25.11.2021 - 10:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Walter Klankermeier: Erinnerungen an einen Weidener Sex-Skandal

"Jeder echte Bayer geht zu Klankermeier." Der Slogan des Weidener Nachtclubkönigs ist unvergessen. Viele Artikel befassen sich mit seinem Tod. Ein Historiker hat jetzt ein etwas anderes Stück über Walter Klankermeier geschrieben.

Walter Klankermeier hoch zu Ross.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die "Oberpfälzer Heimat", Band 66 aus November 2021, könnte zum ungeahnten Verkaufsschlager werden. Seit vielen Jahren veröffentlichen Heimatforscher lesenwerte "Beiträge zur Heimatkunde der Oberpfalz". Sebastian Schott vom Stadtarchiv steuert in der aktuellen Ausgabe einen außergewöhnlichen Beitrag bei: "Vor 50 Jahren: Skandal in Weiden um Walter Klankermeiers Striptease-Club".

Für Historiker Schott war der einmalige Abstecher ins Rotlichtmilieu der Weidener Vergangenheit eine schöne Abwechslung: "Es hat Spaß gemacht, den Artikel zu schreiben." Den Lesern bescheren seine Recherchen neue Erkenntnisse über Klankermeier, bei manch älteren Semestern werden vielleicht Erinnerungen wach.

Wer war Walter Klankermeier? 1940 in Augsburg geborener Gastronom, nur 1,68 Meter groß, gelernter Metzger. 1967 pachtet er den Bayerischen Hof in Weiden, ein Bahnhofshotel. Zuvor hat der Schwabe acht Jahre in Amerika gelebt. Er selbst sagt, er habe in Chicago ein Hotel aufgebaut. Schott hat herausgefunden, dass Klankermeier zumindest unmittelbar nach der Auswanderung in der Kleinstadt Grand Junction in Colorado gemeldet war.

Lokalpresse begeistert

In jedem Fall kommt Klankermeier im Alter von 27 Jahren nach Weiden. "Der neue Tag" ist regelrecht begeistert: "Klankermeier, der mit Elan ans Werk geht, will der ganzen Sache neuen Schwung verleihen." Auf die Frage, warum er nicht in den USA geblieben sei, antwortet der junge Hotelier dem Redakteur: "Weil Deutschland meine Heimat ist. In Amerika war ich um zu lernen und um Neues zu sehen. Da hieß es sich durchsetzen."

Nur: Der Laden läuft nicht wie er soll. Klankermeier bietet "46 saubere Betten und moderne Gastlichkeit". Aber was hilft's, wenn das Gebäude in die Jahre gekommen ist. Wenn im gleichen Haus im Beatschuppen "Arosa-Alm" die Live-Musik lärmt. Drei Jahre nach Unterzeichnung des Pachtvertrags ist Klankermeier praktisch pleite.

"Django Nudo" und "Graf Porno"

Aber er hat Ideen. Die Sexwelle hat 1970 die nördliche Oberpfalz erreicht. Im Kino läuft "Django Nudo und die lüsternen Mädchen vom Porno Hill" und "Graf Porno bläst zum Zapfenstreich". Klankermeier beantragt bei der Stadt Weiden "Kabarettaufführungen" veranstalten zu dürfen. In Annoncen im "Neuen Tag" lädt er die "lieben Freunde der Nacht" in die "Fortuna-Bar" ein: "Es bezaubert sie die charmante Lady Ann mit ihrem Striptease". Am Rosenmontag veranstaltet er einen Oben-Ohne-Ball. Unter den halbnackten weiblichen Gästen verlost er einen Flug nach Teneriffa.

Umso freizügiger, umso voller das Lokal. Im März 1971 kommt es zum Skandal, als eine füllige Blondine mit einem Pudel auftritt. Das Paar "Ed und Sandy" imitiert Sex auf der Bühne. Staubwedel, Kerzen und Flaschen kommen zum Einsatz. Die Frankenpost schreibt im September 1971: "Nicht nur aus Weiden und Umgebung, sondern auch aus Oberfranken und den angrenzenden Landkreisen strömen die Gäste Nacht für Nacht in das rund 120 Personen fassende Lokal."

26 Vorstellungen lang ist die Fortuna-Bar rappelvoll. Dann entzieht die Stadt Weiden Klankermeier von heute auf morgen die Lizenz. Der Schwabe klagt vor dem Verwaltungsgericht Regensburg - und gewinnt. Unter Auflagen darf er wieder öffnen: kein Geschlechtsverkehr, keine Hund-Dame-Liebe.

Alles in bester Ordnung? Nicht lange. Am Bahnhof wohnt Seilermeister Franz Hammer, damals 35 Jahre alt und CSU-Stadtteilvorsitzender. In seinen Memoiren (erschienen 2013 unter dem Titel "Nur der Unglückliche ist glücklich") erinnert sich Hammer an seine Anstrengungen, dem Nachtclubkönig das Handwerk zulegen. In einem Protestschreiben appelliert Hammer, dass Weiden nicht zum "erotischen Mittelpunkt der Nordoberpfalz" werden dürfe. Die Darbietungen widerstreben seinem "Sittlichkeitsempfinden" und müssten ein Ende haben. Hammer und sein CSU-Parteifreund Oskar Rauch zetteln eine Unterschriftenaktion an. An einem September-Sonntag 1971 legen sie ihre Listen in allen Kirchen auf.

Klankermeier schlägt zurück. Am Tag der Unterschriftensammlung besucht der Gastronom in Begleitung seiner Tänzerin Uschi (22) den Gottesdienst in St. Josef. "Der Neue Tag" berichtet: "Während der Predigt, in der der Geistliche auch zur Unterstützung der Protestaktion aufrief, stand der Barbesitzer auf, sah sich um und gab halblaut, doch vernehmbar, seinen Kommentar, bevor er aus der Kirche ging: ,Wenn ich mich umsehe, glaube ich, ich bin in meinem Lokal: lauter Bekannte!"

Das Presseecho hallt durch die Republik. In Weiden reichen sich die Illustrierten-Reporter die Klinke in die Hand. Werner Hein, Pressereferent der Stadt, rauft sich die Haare: "(...) dass Weiden in der Bundesrepublik in einen Ruf gerät, den es weiß Gott nicht verdient hat." Klankermeier feixt über den formidablen Werbeeffekt.

Die Geschichte hat noch einen pikanten Höhepunkt, der für Hammer das Ende seiner politischen Karriere bedeutet. Klankermeier setzt zum "nuklearen Gegenschlag" an, wie es Historiker Schott formuliert: Er macht öffentlich, dass Hammer selbst Gast in der Fortuna-Bar war. Klankermeier legt Belege aus einer Januar-Nacht vor, in der Hammer - "der sich da zum Sittenapostel über eine Stadt und deren Umland aufspielt" - eine Zeche von 925 Mark gemacht hat. "Als er dann in den frühen Morgenstunden jener kalten Winternacht nach Hause wankte, war er offenbar so erhitzt, dass er gar nicht bemerkte, dass er seinen Jägermantel in meinem Lokal hatte hängen lassen."

Ende für Hammers Politkarriere

Damals streitet es Hammer ab. 2013, mit dem Abstand von einigen Jahrzehnten, "outete" sich der heute 85-Jährige. "Als ich zum Ortsverbandsvorsitzenden der CSU Bahnhof gewählt wurde, ging ich nach der Versammlung noch zum Klanki. Das Lokal war wenig besucht. Auch Vorführungen fanden nicht statt, so dass die anwesenden Damen zu mir an den Tisch kamen. Mich kannte ja jeder. In meiner Hochstimmung zahlte ich den Damen allen ein Glas Sekt. Es war eine fröhliche Runde. Als ich dann heimging, hatte ich eine Zeche von 800 DM bezahlt."

Erst 1975 ist die Fortuna-Bar dann wirklich Geschichte: Der Pächter kündigt Klankermeier. "Noch nicht zu Ende war jedoch Walter Klankermeiers Karriere als ungekrönter König des Weidener Nachtlebens", so Schott. 1972 eröffnet er in der Judengasse den "Club Holiday", 1974 dann das Tanzlokal "klanki". Damit lieferte der Schwabe sein aus eigener Sicht "gastronomisches Meisterstück" ab.

1982 wird Klankermeier ermordet. Sein Tod ist bis heute nicht aufgeklärt.

Heute ist Weiden Sperrbezirk und das Rotlichtmilieu aufgrund von Corona ohnehin auf Sparflamme

Amberg
Hintergrund:

Oberpfälzer Heimat

  • Weitere Artikel dieser Ausgabe: Alfred Kunz (Geschichte der Gendarmerie), Josef Eimer (Rattenfänger in Pfreimd), Heiner Aichinger (Sulzbacher Erbprinz), Matthias Beimler („Werwölfe“) und viele mehr. Schriftleiter Adalbert Busl, Verlag Bodner.
  • Erhältlich über den Heimatkundlichen Arbeitskreis, www.hak-weiden.de, im Stadtarchiv Weiden, Schulgasse 3a, oder den Buchhandel.
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