Frauenpower im Rettungswagen

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Seit Oktober 2019 gibt es den Rettungswagen-Standort in Wernersreuth. Das Besondere ist die unübliche Personalbesetzung: Statt einer Quotenfrau gibt es unter den fünf Sanitätern einen Quotenmann.

Nicht nur im Sanitätsbereich des Rettungswagens sind Anna Pollingerl, Alexandra Beck, Luise Kerschbaum und Katharina Storm (von rechts) Fachfrauen durch und durch. Sie fahren das Fahrzeug auch selbst.
von Ulla Britta BaumerProfil

Am Rettungswagen-Standort in Wernersreuth gibt es eine noch nicht alltäglich personelle Konstellation: Denn neben Dominik Bayer sind vier Frauen im Einsatz. Sie fahren das Sanitätsfahrzeug und sind im Zweierteam bei Unfällen, Unglücksfällen und Rettungsaktionen aller Art vor Ort, häufig ohne männliche Verstärkung.

„Das war reiner Zufall“, beteuert Rettungsdienstleiter Frank Zirngibl lachend auf die Frage, ob die hohe Frauenquote beim Personal in Wernersreuth Absicht gewesen sei. Ausschlaggebend seien nur die Bewerbungsgespräche und die Qualifikationen gewesen. "Dass es gleich vier Frauen und ein Mann geworden sind, ist mir erst hinterher bewusst aufgefallen."

Notbehelf in Ferienwohnung

Frank Zirngibl hat 2019 die Personaleinstellungen für Wernersreuth vorgenommen, wo die Johanniter ihre erste Rettungswagen-Standort in der Nordoberpfalz eröffnet haben. Es freut ihn, dass die eher ungewöhnliche Zusammensetzung bestens funktioniert. Alle fünf Mitarbeitern gefällt es sehr gut in Wernersreuth, was neue Maßnahmen nur bestätigt.

Noch in diesen Tagen machen die Johanniter Nägel mit Köpfen. Am Freitag, 24. Juli, ist Spatenstich für den Neubau der Rettungswache gegenüber der Kirche. Im nächsten Jahr soll, wenn alles gut geht mit den Bauarbeiten, eingezogen werden. Damit sind die Tage im Notbehelf gezählt, denn vorerst sind die Johanniter in einer Ferienwohnung stationiert.

Nach zehn Monaten kann das junge Team mit Durchschnittsalter von gerademal 25 Jahren auf einen erlebnis- und erfolgreichen Start zurückblicken. Dominik Bayer aus Thierstein ist nicht nur der Hahn im Korb. Mit seinen 22 Jahren ist er auch das „Nesthäkchen“, gibt er schmunzelnd preis. Der Rettungssanitäter genießt seine Rolle als einziger Mann und vermisst kein bisschen männlichen Beistand.

Seit Oktober 2019 ist der Rettungswagen-Standort in Wernersreuth in Betrieb:

Wernersreuth bei Bad Neualbenreuth

Ebenfalls Rettungssanitäterin ist die 23-jährige Anna Pollinger aus Waldsassen. Katharina Storm, 24 Jahre und aus Waldsassen ist Notfallsanitäterin wie Luise Kerschbaum und Alexandra Beck. Lange Anfahrwege zu ihrem Arbeitsplatz nehmen die 23-jährige Luise Kerschbaum und die 35-jährige Alexandra Beck in Kauf für ihren Wirkungsort. Ihre Wohnorte sind in Weißenstadt und Neunburg vorm Wald. Da kommt der Schichtdienst gerade recht, den sich die fünf Kollegen im Dienstplan teilen. Immerhin gilt es von Wernersreuth aus im Durchschnitt drei Einsätze täglich zu stemmen.

Am häufigsten würden sie zu Herzattacken und Schlaganfällen gerufen, erzählt Anna Pollinger. Aber das sei bundesweit überall das Gleiche und nicht außergewöhnlich in Wernersreuth. An Beispielen beschreiben die Johanniter ihre Aufgaben: Einer 70-jährigen Frau habe man kürzlich das Leben retten können, erzählen die Frauen. Mitten im Wald bei Altmugl sei sie beim Spaziergang zusammengebrochen.

"Höhere Gesprächsbereitschaft"

"Die Vergabe der Einsätze richte sich nach der Größe des Unglücks und wird über die Integrierte Leitstelle in Weiden vergeben", erklärt Zirngibl. Damit kann es gar nicht vorkommen, dass nur zwei Personen zu einem großen Unfall gerufen werden. Zirngibl stellt die hervorragend Zusammenarbeit mit den Kollegen der BRK-Rettungswachen heraus. Was nicht heißt, dass die Frauen verschont werden. Sie müssen raus, wie alle anderen Sanitäter auch.

Erst vor kurzem seien sie zu einem spektakulären Unfall auf der Autobahn gerufen worden, berichtet Dominik Bayer. Ein Lastwagen kippte quer über die Autobahn um und ein Pkw raste hinein. "Aber beide Unfallbeteiligte hatten einen guten Schutzengel, es gab nur leichte Verletzungen", berichtet Katharina Storm.

„Wir sind mit dem Herzen dabei. Sonst würden wir diesen Beruf nicht machen. Unser Grundsatz ist, immer professionell zu bleiben. Das ist notwendig, so sehr auch mancher Unfall ans Gemüt geht“, antwortet Luise Kerschbaum auf die Frage, wie die sensible weibliche Psyche schreckliche Ereignisse aushält. Was Frauen von Männern unterscheide, meint sie weiter, sei die wohl höhere Gesprächsbereitschaft, um einen Einsatz emotionell aufarbeiten zu können. „Wir Frauen haben viel Gespür dafür, wenn es einer Kollegin schlecht geht.“

Überraschend hatten die Johanniter den Zuschlag für den Rettungswagen-Standort bekommen.

Wernersreuth bei Bad Neualbenreuth

Franz Zirngibl sieht in der Frauenpower viele Vorteile. Weibliche Anwesenheit wirke oftmals Wunder, Unglücksteilnehmer reagierten in Frauenhänden anders als rein unter Männern. Was die Gleichberechtigung angeht, kann der Wernersreuther Standort also durchaus Vorbildfunktion einnehmen. Nach wie vor bleiben aber manche geschlechtsspezifische Aufgaben rein klassisch getrennt. Zwar können die vier Frauen durchaus den Ölstand ihres Rettungswagens prüfen und sind erfahren genug, Mängel am Fahrzeug zu deuten. Geht’s aber um die Behebung eines Fahrzeugfehlers, ist Dominik Bayer der gefragte Mann. Als Fahrzeugbeauftragter opfert er sogar seine Freizeit und fährt extra von Thierstein nach Wernersreuth, um den Rettungswagen für die Kolleginnen wieder flott zu kriegen.

Hintergrund:

Spatenstich für Rettungswache

Der Spatenstich für den Neubau der Rettungswache der Johanniter in Wernersreuth ist am Freitag, 24. Juli, um 15 Uhr in Wernersreuth in der Nähe der Kirche. Neben Bürgermeister Klaus Meyer, Landrat Roland Grillmeier und ILS-Leiter Jürgen Meyer werden auch der Regionalvorstand der Johanniter in Ostbayern sowie der Leiter des Rettungsdienstes der Johanniter Ostbayern, Frank Zirngibl, vor Ort sein.

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