklügelte Sonnenuhren. Dazu zählten Taschensonnenuhren, deren Polstab veränderbar war. Nun konnte die Zeitmessung an den eigenen Standort angepasst werden. Der Feinmechaniker Peter Henlein, geboren um 1480 in Nürnberg, stellte 1510 die ersten dosenförmigen Taschenuhren und später sogar Turmuhren her. Damit neigte sich die Geschichte der Sonnenuhr dem Ende zu.

Seit rund 15 Jahren baut der in Altenstadt/WN wohnende und aus dem Stiftland stammende Peter Schön Sonnenuhren. Der als Ausbilder tätige Maschinenbaumeister eignete sich den wissenschaftlichen Hintergrund selbst an und schuf nach ersten Papier- und Holzmodellen rund zehn Uhren in der Region. Eine ist in Kärnten/Österreich zu finden. Mittlerweile ist der Altenstädter Experte weit über die Grenzen des Ortes bekannt. In Altenstadt/WN zieren seine Sonnenuhren den Pausenhof der Grundschule, das „Sonnenhaus“ und den Eingang der Mittelschule.

Gnomon mit goldener Spitze

In Weiden steht eine im Saunenbereich der Thermenwelt. Der „Bräuwirt“ am Markt wurde an der Frontseite mit einer Sonnenuhr verschönert. Der Kirchenmalermeister Volker Wunderlich aus Goldkronach setzte den 90 Zentimeter langen „Gnomon“, ein Schattenstab aus einer Metalllegierung mit goldener Spitze, ein. Der Künstler malte dazu ein Band mit Stundenziffern und reichlichen Verzierungen. Bei diesem Exemplar, so Peter Schön, „zeigt der parallel zur Erdachse stehende, also 29,7 Grad von der Senkrechten abweichende Stab mit seinem Schatten nicht die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), sondern die ,wahre Weidener Zeit‘.“

15. Längengrad

Die MEZ wird genau am 15. Längengrad festgelegt. Weiden liegt jedoch auf zwölf Grad und zwölf Minuten östlicher Länge. In Weiden „hinkt“ man der MEZ also etwa sieben Minuten hinterher. Das funktioniert aber nur bis 14 Uhr, da es sich um die Ostseite handelt. Wer die Zeit weiterverfolgen will, muss zum Altstadt-Hotel in die Türlgasse wechseln. Hier ist ein weiteres Kunstwerk von Peter Schön an der Fassade zu bestaunen.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.