21.12.2020 - 17:20 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Seniorenheim-Leiterin: "Corona verliert für uns nie seinen Schrecken"

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Bei der Berichterstattung über Corona-Infektionen in Seniorenheimen geht es häufig um Zahlen. Doch was bedeutet die Lage für die Menschen? Zwei Leiter von Seniorenheimen in Neustadt und Windischeschenbach geben Einblick.

Für einige Bewohner des Caritas-Alten- und Pflegeheims St. Martin in Neustadt/WN ist die Hauskapelle ein wichtiger Zufluchtsort. Hier haben sie die Möglichkeit, über Radio Horeb Gottesdienste anzuhören oder den Rosenkranz zu beten.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Worte können den Belastungsmomenten, die Bewohner und Mitarbeiter in dieser Zeit erfahren müssen, niemals auch nur im Ansatz gerecht werden“, schreibt Stefanie Schricker auf Nachfrage an Oberpfalz-Medien. Sie leitet das Caritas-Alten- und Pflegeheim St. Martin in Neustadt/WN, das wie derzeit fünf weitere Seniorenheime im Landkreis vom Coronavirus betroffen ist. Es wühle sie auf, die vergangenen neun Monate Revue passieren zu lassen, die massive Spuren hinterlassen hätten. Und doch möchte sie, wie auch Ralf Selch, Leiter des AWO Seniorenheims in Windischeschenbach, einen Einblick in den Alltag im Seniorenheim geben.

„Momentan sind wir in der glücklichen Lage, eine stabile Gesamtsituation im Haus haben zu dürfen. Dass es sich hierbei natürlich nur um eine Momentaufnahme handelt, ist uns – nachdem wir bereits zwei größere Ausbruchsgeschehen verzeichnen mussten – mehr als bewusst“, so Schricker. Von den 69 im Neustädter Heim lebenden Senioren seien momentan 2 Bewohner eines Wohnbereichs mit dem Coronavirus infiziert. Bei einem davon sei eine Klinikversorgung unumgänglich gewesen. Sterbefälle im Zusammenhang mit dem Virus gebe es aktuell keine.

Im Windischeschenbacher Seniorenheim der AWO sind laut Heimleiter Selch von den 66 Bewohnern aktuell nachweislich 8 infiziert und alle symptomfrei. Von den 76 Mitarbeiter seien 2 betroffen und in Quarantäne. Die Lage bezeichnet Selch als entspannter im Vergleich zum Frühjahr. Damals waren auch im AWO-Heim viele Beschäftigte infiziert. Am Dienstag finde in seinem Heim wegen der aktuellen Infektionen erneut eine Reihentestung statt. „Wir hoffen, dass sich dabei nichts Neues ergibt und wir langsam wieder in eine normale Lage übergehen können.“

Erste Welle mit voller Wucht

Mit Blick auf Häuser, die momentan noch höhere Infektionszahlen aufweisen, betont die 40-jährige Heimleiterin, dass man deren Anstrengungen „in Gänze nachempfinden“ könne. „Oft fühlt es sich an, als wäre es unser Kampf. Aber dem ist definitiv nicht so. Vieles liegt einfach nicht mehr in unseren Händen. Was in diesen Tagen dort Bewohnern und Mitarbeitern abverlangt wird, gebührt höchste Anerkennung.“ In ihrem Heim habe sie bereits zwei Mal auf ein Notfall-Konzept zurückgreifen müssen, weil viele Mitarbeiter infiziert waren. „Wir haben von Tag zu Tag geplant und alle mit an den Betten gestanden. Das hat quasi rolliert: Die einen waren in Quarantäne und nach circa zwei Wochen wieder da, dann sind die anderen gegangen.“ Auch Ralf Selch spricht von einer schweren Last, die die AWO-Mitarbeiter in Windischeschenbach zu tragen haben, „da aufgrund von Quarantäne und Krankheit – teilweise auch nicht Covid-19-bedingt – das übliche Arbeitsaufkommen auf deutlich weniger Schultern zu verteilen ist“. Die verbliebenen Beschäftigten handelten bestmöglich.

Im Corona-Winter helfen der Neustädter Heimleiterin zufolge die Erfahrungen aus dem Frühjahr und Sommer. „Während die erste Welle mit voller Wucht über uns kam, begegnen wir dem Ganzen nun doch schon eher reflektierter. Der Kopf bleibt kühler. Step by step ...“ Handlungsabläufe seien strukturierter und gezielter, man gehe proaktiver mit der Situation um.

„Angst würde uns nur lähmen. Das können wir uns in unserem Business nicht erlauben. Vielmehr setzen wir auf Glaube und Hoffnung in geballter Form. Die Erfahrungen haben uns auch gelehrt, kurzfristig von einem Tag auf den anderen zu planen. Für die Schwierigkeiten von morgen haben wir heute sowieso noch keine Lösung. Deshalb setzen wir unsere Kraft immer nur in den heutigen Tag. Nichts desto trotz verliert Corona für uns nie seinen Schrecken.“ Der Dienst am und für den Menschen motiviere ihr Team. „Die Kraftquellen sehe ich persönlich in einem Mix aus Gottvertrauen, unermüdlichem Teamspirit und in der Tatsache, dass sich jede Krise durch ihre Endlichkeit auszeichnet. Aber auch sehr viele Angehörige, die diese Situation mit einer tiefen Dankbarkeit gemeinsam mit uns tragen, sind unglaublich wertvolle Wegbegleiter.“

Tägliche Gradwanderung

Dringend benötigt wird die geschöpfte Kraft für eine laut Schricker "Brandbreite an logistischen, emotionalen und körperlichen Herausforderungen". Die Wichtigsten:

  • Täglich neue Abwägung der Gradwanderung zwischen Bewohnerschutz und Selbstbestimmung. „Wir wissen, dass zur Gesundheit eines Menschen sehr wohl die psychische Gesundheit ebenso gehört. Ohne Kontakt ist dies nur sehr schwer möglich. Wir versuchen aber, in der jeweiligen Quarantänesituation so viel Ansprache und Zuwendung wie möglich zu erbringen“, beschreibt Selch die Situation. Stefanie Schricker spricht von einer besonderen Herausforderung im behüteten Wohnbereich in Neustadt. „Hier leben schwer demenziell veränderte Bewohner, für die Nähe und Berührung einen enorm hohen Stellenwert haben. Dies ist natürlich im Umkehrschluss regelrechter Zündstoff für das Coronavirus“, erklärt die Heimleiterin.
  • Hohe Wachsamkeit der Mitarbeiter gegenüber den Bewohnern, um frühzeitig Symptome zu erkennen
  • Zeitintensive Durchführung von Schnelltests. Schricker: „Aktuell führen wir wöchentlich Schnelltests bei Bewohnern und Mitarbeitern durch. Auch bei symptomatisch werdenden Bewohnern oder Mitarbeitern können die Tests zügig durchgeführt werden. Dies gibt zumindest ein stückweit Sicherheit.“ Auch Ralf Selch bestätigt regelmäßige Schnelltests bei Bewohnern und Mitarbeitern in Windischeschenbach.
  • Besuchermanagement als großer logistischer Aufwand
  • Neuorganisation der Abläufe in der Großküche des Neustädter Heims, aus der heraus auch die Caritas-Heime in Weiden und Erbendorf versorgt werden. „Die Mitarbeiter arbeiten in zwei völlig getrennten Teams, um im Positivfall die Verpflegung der Bewohner sicherstellen zu können.“
  • Ralf Selch nennt eine zusätzliche Herausforderung: Die steten Anpassungen an die gesetzlichen Vorgaben und Verordnungen.

Je nach Ausbruchsgeschehen kommen weitere Punkte hinzu. „Jeder positive Fall im Haus bringt ein enormes Anspannungserleben mit sich, weil man nie weiß, welches Ausmaß das Ganze annimmt“, verdeutlicht Schricker. Mitarbeiterausfälle müssten gegebenenfalls kompensiert werden, die Versorgung von mit Covid-19 infizierten Bewohnern bedürfe einer „hohen, ganzheitlichen Pflegefachlichkeit“, besorgte Angehörige bräuchten dringend Zuspruch. „Wir müssen die Angehörigen teilhaben lassen, sie mitnehmen. Ein kontinuierlicher telefonischer Austausch ist elementar wichtig.“ Auch der Windischeschenbacher Heimleiter erwähnt, wie wichtig Transparenz und Austausch sind, um Bewohnern und Angehörigen eine klare Struktur zu geben.

Diese Aufzählung sei nur ein Bruchteil der Herausforderungen, so die 40-Jährige. Nicht zuletzt gebe es die „enorme Sorge um erkrankte Bewohner und Kollegen“. Sie lobt Bewohner und Angehörige, die die Situation gut mittragen würden. Es gebe aber auch Grenzen: „Was wir sehr bedauern ist, dass wir die Testung von Angehörigen mit den eigenen Personalressourcen schlicht und einfach nicht mehr leisten können.“ Man sei aber auf der Suche nach Lösungen.

Gute Nachrichten zu Weihnachten

Angesichts der Gesamtlage fällt auch Weihnachten dieses Jahr anders aus. „Einen Besuch zu Weihnachten beabsichtigen wir zu gewährleisten“, so Ralf Selch. Allerdings hänge dies ganz klar von den Ergebnissen der Reihentestung am Dienstag ab, betont er. Heimleiterin Schricker hat gute Nachrichten: „Es besteht für unsere Bewohner sowohl die Möglichkeit, Besuch zu empfangen, als auch nach Hause abgeholt zu werden.“ Wer einen Bewohner auf seinem Zimmer besuchen möchte, müsse einen gültigen Negativtest mitbringen und eine FFP2-Maske tragen. Besuche und Abholungen seien bereits über die Weihnachtstage terminiert worden. Auch ein wenig Feierlichkeit für die Bewohner sei organisiert. „Wir haben ja auch viele genesene Bewohner im Haus.“

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"Oft fühlt es sich an, als wäre es unser Kampf. Aber dem ist definitiv nicht so. Vieles liegt einfach nicht mehr in unseren Händen. Was in diesen Tagen dort Bewohnern und Mitarbeitern abverlangt wird, gebührt höchster Anerkennung."

Stefanie Schricker, Leiterin Caritas-Alten- und Pflegeheim St. Martin, Neustadt/WN

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