08.02.2020 - 07:59 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Wolf ist zurück im alten Revier

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Historiker Dr. Sebastian Schott hat die Geschichte des Wolfs und der Wolfsjagden im Amt Parkstein-Weiden erforscht. Das Ergebnis: Der Wolf ist genau in den Wäldern wieder aufgetaucht, in denen man ihn vor 270 Jahren ausgerottet hat.

Nur in Wildparks sind solche Bilder möglich. Der Wolf ist scheu. Hier in der Gegend haben ihn Wildkameras fotografiert, die automatisch auslösen.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Kommen sie in eine Schaaf-Härde oder Stall, so machen sie eine ziemliche Parthie todt. Können sie nichts ertappen, so holen sie die Hunde von den Ketten weg." So steht's 1754 in seinem Handbuch für Jäger. Heute wie damals gilt: Kommt der Wolf, schwingt immer ein wenig Schaudern mit.

Wie es der Zufall will: Historiker Dr. Sebastian Schott hat im November einen Bericht über "Wölfe und Wolfsjagd im Amt Parkstein-Weiden im 18. Jahrhundert" veröffentlicht. Er ist selbst Jäger, das Thema ist für ihn also aus doppelter Sicht interessant.

Plage nach 30-jährigem Krieg

Bis zur Ausrottung um 1750 lebten Wölfe in den Wäldern um Mantel.

Weiden nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die einst wohlhabende Oberpfalz leidet an Armut, massivem Bevölkerungsrückgang, Verödung und Verwüstung. Der Wolf entwickelt sich zur Plage. Vier Jahre nach Kriegsende klagt Bauer Hans Ott aus Tröglersricht vor dem Rat in Weiden, dass "ihm unlängst die Wölff an die 50 Schaff umgebracht" hätten. Er bittet um Steuernachlass.

1677 fallen der Wolfsplage an der böhmischen Grenze mehrere Kinder im Alter von vier bis 15 Jahren zum Opfer. Eine Prämie für erlegte Tiere wird ausgelobt. Die Regierung in Amberg befiehlt in diesem Winter Wolfsjagden, die aber nur geringen Erfolg zeigen.

Was wird nicht alles unternommen, um "Isegrimm" den Garaus zu machen! Die Landbevölkerung hebt Wolfsgruben aus, nachgewiesen 1564 in Gösen bei Floß. Um einen Wolf zu fangen, muss die Grube etwa vier Meter lang, drei Meter breit und drei Meter tief sein. Sie wird mit Reisig abgedeckt und ein Köder angebracht.

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts geht es dem Wolf mit "Feuergewehren" an den pelzigen Kragen: Die Obrigkeit spricht vom "Ausrottungskrieg". Es werden Streif-, Treib- und Hetzjagden veranstaltet, was den Bestand schnell dezimiert. Schott beschreibt eine gewaltige Treibjagd auf Wölfe im Februar 1734 bei Kaltenbrunn. Als zwei Wölfe gesehen werden, setzt der Weidener Forstmeister Philipp Balthasar von Albert eine Jagd an, an der 400 Männer als Jäger und Treiber teilnahmen. Sie haben keinen Erfolg. Tauwetter bereitet der Verfolgung ein vorzeitiges Ende.

Der Regierung in Sulzbach ist nicht überzeugt von den Bemühungen vor Ort. In den "Weydauischen Waldungen" vermehren sich die Wölfe. Gleichzeitig lässt die Bereitschaft der Bevölkerung an der Mitwirkung zu wünschen übrig. Von nun an wird mit einer Geldstrafe belegt, wer sein totes Vieh nicht an den Köderplatz bringt.

Hütehunde beißen selbst zu

In der ersten Hälfte des 18-Jahrhundert schwankt die Zahl der Wölfe im Amt Parkstein-Weiden - bedingt durch die Erfolge der winterlichen Jagden - zwischen vier und elf Tieren. Es handelt sich laut Schott wohl um ein Rudel, bestehend aus einem Pärchen mit Jungtieren und bisweilen zugewanderten Wölfen. Von Angriffen auf Menschen ist nicht mehr die Rede. Aber die Schäfer berichten von Schäden. Sie setzen Herdenschutzhunde ein, was sich nicht bewährt. Schafhunde in Kohlberg und Etzenricht machen sich 1741 über Wildfrischlinge und Hirschkälber her.

Hauptärgernis für die Regierung in Sulzbach und den Weidener Forstmeister ist eher der Schaden an jagdbarem Wild. 1734 wird von fünf Wölfen berichtet, die im Bereich Kohlberg, Kaltenbrunn und Mantel drei Wildtiere reißen. In Parkstein wird ein Acht-Ender-Hirsch von vier Wölfen "bis auf etwas weniges zusammengefressen".

Der Forstmeister ärgert sich, dass dies die Untertanen offenbar ganz gern sehen. "Die Wölfe des Amtes Parkstein-Weiden waren die einzigen Verbündeten der Bauern in dem Bestreben, die Wildbestände zu regulieren", meint Schott. Eine legale Reduktion war für Bauern in der Feudalzeit nicht möglich. Die Jagd war bis weit ins 19. Jahrhundert ein Privileg der Landesherrn und Stände. Und gerade die beim jagenden Adel geschätzten Wildarten, das Rot- und Schwarzwild, zählen zu den Hauptverursachern von Wildschäden in Land- und Forstwirtschaft.

Der "Ausrottungskrieg" gegen die Wölfe zieht sich über Jahrzehnte. 1745 ergeht an den Forstmeister zu Weiden der Befehl, mit den Jägern zu beratschlagen, wie "diese Ausrottung am füglichsten veranstaltet werden möge". Für Januar 1746 wird eine Wolfsjagd von zwei Tagen anberaumt, wobei die Bauern des Amtes Parkstein-Weiden (unentgeltlich) als Treiber eingesetzt werden sollen. Das Tagegeld für die Jäger kostet ein Sümmchen. Weil aber der Winter schneearm ist, bleibt die Jagd erfolglos. Der nötige Schnee für die Spurensuche fehlt.

1748 greift die Regierung in Sulzbach zu unorthodoxen Mitteln: Sie erlaubt allen Schäfern im Amt Parkstein-Weiden, vier Wochen lang Schusswaffen zu tragen. Pro Wolf wird ein Kopfgeld von zehn Reichstalern in Aussicht gestellt. Nach und nach sind die Bemühungen von Erfolg gekrönt. Die Schusserlaubnis wird verlängert. Bis März werden Jagderfolge in der Weiding, im Parksteiner Wald oberhalb des Moosweihers, im Manteler Forst im Hohlbuch, in Kaltenbrunn gemeldet. Bilanz: "Mithin (konnten) die in hiesigen churfürstlichen Waldthungen sich befundthenen 9 Wölfe bis auf 2 Stück (...) ausgerottet werden." Die Population steigt noch einmal kurz an, aber schon 1752 ist von nur noch einem Exemplar die Rede.

"Die Zeit der Wölfe, aber auch der großen und teuren Wolfsjagden hatte in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihr Ende gefunden", so Historiker Schott. Zwar verirren sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder einzelne Wölfe in die Oberpfalz, aber sie erreichen nie mehr die Stärke eines Rudels. 1882 wird bei einer Treibjagd des Forstamtes Kulmain im Revier Frankenreuth der letzte Wolf der Oberpfalz geschossen.

Schott hat aus seinen Recherchearbeiten ein interessantes Fazit gezogen. Zwar gibt es einerseits -nicht wenige - Berichte über Angriffe von Wölfen auf Haus- und Nutztiere, gerade in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg. Dennoch zeige sich, dass in der frühen Neuzeit die bäuerliche Bevölkerung durchaus in der Lage war, sich mit einer begrenzten Zahl an Wölfen zu arrangieren, ja sogar, dass diese großen Beutegreifer einen wichtigen Beitrag leisteten, um Wald, Landwirtschaft und Wild im Gleichgewicht zu halten. Schott: "Dies mag für die Befürworter einer Wiederansiedlung von Wölfen in unserem Gebiet als Ermutigung aufgefasst werden, sollte jedoch auch als Mahnung verstanden werden, hierbei mit Umsicht und Mäßigung vorzugehen."___"Wölfe und Wolfsjagd im Amt Parkstein-Weiden im 18. Jahrhundert" von Dr. Sebastian Schott, 64. Band der Reihe "Oberpfälzer Heimat", zu beziehen über den Heimatkundlichen Arbeitskreis, Schulgasse 3a in Weiden.

Die Zeit der Wölfe und der großen Wolfsjagden hatte Mitte des 18. Jahrhunderts ihr Ende gefunden.

Sebastian Schott

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