06.06.2021 - 09:23 Uhr
WiesauOberpfalz

Lokomotiven und Waggons aus Wiesau

Bis 1994 wurden in Wiesau Lokomotiven und andere Schienenfahrzeuge gebaut. Riesige Hallen und Gleisanschlüsse brauchte der Unternehmer Ulrich Schnabel dafür nicht. Gefragt waren Fachwissen, Ideen und viel Fingerspitzengefühl.

Das allererste Modell war ein offener Güterwagen mit der Bezeichnung "Om Breslau II247I". Fertiggestellt wurde es am 15. September 1947. Das in Schönhaid gebaute Original steht in der Vitrine von Dietmar Schnabel in Wilhelmshaven.
von Werner RoblProfil

Das in Wiesau einmal ansässige (heute aber nicht mehr existierende) Lokomotivbau-Unternehmen ist in Fachkreisen ein Begriff. Viele der Erzeugnisse, die zwischen 1948 und 1994 am Zeichentisch konstruiert und an den Werkbänken gebaut wurden, rollen auch heute noch - verteilt über den Globus - über die Eisenbahnschienen. Die Maschinen und Waggons waren aber im Vergleich zu ihren großen Vorbildern deutlich handlicher und bei weitem nicht so kostspielig. Trotzdem musste man sich auch diese Investition für das maßstabsgetreue Werk leisten können. Denn: Die von den Kunden bestellten Produkte waren filigrane Einzelstücke und von Hand gefertigt. Sie hatten ihren Preis und wurden entsprechend wertvoll.

Die Rede ist von Ingenieur Ulrich Schnabel, seiner Ideenschmiede und nicht zuletzt von den weltweit vertriebenen Schienenfahrzeugen in maßstabsgetreuer Ausführung. Die Geschichte „Modellbau Schnabel“ beginnt aber nicht im Stiftland. Ihren Anfang nimmt sie im schlesischen Breslau, wo der spätere Firmengründer Ulrich Schnabel am 18. Mai 1914 zur Welt kommt.

Der in Reutlingen lebende Autor Thomas Braun berichtet in der 2010 verfassten und Oberpfalz-Medien überlassenen Firmenchronik: „Ulrich Schnabel wurde hineingeboren in die spannungsgeladene Atmosphäre jenes letzten halben Friedensjahres vor Ausbruch der Katastrophe, den die Zeitgenossen den Weltkrieg nennen sollten." Dass man die Weltkriege, so der Chronist, einmal fortlaufend nummerieren würde, ahnte zu jener Zeit niemand.

Modelle für Museen

Ulrich Schnabels Vater war von Beruf Architekt. Den Grundstein für die spätere handwerkliche Arbeit seines Sohnes mit den Modellbahnen legte jedoch dessen Onkel, Hermann August Schäche, der in Breslau eine elektromechanische Werkstätte besaß. Schäche fertigte wirklichkeitsnah gestaltete technische Modelle an, um damit Museen zu beliefern. Nach und nach meldeten sich auch Modellbauvereine.

Der spätere Ingenieur Ulrich Schnabel fand an der Arbeit Gefallen und volontierte im Betrieb des Onkels. Ab 1934 belegte Schnabel ein Studium an der Breslauer Hochschule, das er jedoch zwei Jahre später aufgab, um zur Luftwaffe zu gehen. Zeitweise - so entnimmt man der Chronik - diente Schnabel auch als Wehrmachtsfahrlehrer. Während eines Angriffes auf die deutschen Truppen erlitt Schnabel einen bleibenden Gehörschaden.

Mit Kinderwagen

Mittellos kam er 1945 als Heimatvertriebener, zusammen mit seiner Ehefrau Erika und einem Kinderwagen an der Hand, nach Schönhaid. Oberpfalz-Medien hakte, was den Familiensprössling im Gefährt betraf, bei der Familie Schnabel nach. Eine Antwort lieferte der heute in Wilhelmshaven lebende älteste Sohn Dietmar: „Der Bub im Kinderwagen war ich.“

Trotz vieler Probleme wagte Schnabel den Versuch, in Schönhaid Fuß zu fassen. In einer Bodenkammer hatte er sich einen kleinen Arbeitsraum eingerichtet, um als Messer- und Sägenschleifer seine handwerklichen Dienste anzubieten. Ulrich Schnabel strebte aber nach mehr. Aus Flugzeugwracks barg er Teile. Daraus baute er Maschinen mit dem Ziel, damit eine andere Werkstatt auszustatten. Aus alten Konservendosen entstanden Spielzeugeisenbahnen. Angetrieben wurden sie mit ebenfalls aus Fliegern stammenden Kleinelektro- oder Scheibenwischermotoren. Schnabels Erzeugnisse sprachen sich herum; mehr und mehr meldeten sich dafür auch zahlende Abnehmer.

Ganz am Anfang seiner beruflichen Laufbahn, hin zur professionellen Arbeit im Modellbau, stand das Modell eines offenen Güterwagens. Eigentlich hatte er sich den Waggon nur für sich selbst gebaut. Wenig später aber beschloss Schnabel, ein maßstabsgetreues Modell dieses Wagentyps herzustellen. Er wagte sich damit vor ein größeres Publikum. Zudem fotografierte er den offenen Güterwaggon, um die Aufnahme bei einem Fotowettbewerb einzureichen. Schnabel gewann den ersten Preis in Form von (eigentlich wertlosen) 100 Reichsmark. Zudem beschenkte man den Preisträger mit einer redaktionellen Würdigung.

Gutachter beauftragt

Im Februar 1948 stellte Ulrich Schnabel den Antrag zur Errichtung einer „Elektro-Modellwerkstätte“ in Schönhaid. Die amtliche Genehmigung traf im November ein. Da sein Gewerbe nur als „handwerkähnlich“ eingestuft wurde, erfolgte die Eintragung lediglich in der sogenannten „Handwerksnebenrolle“. Schnabel hakte nach. Er beauftragte einen Gutachter, der ihm bescheinigte: „Wohl bestehen ein oder zwei größere Firmen." Gemeint waren wohl Märklin und Trix. Diese jedoch würden nur Spielzeugeisenbahnen herstellen. An anderer Stelle unterstrich der Gutachter, dass die Herstellung „tatsächlicher Modellbahnen“ noch in den Kinderschuhen stecke. Die Zahl der möglichen Kunden schätzte das Gutachten auf rund 60.000 bis 70.000 Modellbaufreunde ein.

Damit hatte Schnabel zwar die gewerberechtlichen Grundlagen geschaffen, einen echten Vorteil gewann er dadurch nicht. Die Weidener Elektroinnung teilte Schnabel mit, dass er dadurch weder berechtigt sei, Lehrlinge auszubilden, geschweige denn ein Anrecht auf Rohstoffzuweisungen hätte. Ulrich Schnabel fand sich damit ab. Trotzdem: Der Anfang war gemacht. Bereits in der zweiten Ausgabe der 1948 gegründeten Fachzeitschrift „Miba“ (Miniaturbahnen) schaltete Ingenieur Schnabel eine Anzeige. Zugute kamen ihm auch die freundschaftlichen Kontakte zum „Miba“-Verleger Werner W. Weinstötter. So erschienen in der „Miba“ auch redaktionelle Beiträge über Schnabels Arbeiten.

Volle Auftragsbücher

Mit der Währungsreform normalisierte sich die Lage auf dem Rohstoffmarkt. Damit meisterte Schnabel die nächste Hürde: Liefersicherheit. An Schnabels Produkten fand nun vermehrt auch das Ausland Interesse. Zur Hand ging Ulrich Schnabel, dessen Auftragsbücher bereits überquollen, ein befreundeter Ingenieur mit Namen Kondziella. Produziert wurde im Schönhaider Mühlenhaus. Dort stand dem Ingenieur ein nur zwei mal vier Meter großer Raum zur Verfügung, der für die zwei vorhandenen Werkbänke und die selbst gebaute Maschineneinrichtung jedoch kaum Platz bot.

1950 erhielt Ulrich Schnabel Post von einem Mann, der - wie er im Brief angab - für ein großes Handelshaus arbeite: „Sie wissen, dass ich für eine große westdeutsche Exportfirma tätig bin und für dieses Haus maßgebend die Abteilungen (…) und Spielwaren bearbeite.“ Zudem mutmaßte der Absender, dass die Gelegenheit, einen Betrieb zielbewusst aufzubauen, (…) sehr günstig sei. Schnabel würde den „entscheidenden Schritt“ nicht bereuen. „Ein Investitionskredit in Höhe von 5000 DM bis 20.000 DM wäre für Ihr Unternehmen ohne weiteres tragbar.“ Der Brief endete mit dem Angebot, den Alleinvertrieb – auch außerhalb Deutschlands – zu übernehmen. Im Sommer 1950 beschloss Ingenieur Ulrich Schnabel, sein zu klein gewordenes Arbeitsumfeld von Schönhaid nach Wiesau zu verlegen.

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Wiesau

„Ulrich Schnabel wurde hineingeboren in die spannungsgeladene Atmosphäre jenes letzten halben Friedensjahres vor Ausbruch der Katastrophe, den die Zeitgenossen den Weltkrieg nennen sollten."

Chronist Thomas Braun

 

 

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