04.01.2021 - 17:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener im Corona-Hilfseinsatz in Kronach: "Bin an meine Grenze gestoßen"

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Weihnachten war für Detlef Bartonek plötzlich vorbei. Am ersten Feiertag ließ er seine Familie zurück, um in einem extrem vom Virus betroffenen Heim zu helfen.

Der Weidener Detlef Bartonek (rechts) reiste zusammen mit weiteren Ehrenamtlichen des „Team Bayern“ nach Kronach, um dort Hilfe zu leisten. Mit im Team waren (von links) Fabian Wendl, Daniel Schnell, und Nicole Dillig.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Eigentlich wollte Detlef Bartonek Weihnachten mit seiner Frau und seinen Töchtern Pauline und Belle, drei und acht Jahre alt, feiern. Doch am ersten Feiertag war das Fest für den 29-jährigen Ehrenamtlichen der Weidener Feuerwehr vorbei. Detlef Bartonek hatte als Teil des ehrenamtlichen Helfer-Netzwerkes „Team Bayern“ einen Hilferuf für dringend nötige Unterstützung in einer Einrichtung der Lebenshilfe im oberfränkischen Kronach erhalten. Dort war der eigenständige Betrieb von zwei Wohnheimen für behinderte und pflegebedürftige Menschen durch Ausfälle beim Personal wegen Krankheit und Quarantäne unmöglich geworden. Außerdem sind dort viele Bewohner infiziert, auch mit schweren Verläufen.

Bartonek und vier weitere Ehrenamtliche vom „Team Bayern“ reisten um 6.15 Uhr ab. „Es war sehr schwer“, sagt er im Hinblick auf das abgebrochene Weihnachtsfest. „Meine Kinder haben geheult.“

"Es war wirklich eine Katastrophe"

Wohl länger in Erinnerung bleiben wird dem 29-Jährigen der erste Eindruck nach der Anreise am ersten Weihnachtsfeiertag. „Es war wirklich eine Katastrophe. Es gab keinen zentralen Ansprechpartner, zunächst hieß es, wir sollten Tagschichten machen, dann war von Nachtschichten die Rede, es war nichts koordiniert. So eine Lage hat vorher noch niemand gehabt. Wir haben die Koordination dann übernommen.“ Dabei half dem Weidener seine Erfahrung aus der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung der Feuerwehr.

„Es war kein Eigenpersonal der Lebenshilfe vor Ort, weil die meisten an Corona erkrankt oder in Quarantäne waren“, erinnert sich der 29-Jährige. Ihm und Medienberichten zufolge versuchen seit wenigen Tagen vor Weihnachten und bis jetzt zahlreiche Helfer von THW, Feuerwehr, dem Katastrophenschutz, des Arbeiter-Samariter-Bundes, der Bundeswehr und eben des „Team Bayern“, die Heimbewohner zu versorgen und betreuen. Aktuell sind laut Bartonek unter anderem neben der Bundeswehr drei Helfer des „Team Bayern“ in Kronach im Einsatz. „Das ging schlagartig los mit den positiven Fällen, und so richtig schlimm wurde es am Freitag. Die Geschäftsleitung hat gesagt, sie könne das Heim ohne ehrenamtliche Unterstützung nicht mehr halten.“

Bartonek und seine Team-Kollegen arbeiteten schließlich nachts, von Freitag bis Montagfrüh und stets in voller Schutzausrüstung aus Anzug, Maske, Handschuhen und Gesichtsschild. „Von den 53 Bewohnern waren 40 positiv, als wir ankamen. 6 von ihnen mussten mit Akutzustand ins Klinikum eingeliefert werden. Am Sonntag kam noch eine Zwangseinweisung hinzu. Eine negativ getestete Bewohnerin ist angesichts der Lage durchgedreht. Es kamen Polizei, ein Notarzt und ein Rettungswagen.“

Psychisch schwer zu verkraften

Die positiv getesteten Bewohner seien zwischen 30 und 80 Jahre alt. Schwerwiegende Symptome seien vor allem bei den Älteren aufgetreten. „Ich bin bei diesem Einsatz an meine Grenze gestoßen“, gibt der 29-Jährige zu. „Wenn man Menschen mit akuter Atemnot betreut, die um Leben und Tod ringen, wenn man diese Leute mehrere Tage begleitet hat, das ist schon grenzwertig.“ Die meisten Mitarbeiter der Einrichtung sind mit Corona infiziert, doch einzelne hätten sich krank gemeldet, weil sie die Lage psychisch nicht verkraften konnten, erzählt Bartonek. „Ich kenne persönlich Leute, die sagen, Corona gibt es nicht. Ich kann denen nur sagen, geht in so ein Heim und seht euch das an. Man wird viel vorsichtiger, wenn man sieht, wie die Verbreitung des Virus Schlag auf Schlag weitergeht.“

Detlef Bartonek in voller Schutzausrüstung bei seinem Einsatz in Kronach. Ja, er habe Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus gehabt, sagt er.

Blutdruck messen, Medizin geben

Weil die Einrichtung komplett auf externe Hilfe angewiesen war, endete die Unterstützung der Freiwilligen nicht bei der Einsatzkoordinierung. Im Gegenteil: Die Helfer hatten nahen Kontakt zu den Bewohnern. „Wir haben Blutdruck gemessen, Medikamente verabreicht, zu Trinken gegeben. Es gab einen Plan, wer was wann bekommt, da haben wir uns dran gehalten. In der ersten Nacht wurden wir durch Fachpersonal begleitet, in der zweiten und dritten waren wir Ehrenamtlichen alleine. Wir mussten den Bewohnern auch gut zureden. Das wird schon, haben wir gesagt, und dass man Silvester erleben wird. Ich bin trotzdem in der Nacht auf Montag an meine Grenze gestoßen, als dann auch noch die Zwangseinweisung kam.“

Und ja, er habe Angst vor einer Ansteckung gehabt. „Man ist extrem vorsichtig und schaut, dass der Schutzanzug richtig sitzt, die Handschuhe ordentlich angeklebt sind, dass Maske und Schild sitzen. Wir sind täglich vor Dienstbeginn und auch vor der Rückfahrt nach Hause getestet worden. Ich war jeden Tag froh, wenn die Nachricht kam, dass ich negativ bin.“

Wenn er Redebedarf über den Einsatz hat, wendet sich der Weidener an seine Frau, seine Team-Kollegen oder seinen Vorgesetzten, Stadtbrandrat Richard Schieder. „Er steht voll und ganz hinter mir und hat mich für den Einsatz freigestellt.“ Kronach war für Bartonek der erste auswärtige Einsatz im „Team Bayern“. An diesem Ehrenamt motiviere ihn, „dass man Leuten helfen, Gutes tun und für Leute da sein kann – anders als andere, die heutzutage Einsatzkräfte angreifen“. Bartonek dankt explizit der Lebenshilfe, die für die Freiwilligen Unterkunft und Verpflegung übernommen hat, so dass ihm und den anderen Helfern keine Kosten entstanden seien.

Da der Betrieb der Einrichtung wohl auch nach dem Jahreswechsel nicht ohne fremde Hilfe aufrecht erhalten werden könne, würden voraussichtlich weitere Helfer des „Team Bayern“ nach Kronach fahren, um die Heimbewohner zu unterstützen. Auch Detlef Bartonek plant zusammen mit zwei Vohenstraußern einen zweiten Einsatz dort – wenn nicht vorher ein Einsatz in seiner Heimatstadt dazwischen kommt.

AKTUALISIERUNG: Nach der Veröffentlichung des Artikels stellen Verantwortliche der Lebenshilfe und des Teams Bayern einige Sachverhalte anders dar.

Hintergrund:

Kein Chaos in Kronach: Lebenshilfe und Team Bayern nehmen Stellung

Der Corona-Hilfseinsatz des „Teams Bayern“ in Kronach war geprägt von einer angespannten Lage, er sei aber geordnet abgelaufen. Das betonen die Verantwortlichen des Wohnheims der Lebenshilfe Kronach e. V. und „Team Bayern“-Leiter Raimund Heiny. „Es herrschte kein Chaos“, sagt Heiny. „Mit der Lebenshilfe und der Führungsgruppe Katastrophenschutz hatten wir eine ausgezeichnete Zusammenarbeit.“

In einer Richtigstellung zum Oberpfalz-Medien-Artikel erklärt die Lebenshilfe, dass das „Team Bayern“ ständige Ansprechpartner in der örtlichen Einsatzleitung und dem Lebenshilfe-Vorstand gehabt habe. Mit Einsatzleitung und Koordination des Einsatzes in den Wohnheimen seien der örtliche Einsatzleiter Ralf Schmidt von der Führungsgruppe Katastrophenschutz des Landkreises Kronach und sein Stellvertreter Sebastian Martin betraut gewesen – und nicht die Freiwilligen vom Team Bayern. Leitungs- und Fachkräfte hätten die Helfer eingewiesen. Es sei auch immer stets eigenes Personal im Team gewesen. „Lediglich in zwei Nächsten verrichteten auf eigenen Wunsch die Helfer*innen vom Team Bayern in Eigenregie Dienst, wobei die Leiterin der Wohnheime der Lebenshilfe Kronach e. V. rund um die Uhr für das Team Bayern für Notfälle erreichbar war.“ Ein weiterer Hilfseinsatz ist laut Vorstand, Geschäftsführung und Wohnheimleitung nicht mehr notwendig, „da durch Quarantäne und Arbeitsunfähigkeit ausgefallenes Personal der Wohnheime wieder sukzessive in den Dienst zurückkehrt“. Die Verantwortlichen danken den vier ehrenamtlichen Helfern des "Teams Bayern" für die schnelle und unbürokratische Hilfe.

Hintergrund:

Das ist das "Team Bayern"

  • Das "Team Bayern" wurde vom Bayerischen Roten Kreuz und Bayern 3 gegründet und organisiert.
  • Es besteht aus Freiwilligen, die sich im Sinne des bürgerschaftlichen Engagements bayernweit als ehrenamtliche Helfer einsetzen und dabei keiner Organisation angehören wollen.
  • Die Helfer unterstützen beispielsweise bei einem Unglück, einer Katastrophe oder auch nur im Rahmen der erweiterten Nachbarschaftshilfe.
  • Die Teilnahme am "Team Bayern" ist kostenfrei und ehrenamtlich. Spezielle Vorkenntnisse oder eine besondere Ausbildung sind nicht erforderlich. Wer aber über besondere Kenntnisse verfügt, kann mit entsprechenden Aufgaben betraut werden.
  • Es gibt keine Pflicht, einen Einsatz mitzumachen. Man wird per Sms gefragt, ob man zeitnah Hilfe leisten kann und möchte, und nur wenn man mit JA antwortet, bekommt man Details zum Einsatz. Mit NEIN zu antworten, ist in Ordnung und bedeutet keinen Ausschluss.
  • Wer Mitglied im "Team Bayern" werden möchte, bekommt vom BRK eine Einweisung zum Katastrophenschutz und zu Sicherheitsthemen beim Einsatz. Eine Mitgliedschaft im Team bedeutet keine Mitgliedschaft im BRK. Während eines Einsatzes ist man aber aus versicherungstechnischen Gründen kurzzeitig Mitglied im BRK und hierüber auch versichert.
  • Wer sich über das "Team Bayern" informieren will, kann dies auf der Website http://www.teambayern.info tun.

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