12.07.2018 - 10:11 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Dekan: Abschiebung nach Kabul ist unchristlich

In einem offenen Brief hat der evangelische Dekan Wenrich Slenczka gegen die Abschiebung von 69 Afghanen von München nach Kabul protestiert. Der Weidener greift vor allem Horst Seehofer scharf an.

Dekan Wenrich Slenczka.
von Frank Werner Kontakt Profil

(epd/we/dpa) Einen der Abgeschobenen habe er persönlich gekannt, teilte der Dekan am Mittwoch mit. Der 26-jährige Afghane sei vor einem Jahr getauft worden, habe mehrere Monate an einem Glaubenskurs teilgenommen und sich schon lange vorher mit dem christlichen Glauben beschäftigt. Bis zuletzt sei der Mann jeden Sonntag in die Kirche gegangen.

Im Einzelnen kritisierte der Dekan die Umstände der Abschiebung des Mannes. "Er wurde wie ein Verbrecher behandelt und direkt aus einer psychiatrischen Klinik heraus abgeschoben", sagte Slenczka.

Auch sei dem Mann während seiner neuntägigen Abschiebehaft die Einnahme eines Medikaments verweigert worden, zu dem er ein ärztliches Attest vorgelegt hatte. Wie der Dekan berichtet, hat der junge Afghane "im Schock über die Ablehnung eines Eilantrags" sich selbst verletzt und sei in eine psychiatrische Klinik gekommen. Auch das Personal soll sich nach Angaben des Theologen gegen die Abholung des Flüchtlings durch die Polizei gewehrt haben. Einer der 69 Abgeschobenen hat sich in Kabul das Leben genommen. "Nun haben wir Angst um unseren Freund", erklärte Slenczka. Der junge Mann lebe noch, er habe sich beim Dekan gemeldet. Zum christlichen Glauben konvertiert, sei nun aber sein Leben in Afghanistan in Gefahr.

Hintergrund:

Weiden in der Oberpfalz

Acht Jahre hatte der Weidener Afghane in Deutschland gelebt, heißt es in dem offenen Brief. Er sei gut integriert gewesen und habe sich nichts zu schulden kommen lassen. Seit über vier Jahren habe er eine feste Arbeitsstelle gehabt. Selbst Behördenvertreter seien "peinlich berührt" gewesen, dass der Mann abgeschoben wurde.

Der Dekan greift auch Bundesinnenminister Horst Seehofer deutlich an. Dieser habe die Abschiebung von 69 Flüchtlingen nach Afghanistan gerühmt und dabei eine Verbindung zu seinem 69. Geburtstag hergestellt. Slenczka: "Es ist unchristlich, wenn man 69 Menschen auf eine Zahl reduziert und zum Geburtstagsgeschenk erklärt."

Nach dem Suizid des abgeschobenen afghanischen Asylbewerbers werden unterdessen Forderungen nach einem Rücktritt von Seehofer laut. "Es ist höchste Zeit, dass Seehofer geht", teilte am Mittwoch der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, Jan Korte, mit. Die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Gyde Jensen (FDP), sagte dem "Tagesspiegel", Seehofer sei aufgrund seiner zynischen Äußerungen "offensichtlich falsch im Amt".

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Donnerstag), Seehofer sei "ganz offensichtlich (...) in seinem Amt moralisch überfordert und schlicht ungeeignet, seine Aufgaben verantwortungsvoll zu erfüllen". Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Claudia Roth (Grüne), forderte, weitere Abschiebungen nach Afghanistan aufgrund der "weiterhin desaströsen Sicherheitslage" auszusetzen. Ihr SPD-Kollege Thomas Oppermann (SPD) bezeichnete Abschiebungen in der "Welt" als "ernsthafte Angelegenheit". "Damit macht man keine Späße."

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Kommentare

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Heinz Rahm

Seehofer, der "Bundesankündigungsminister" redet so viel, wenn der Tag lang ist. Der merkt auch gar nicht mehr, was er so daherredet. Morgen "redet" er dann das Gegenteil, aber das merkt er halt auch nicht mehr. Er redet und redet, aber er sagt nichts! Das muss man ihm schon zugute halten. Das Schlimme ist, dass seine Wähler das halt auch nicht merken! Ich war jahrelang Mitglied dieser "CSU", was habe ich nur getan? Beckstein, das war noch ein Mann von Format. Und Söder - naja ...! Dieser durchsichtige "Kreuz-Erlass": ein Kreuz für das "Kreuzchen" in der Wahlkabine ... mehr nicht!

13.07.2018
Heinz Rahm

An solche Leute und an gut integrierte Schulkinder traut man sich halt ran "in diesem unserem Lande"! Terroristen und Asylbetrüger haben da bei uns einen viel leichteren Stand. Da schaut mancher Rentner auch dumm hinterher, was da plötzlich für Geld da ist, das für einheimische Rentner halt nicht da ist. Allerdings sollte sich diese "evangelische" Kirche auch etwas zurückhalten. Viele, die für Barmherzigkeit plädieren, meinen offensichtlich die Barmherzigkeit anderer Leute. Und wer verschämt das Kreuz ablegt, um sich bei andern Religionen "einzuschleimen", sollte sowieso den Mund halten ...

13.07.2018
Marianne Prechtel

Der Weidener Dekan Slenczka hat recht. Auch Hr. Segewiss hat vor länger Zeit die Praxis kritisiert. Ich bin entsetzt über dieses vorgehen. Wo bleibt das C. Bin dafür, dass zukünftig die Grenzen besser geschützt sind, aber die Flüchtlinge aus Afghanistan die hier schon seit einiger Zeit leben kann man nicht zurückbringen. Der Junge Mann z.B. kam mit 15 Jahren hier her, lebt seit 8 Jahren hier ist jetzt 23 (genau so alt wie mein Sohn), ist fremd in seinen Geburtsland. Ich möchte mir nicht vorstellen dass das mein Sohn ist. Bitte unternehmen sie etwas dagegen, sie können mit solchen Artikeln Aufmerksamkeit hervorrufen. Diese Praxis ist doch entsetzlich.
Sollte man dazu nicht ein Spendenkonto einrichten?
Marianne Prechtel (geboren in Weiden)

13.07.2018