30.04.2020 - 10:51 Uhr
WiesauOberpfalz

Den Bahnhof Wiesau zum Erlebnis machen

Flanieren, genießen, reisen – und noch einiges mehr. Das Konzept für den Kulturbahnhof Wiesau im Landkreis Tirschenreuth ist vielversprechend. Die ersten Arbeiten sollen schon bald starten.

Das imposante Bahnhofsgebäude bleibt stehen. Doch im Inneren stehen umfangreiche Bauarbeiten an, die einen multifunktionalen Kulturbahnhof zum Ziel haben.
von Harald Dietz Kontakt Profil

Bereits vor einigen Jahren hat die Gemeinde Wiesau den leerstehenden Bahnhof gekauft. Inzwischen sind die Ideen für den Kulturbahnhof gereift. Dabei nutzte Wiesau auch einen Architektenwettbewerb. Für den Bahnhof hatten 19 Architekten aus ganz Deutschland ihre Revitalisierungspläne eingesandt. Gewonnen hat den Wettbewerb das Weidener Büro SHL Architekten und Stadtplaner. Bürgermeister Toni Dutz ist von den Gestaltungsideen der Fachleute begeistert.

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien schwärmt Dutz vom erarbeiteten Konzept und berichtet, was alles geplant ist. Er nennt Gaststätte, Biergarten sowie Bäckerei mit angeschlossenem Café, Straßenverkauf. Eine Selbstverständlichkeit seien barrierefrei erreichbare öffentliche Toiletten. Natürlich gebe es eine Wartehalle für Reisende und Flächen für museale Zwecke.

Kunst und Kultur

Im ersten Stock entstehe eine Zahnarztpraxis. Viel Platz erhielten Kunst und Kultur. Immerhin will man dem Anspruch Kulturbahnhof gerecht werden. Wichtige Treffpunkte seien einmal die Gemeindebücherei und der Lesesaal. Vorgesehen sei auch ein Jugendtreff, wobei hier noch Details zu klären seien, so Toni Dutz. Das geschehe auch in Absprache mit dem Jugendbeauftragten Oliver Sturm.

Den Bürgermeister freut, dass es unter anderem für Gaststätte und Biergarten sowie die Bäckerei konkrete Interessenten gibt. "In Absprache mit ihnen erfolgt die Detailplanung."

Das Gebäude werde erhalten. Auf die Frage nach Rückbau-Maßnahmen verweist Toni Dutz auf geringfügige Veränderungen im Bereich des linken Seitenflügels, wo der frühere Zustand wieder hergestellt werde. Architekt Dr. Emil Lehner spricht von einer spannenden Aufgabe mit Blick auf die historische Substanz. Wichtig ist ihm: "Hier ziehen alle an einem Strang."

Der Kulturbahnhof bietet im Erdgeschoss 650 Quadratmeter, 565 im ersten Stock, 210 im zweiten Obergeschoss und schließlich 215 Quadratmeter unterm Dach, informiert auf Anfrage Thomas Weiß, geschäftsleitender Beamter im Rathaus Wiesau. Viel Platz zur Umgestaltung biete natürlich der Umgriff ums Bahnhofsgebäude, wo unter anderem Grünanlagen und ein Park & Ride-Parkplatz entstehen.

Das Konzept mit Wirtshaus, Museum, Arztpraxis und Bücherei begeistert Bürgermeister Toni Dutz.

Historische Waggons

"Und ein Hingucker", ergänzt Bürgermeister Dutz. "Wir bemühen uns, historische Zugwaggons zu bekommen." Sie sollen an die Ankunft und Verpflegung von Vertriebenen in Wiesau erinnern. Bekanntlich entstand in Wiesau nach dem Zweiten Weltkrieg ein Grenzdurchgangslager, das erste Station für Hunderttausende Flüchtlinge war.

Eine Attraktion besonders für Kinder und Familien werde eine Schmalspurbahn, auf der man auch fahren könne, so Dutz. Original erhaltene Teile sollen auf den Basalt- und Kaolinabbau in Wiesau verweisen. Und vielleicht wird auch eine alte Lok aufgestellt, die die Geschichte des Eisenbahn-Knotenpunkts Wiesau in Erinnerung ruft.

"Das wird ein Stadtpark - mit großen Bäumen und Spielbereichen", beschreibt Emil Lehner die gemeinsam mit Architekt Uwe Reil und Stadtplanerin und Landschaftsarchitektin Christina Lehner ausgearbeitete Konzeption. "Da kann man spazieren gehen und flanieren." Das Thema laute: Den Bahnhof neu erleben. Ziel sei eine Erlebniswelt Bahnhof. Und da kann sich Emil Lehner vorstellen, dass man Jugendräume in einem der historischen Waggons im Außenbereich einrichtet. "Das ist ein Treff, den es sonst nirgends gibt."

Ziel ist eine vielfältige Nutzung. "Wir planen in erster Linie für die Wiesauer Bürger", sagt Architekt Dr. Emil Lehner.

Zurück zum Bahnhofsgebäude: Die Außenwände bleiben stehen, versichert Emil Lehner. Was gut erhalten sei, bleibe. Natürlich habe die Gebäudesubstanz durch eindringende Feuchtigkeit und Vandalismus während der langen Zeit des Leerstands gelitten, räumt Bürgermeister Toni Dutz ein. "Aktuell laufen durch Fachingenieurbüros Untersuchungen diesbezüglich, um das weitere Vorgehen abzustimmen." Thomas Weiß hat nachgeschlagen: Das Ursprungsgebäude wurde zwischen 1882 und 1890 erbaut.

Die Restaurierung des Bahnhofsgebäudes und des umgebenden Areals nennt Bürgermeister Dutz einen Meilenstein in der Wiesauer Geschichte. "Wir verbinden Tradition mit moderner, nach vorne gerichteter Nutzung. Wir schaffen einen Glanz- und Fixpunkt, der den Ort Wiesau deutlich aufwertet." Emil Lehner hebt in dem Zusammenhang hervor: "Der Bahnhof ist eines der wichtigsten Profangebäude im Markt Wiesau."

So könnte der Lesesaal im Dachgeschoss des Kulturbahnhofs aussehen.

Für alle Altersgruppen

Es gelte, den Kulturbahnhof einer vielfältigen Nutzung zuzuführen. Ziel sei eine Angebotsmischung. Dazu zähle neben der Zahnarztpraxis und Erlebnisgastwirtschaft mit Sudkessel die Bücherei, wo Lesungen und Theateraufführungen stattfinden könnten. Wichtig sei, dass alle Altersgruppen angesprochen würden, so Emil Lehner. Ein Aufzug schaffe Barrierefreiheit. Der Kulturbahnhof habe Bedeutung für den Fremdenverkehr. Lehner hebt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien aber hervor: "Wir planen in erster Linie für die Wiesauer Bürger."

Das historische Bild ist etwa 120 Jahre alt. Man sieht, dass sich der Wiesauer Bahnhof seitdem kaum verändert hat. Erbaut wurde er laut Chronik im Jahr 1882.

Ein anspruchsvolles Vorhaben, das die Gemeinde Wiesau gehörig fordert. Toni Dutz: "Derzeit rechnen wir mit Kosten von rund 8,2 Millionen Euro, die sich auf die Haushaltsjahre 2020 bis 2023 verteilen." Über die Städtebauförderung gebe es eine Quote von 90 Prozent der förderfähigen Kosten. Zuschüsse sollen auch aus ÖPNV-Mitteln (Park & Ride-Anlage) vom Bezirk und vom Landkreis Tirschenreuth fließen. "Vom Kreis erwarten wir wegen der überörtlichen Bedeutung des Bahnhofs Wiesau eine hohe Förderung." Auf die Frage, ob durch die Coronakrise auch Ausfälle von Fördermitteln zu erwarten seien, antwortet der Bürgermeister: "Das ist derzeit noch nicht absehbar. Der Förderbescheid der Städtebauförderung über die ersten 3,8 Millionen Euro ist bereits eingegangen." Wenn Geld fließe, sei das auch Zeichen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, so Dutz.

Der Zeitplan zur Revitalisierung:

Noch in diesem Jahr laufen Detailplanungen, Untersuchungen und Substanzanalysen. Heuer und nächstes Jahr sind erste Rohbaumaßnahmen im Wiesauer Bahnhofsgebäude vorgesehen. 2022: Weiterer Ausbau, Einrichtung, Freianlagen. 2023: Fertigstellung des Freigeländes. (hd)

Barrierefreiheit und Lärmschutz:

Der Umbau zum Kulturbahnhof bringt Barrierefreiheit im Gebäude mit sich. "Der Bahnsteig und das Bahngelände selber unterliegen der Deutschen Bahn. Hier soll ein entsprechender Umbau zusammen mit der Elektrifizierung der Bahnstrecke erfolgen", informiert Bürgermeister Toni Dutz auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. "Seitens der Gemeinde wird der Druck aufrechterhalten und auf die Dringlichkeit immer wieder hingewiesen. Auch auf mögliche Vorteile, eventuell Arbeiten bündeln zu können", so der Bürgermeister.

Übrigens: Aktuell nutzen wochentags 150 bis 200 Reisende täglich den Bahnhof Wiesau, am Wochenende sind es 350 bis 500 Personen. (hd)

Zum Ergebnis des Architektenwettbewerbs:

Wiesau
8,2 Millionen Euro kostet die Revitalisierung des Wiesauer Bahnhofs.
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