14.03.2021 - 14:24 Uhr
WiesauOberpfalz

Tonwerk Wiesau: Rauchende Schlote und gefragte Produkte

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Die Geschichte des Wiesauer Tonwerks beginnt vor 138 Jahren. Die hohen Schlote wurden bald zu einem Wahrzeichen der Gemeinde. Viele der damals hergestellten Produkte finden auch heute noch Verwendung.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg: Die qualmenden Kamine waren ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Auftragsbücher des Tonwerks voll waren.
von Werner RoblProfil

Die ehemalige Tonwarenfabrik Schwandorf, Werk Wiesau, so der vollständige Name, verdankt ihre Gründung eigentlich den Erdenlagern in Schönhaid. Wegen der kurzen Transportwege, sicher auch weil die neu gebaute Eisenbahn geeignete Vertriebswege versprach, fasste die Schwandorfer Firmenleitung den Entschluss, den Neubau einer Zweigniederlassung in Wiesau voranzutreiben. Es war der Beginn einer Entwicklung, die Wiesau deutlich verändern sollte.

Am 1. August 1883 wurden die fertigen Unterlagen und Pläne beim Bezirksamt Tirschenreuth eingereicht. Grünes Licht folgte bereits 27 Tage später. Für den Neubau entschied man sich für das Marktredwitzer Bauunternehmen Mracek & Mühlhöfer, das binnen weniger Monate ein Betriebsgebäude und einen Gasringofen aus dem Boden stampfte, die das Gemeindebild veränderten. Inzwischen wurden auch 45 Arbeiter angeworben. Am 6. Dezember 1883 verkündete Bürgermeister und Landwirt Johann Lang: „Der Neubau ist vollendet.“ In Wiesau entstanden mit den schlanken Fabrikschloten neue Wahrzeichen. Der Rauch verteilte sich fortan über die Dächer der Gemeinde.

Dunstglocke an Brenntagen

Zudem wurden die viele Meter hohen Türme zu sichtbaren Symbolen der neu hinzugewonnenen Industrialisierung. Sie waren aber auch Stolz der Gemeinde. Vom beginnenden Wohlstand profitierten schließlich viele. Über die Dunstglocke, die an den Brenntagen über Wiesau schwebte, sah man großzügig hinweg. Zum Leidwesen mancher Hausfrauen musste die zum Trocknen aufgehängte Wäsche, wenn sich der Wind unerwartet gedreht hatte, an manchen Tagen aber zweimal gewaschen werden.

Produziert wurde anfangs für den Export nach Böhmen. Im Maschinenhaus arbeitete eine für damalige Verhältnisse moderne 50 PS starke Dampfmaschine. 1889 waren im Tonwerk schon 125 Menschen beschäftigt, 20 Jahre später waren es knapp dreimal so viele. Somit wuchs auch der Ort. Maßgeblichen Anteil am Erfolg hatte Werksverwalter Micheler. Umgangssprachlich sprach man daher auch von der „Wiesauer Tonwarenfabrik von Micheler“, die sich für 10.000 Mark Anteile und somit ein Mitspracherecht an der Schönhaider Kaolin- und Kapselerdegruben GmbH gesichert hatte. 1892 wurden zwei neue Öfen gebaut, um in dem einen Chamottewaren und im anderen – aber nur bis 1911 - Ziegel zu brennen. Eng verbunden mit der späteren Steinzeug-Produktion sind die „Rheinischen Öfen“, die in den Folgejahren die Betriebsausstattung ergänzten.

Moderne Tunnelöfen

Den steilen Aufwärtstrend stoppten die beiden Weltkriege. Einige Zeit diente das Tonwerk auch als Provisorium für das spätere Grenzlager. 1946 wurde im Tonwerk wieder produziert. Im Folgejahr meldete die Firmenleitung eine 50-prozentige Auslastung. Weitere Investitionen folgten in den 1950er Jahren. Unter anderem stand auf dem Werksgelände auch ein Lokomobile. Gaskammerringöfen entstanden. Jahre später folgte ein Röhrensystem mit Tunnelöfen, um die veralteten Brennanlagen abzulösen. Insgesamt waren einst 40 Brennöfen in Betrieb. Zudem wurde im sogenannten „Casino“ eine Porzellandruckerei eingerichtet, in der vor allem Frauen Beschäftigung fanden.

Auch Einmachtöpfe

Die Produktpalette wurde mehr und mehr ausgeweitet. Sie umfasste feuerfeste Steine, Steinzeug für die Landwirtschaft, Einmachtöpfe, Heim- und Gartenkeramik. In den späten 1970er und 1980er Jahren lieferte man auch Stallkeramik aus Kunstharzbeton und vieles mehr. Zu den zweifellos bekanntesten und meist verkauften Produkten zählten aber die Tonrohre, die in verschiedenen Durchmessern, Längen und Varianten noch heute, aber tief vergraben, unter der Erde liegen. Den Rohstoff Ton bezog man aus den eigenen, heute aber nicht mehr genutzten Gruben in Schönhaid, Wildstein (Tschechien), Schönfeld und Frankengrün. 1959 übernahm die Kahla AG, 1972 taucht der Name Hutschenreuther auf. Mit der Übernahme durch die Schiedel GmbH & Co. KG wurde dann in den 1990er Jahren eine völlig neue Ära eingeläutet.

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Wiesau
Hintergrund:

Blick in die Archive

  • Laut einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1890 beschäftigte das Tonwerk auch Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, darunter viele aus Fuchsmühl.
  • 1904 übertrug man dem Wiesauer Metzgermeister Johann Forster die Kantine. Forster musste sich aber verpflichten, dass sich während der Arbeitszeit dort keine Tonwerk-Arbeiter aufhalten dürfen, um Spirituosen zu sich zu nehmen. Zudem durfte Forster nur „gutes und gesundes Bier verschänken“. Laut Wiesauer Chronik, die sich auf eine Erhebung aus dem Jahr 1905 bezieht, holten bei Forster etwa 40 Beschäftigte Wurst und Bier.
  • Die tägliche Arbeitszeit wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf zehn Stunden festgelegt. Dies geht aus der „Arbeitsordnung der Aktiengesellschaft, Thonwarenfabrik Schwandorf“ hervor, die ab Mai 1892 für die Werke Schwandorf, Wiesau und Schwarzenfeld gültig war.
  • Während des Ersten Weltkriegs wurde im Tonwerk auch Schießpulver hergestellt.
  • Vielen noch ein Begriff ist der Name „Tonwerkbad“. Dabei handelte es sich um ein 1950 angelegtes Feuerlöschbecken, das von den Werksangehörigen, später auch von vielen Wiesauern als Freibad genutzt wurde. Dort ereignete sich in den Nachmittagsstunden des 5. April 1970 ein folgenschweres Unglück, bei dem zwei Kinder ums Leben kamen. Die Anlage wurde danach geschlossen.
  • Noch heute erzählen manche Wiesauer vom großen Brand im Tonwerk. Am 21. November 1952 gegen 22.30 Uhr explodierte ein Gasofen. In Sekundenschnelle stand die gesamte Chamotteabteilung in Flammen.

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