24.03.2021 - 10:57 Uhr
WiesauOberpfalz

Jakob Sußner schreibt mit seiner Festhalle Wiesauer Gastronomie-Geschichte

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Nahe der Fichtenschachter Ampelkreuzung sticht eine unbebaute Grünfläche ins Auge. Auf dem Areal stand lange Zeit die ehemalige „Sußnerhalle“. Den Namen bekam sie von einem Gewerberat, um den sich viele Geschichten ranken: Jakob Sußner

Das Foto zeigt die verlassene "Sußnerhalle", wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg aussah.
von Werner RoblProfil

Die Ära der schillernden Persönlichkeit Jakob Sußner beginnt 1917 mit der Verpachtung der Wiesauer Bahnhofswirtschaft. Sußner stammt aus Parsberg in der Oberpfalz. Im 28. Band der Schriftenreihe „Wir am Steinwald", herausgegeben von der „Gesellschaft Steinwaldia" Pullenreuth, unterstreicht der Wiesauer Heimatforscher Adalbert Busl: „Die Bahnhofsgaststätte war nicht zu vergleichen mit den anderen Wirtshäusern im Ort.“ Weiter schreibt der Autor, der auch die Wiesauer Chronik verfasste: Angelehnt an die Reichsbahnwaggons, gab es „eine strikte Unterteilung in I. II. und III. Klasse.“

Schießanlage im Visier der Reichsbahn

Sußner, dessen Bemühung um die Bahnhofsgastronomie von Erfolg gekrönt ist, kümmert sich aber nicht nur um den Wirtschaftsbetrieb im Bahnhof beziehungsweise auf den Bahnsteigen des Eisenbahnknotenpunktes. Vermehrt tritt der rührige Geschäftsmann auch in der Öffentlichkeit auf. In vielen Vereinen oder Gremien übernimmt Sußner die Aufgaben eines Vorsitzenden. Zudem – so erzählt Adalbert Busl – vertraut man Sußner den Vorsitz des Komitees zur Errichtung eines Kriegerdenkmals in Wiesau an. Die Niederlegung dieses Amtes – wenige Monate später – war laut Busl einem handfesten Streit geschuldet. Sußner wird von Alois Mayer, Inhaber des Stefflwirtshauses, öffentlich beleidigt. Die Demütigung trifft Sußner tief ins Mark.

Fichtenschacht – seit 1965 ein Ortsteil der Marktgemeinde Wiesau – gehörte ursprünglich zu Schönhaid. Unweit der Gemeindegrenze, an der heutigen Ampelkreuzung, befindet sich zu dieser Zeit das ehemalige Sägewerk der Firma Doppelhammer. Jakob Sußner, der sich seit 1928 Gewerberat nennen darf, erwirbt Ende der 1920er Jahre die aktuell aber ungenutzte Fläche samt Immobilie. Die Idee „Festhalle“, die auch Sußners Ehefrau Mathilde mitträgt, nimmt konkrete Formen an.

Das bereits bestehende, aber nicht genutzte Sägewerksgebäude erweitert der Gastronom um zwei Anbauten, einen Küchentrakt und eine Toilettenanlage. Sußner besorgt sich eine Schankkonzession, die aber nur für den Sommerbetrieb gilt. Der Gastwirt strebt aber nach mehr.

Drei Jahre später – nachdem die Halle ausgebaut und winterfest ist – bemüht sich Sußner um eine Vollkonzession. Ab sofort ist die Gaststätte das ganze Jahr über geöffnet. Zu Sußners Ideenschmiede zählt auch der Bau eines Zimmerstutzen-Schießstandes. Um den Plan in die Tat umzusetzen, erwirbt der Gastronom ein benachbartes Grundstück. Die Festhalle wird zum Gründungsort des „Stiftland-Grenzgaus 111“, der künftig die Schützen in der Region unter einem Dach vereinigt. Bereitwillig übernimmt Jakl Sußner die Doppelfunktion des neuen Gau-Kassiers und Schriftführers.

Ein herber Rückschlag trifft ihn aber unvorbereitet: 1930 gerät die Schießanlage ins Visier der Reichsbahn. Der laufende Sportbetrieb ist den Verantwortlichen ein Dorn im Auge. Auf Sußners Schreibtisch flattert ein Einspruch mit der Aufforderung, die Anlage stillzulegen. Bei der Planung des Schießstandes wurde nämlich ein nicht unwichtiges Detail übersehen: Im unmittelbaren Zielfeld der Gewehrkugeln liegt die eingleisige Bahnlinie Wiesau-Tirschenreuth.

Juli-Volksfeste als Publikumsmagnet

Sußner lässt sich davon aber nicht entmutigen und konzentriert sich fortan auf den Gaststätten- und Veranstaltungsbetrieb in seiner Festhalle. Und das mit großem Erfolg: Zu erwähnen ist – nur als Beispiel von vielen - die Fahnenweihe der Wirtevereinigung Tirschenreuth. Vorsitzender wird Jakob Sußner. In seiner Halle ist 1932 die Hauptversammlung des Oberpfälzer Waldvereins. Zum neuen Vorsitzenden wird Jakl Sußner bestimmt. Er übernimmt im Dezember 1922 auch den stellvertretenden Vorsitz im neu gegründeten Turnerbund Jahn Wiesau. Bei den Neuwahlen zwei Jahre später wird er zum Ersten Vorsitzenden des TB Jahn ernannt. Ein Jahr später – so berichtet die TB-Jahn-Vereinschronik - weist das Kassenbuch des Turnvereins ein von Jakl Sußner mit erwirtschaftetes Barvermögen von 17.175.000.000.000 Mark aus (17 Billionen, 175 Milliarden). Einen großen Wert hatte das vermeintlich viele Geld in der Inflationszeit aber nicht.

Zu einer Erfolgsgeschichte und Wiesauer Legende werden die zehn Tage dauernden Juli-Volksfeste in den Jahren 1928 bis 1939. Sußners ursprünglicher Plan, darin auch einen Viehmarkt einzubinden, um noch mehr Besucher anzulocken, verwirft der von den Auflagen frustrierte Gastwirt jedoch rasch. Die Volksfeste sind in aller Munde und locken Leute von nah und fern nach Wiesau.

Wie in München

Adalbert Busl erinnert (sowohl in der Chronik als auch in der Schriftenreihe „Wir am Steinwald“) daran: „Innerhalb weniger Minuten treffen am Wiesauer Bahnhof die vier Züge aus Marktredwitz, Weiden, Tirschenreuth und Waldsassen ein.“ Als Willkommensgruß lässt Sußner am Bahnsteig die Blasmusik aufspielen. Danach formiert sich ein Festzug. Unter Musikbegleitung geht es zum Festplatz. Ein Zeitgenosse schreibt: „Ich wartete schon sehnsüchtig, bis der Zug aus Waldsassen mit der Blaskapelle ankam.“ Der Trommler – so der Augenzeuge - hatte ein Holzbein. „Ich lief auf ihn zu und fragte: ,Herr Zagler, darf ich die Trommel tragen?'“ Und so marschierte der kleine Knirps im Festzug mit und kam umsonst aufs Volksfest.

„Mein (…) Volksfest (…) war eine Belebung für die ganze nördliche Oberpfalz und weit darüber hinaus.“

Jakob Sußner

Die Veranstaltungen ähneln den Münchener Oktoberfesten. An der Fest- und Sporthalle geht es zu wie auf der Theresienwiese in der Landeshauptstadt. Sußner bestellt geschlachtete Ochsen und lässt sie vor den Augen der Besucher am Spieß braten. Das Schankpersonal holt er sich aus Oberbayern. Für Verärgerung sorgen die Schankleute, die die Masskrüge, sehr zum Unwillen der Burschen, nicht ganz bis zum Eichstrich füllen. Regelmäßig werden die Krüge mit der Aufforderung „ganz auffüllen!“ zurückgeschickt. Entlang der Sußner'schen Halle wird eine Budenstraße aufgebaut. Schausteller bieten ihre Fahrgeschäfte an. Das Teufelsrad wird zu einer Attraktion. Im Inneren der Festhalle, wo zünftig gefeiert, gegessen und getrunken wird, dirigiert Jakl Sußner mit dem Taktstock in der Hand die aufspielende Blaskapelle. Aufgelockert werden die Abende von den Auftritten der von Sußner engagierten Jodler und Akrobaten. In der Weinschänke, die er im Keller einrichten lässt, spielt die Schrammelmusik. Sie erinnert an die Heurigen-Lokale im Wiener Stadtteil Grinzing.

Extra Tag für Kinder

Während der Volksfeste reserviert der Veranstalter einen besonderen Tag nur für die Kinder. Von der Schule aus ziehen sie in einem Festzug hinunter nach Fichtenschacht. Der Gastgeber beschenkt die kleinen Gäste mit Freikarten. Zudem überrascht er die Mädchen und Buben mit je einer kostenlosen Knackwurst-Semmel.

Der Name Jakl Sußner und seine „Sußnerhalle“ werden zum Inbegriff der Gastlichkeit, Fröhlichkeit und Geselligkeit. In den Folgejahren wird der Veranstaltungsort zu einem Besuchermagnet. Nicht zu Unrecht vermerkt der Gastronom in seinen Aufzeichnungen: „Mein (…) Volksfest (…) war eine Belebung für die ganze nördliche Oberpfalz und weit darüber hinaus.“ Sußner behauptet sogar, dass solch eine Festhalle im ganzen Regierungsbezirk nirgends – außer vielleicht die Regensburger Jahnhalle - zu finden sei. 1939 findet das Volksfest zum letzten Mal statt. 1940 wird die Sußnerhalle von den NS-Behörden beschlagnahmt.

Auch der Wiesauer Friedhof hat eine interessante Historie

Wiesau
Info:

Weitere Nutzungen

Adalbert Busl schreibt in "Wir am Steinwald" in Band 28 und der Chronik Wiesau über die weitere Nutzung der Halle:

  • Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wird der 1. Mai als Tag der Arbeit proklamiert. Sußner schlägt vor, seine Halle („in der einige tausend Menschen untergebracht werden können“, so der Gastronom) auch für die geplanten Veranstaltungen, aber auch für künftige Parteitreffen der Nationalsozialisten zu nutzen. Sußners Vorschlag wird von den Parteileuten angenommen, aber auch von vielen Wiesauern kritisiert. Unter anderem berichtet Heimatforscher Adalbert Busl: „1933 übertragen zwei große Lautsprecher Josef Göbbels Lustgartenkundgebung aus Berlin.“
  • Während des Krieges dient die beschlagnahmte Sußnerhalle als Ostarbeiterlager der Bahnmeisterei Wiesau. Zwischen 70 und 80 Personen, die beim Rangieren oder Verladen auf dem Bahnhof unfreiwillig arbeiten müssen, werden dort einquartiert. Die Gebäude beziehungsweise die Zwangsarbeiter werden von drei bewaffneten Männern bewacht.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg hält die Porzellanmanufaktur Wenzel und Ernst Mayer dort Einzug. 1948 wird die Produktionsstätte aufgegeben und an eine andere Stelle verlagert.
  • Für die ehemalige Festhalle findet sich danach keine Nutzung mehr. Die leere Sußnerhalle verfällt. Anfang der 1970er Jahre wird das Anwesen, das einmal Wiesauer Geschichte schrieb, schließlich abgebrochen.

Die Sußnerhalle in der Presse: Über die Jahreshauptversammlung des Oberpfälzer Waldvereins am 2. Oktober 1932 schreibt eine Zeitung: „Der Besuch der Veranstaltung war so stark, dass die 2000 Personen fassende Festhalle dicht besetzt war. Unter Salutschüssen zogen die Vereine und die Schuljugend vom Kirchplatz aus mit wehenden Fahnen zur Halle, an der Spitze die Stiftländische Musikkapelle in ihrer malerischen alten Tracht (…) wobei auch das Oberpfälzer Heimatlied von Konstantin Prammer gesungen wurde.“

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