05.04.2020 - 10:56 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Corona-Abitur im Fernen Osten

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Das Abitur hat Eric Wenzl gerade noch vor der Schulschließung abgelegt. Seine Schwester Jule hat die Mittlere Reife mit Ausnahmegenehmigung schreiben dürfen. Beide leben mit ihren Eltern in Seoul. Auch in Südkorea bestimmt Corona den Tag.

Eric, Silvia, Jule und Marco Wenzl (von links) berichten von ihrem Leben in Seoul während der Corona-Pandemie. Mit auf dem Bild Dackel "Benny".
von Uwe Ibl Kontakt Profil

"Normalerweise, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause gehe, dröhnt aus den bunt erleuchteten und immer proppenvollen Restaurants das aufgeregte Gespräch der koreanischen Bürobelegschaften", berichtet Vater Marco. In Windischeschenbach hat die Familie ein Haus. Derzeit ist Wenzl beruflich für vier Jahre samt Familie in Seoul.

Dicht an dicht gedrängt, saßen die Menschen in Vor-Corona-Zeiten an den kleinen Tischen und teilten sich schmackhafte Gerichte, die in der Mitte des Tisches frisch und dampfend zubereitet werden. Dazu gibt es frisch gezapftes Bier oder ein Stamperl Soju, die koreanische Variante des Reisschnapses. "Es erinnert mich immer ein wenig an die Atmosphäre am Zoigl."

Seit einigen Wochen sind die Restaurants leer. Die Besitzer stehen, auf Kunden wartend, vor ihren Mini-Gasthäusern. "Sie bitten mich hereinzukommen. Ich lehne dankend ab – meine Frau Silvia hat zuhause schon lecker gekocht."

Gelber Staub

Seit gut sechs Wochen fährt man in Seoul schon im "Corona Modus". Viele große Firmen haben auf Homeoffice umgestellt, um ihren Angestellten die teils langen Anfahrtswege und die damit verbundene Zeit in den proppevollen Bahnen und Bussen zu ersparen. Für diejenigen, die dann doch ins Büro müssen, hat man die Arbeitszeit flexibilisiert. Die einen kommen schon um halb Acht, die anderen erst um zehn Uhr, weiß Wenzl. "Nahezu alle Menschen auf den Straßen tragen Mundschutz." Vielen taten dies auch schon vor dem Virus wegen des gelben Feinstaubs, der an manchen Tagen in der Luft liegt.

"Jetzt fällt mir auf, dass ich so ziemlich der Einzige bin, der ohne Maske unterwegs ist. Ich fasse mit meiner linken Hand in die Jackentasche." Dort bewahrt hat er seine Maske auf. "Sobald ich in die U-Bahn hinuntergehe, in den Bus oder die Bahn einsteige, ein Gebäude oder ein Geschäft betrete, setze ich sie auf." Das mache die Menschen dort entspannter und gibt auch dem Oberpfälzer in der Heimat auf Zeit ein Gefühl der Sicherheit angesichts der Nähe, in der die Menschen dort zusammenstehen.

Gespenstisch leere Straßen

"Gerade Anfang Februar, als es hier in Südkorea so richtig mit den ersten Fällen losging, war diese Ruhe auf den Straßen, das Nichtvorhandensein des sonst so pulsierenden Lebens in der Millionenmetropole Seoul gespenstisch", erinnert sich der 45-Jährige. "Fast keine Autos mehr auf den Straßen, die Busse und Restaurants leer."

Seit Mitte Februar hat auch die Schule der Kinder die Pforten geschlossen. Der Unterricht findet seitdem online statt. "Die Schüler bekommen die Aufgabenpakete mit einem Abgabetermin per E-Mail zugeschickt und müssen diese selbständig zuhause bearbeiten." Zu festgelegten Zeiten treffen sich die Klassen im virtuellen Klassenzimmer, und der Fachlehrer trägt Infos zum aktuellen Thema vor. "Hat ein Schüler eine Frage, dann stellt er sie und bekommt sie beantwortet. Ist ein bisschen wie im richtigen Leben", meinen Eric und Jule. "Manchmal stehe ich in der Türe, verfolge interessiert so eine digitale Unterrichtsstunde und frage mich, wie es gewesen wäre, wenn wir das früher schon gehabt hätten", überlegt Vater Marco.

Im Sommer Brauerlehre

Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten hat sich mittlerweile eine Routine bei den Schülern und den Lehrern eingestellt. "Ich bin froh, dass unser Sohn Eric noch vor der Schulschließung alle seine Abschlussprüfungen fürs Abitur schreiben konnte." Im Sommer nach dem Ende der Zwölften geht er nach Deutschland zurück und startet in der Oberpfalz eine Lehre zum Brauer und Mälzer. Der Vater spricht davon, dass das nach all den Jahren im Ausland eine gute Gelegenheit für ihn sei, Erdung mit der Heimat herzustellen.

Prüfung mit Maske

"Auch unsere Tochter Jule hatte Glück." Mit einer Ausnahmegenehmigung durch die Seouler Schulbehörde durfte der Jahrgang 10 die Zentralen Prüfungen für die Mittlere Reife in den Räumen der Schule schreiben. Auflage: Kranke bleiben zuhause. Bei allen Teilnehmern und den Aufsichtspersonen wurde vor dem Zugang zum Gebäude an der Stirn Fieber gemessen. Alle mussten während der gesamten Zeit einen Mundschutz tragen. Der Abstand zwischen den einzelnen Prüflingen musste mindestens 1,5 Meter betragen. Nach drei Tagen hatte sie es geschafft. So eine Prüfung vergisst man nicht, egal wie das Ergebnis ausfallen wird.

"Wir haben im Familienkreis diskutiert, ob es für meine Frau Silvia und die Kinder eine Option wäre, nach Deutschland zurück zu fliegen." Von dort bekamen sie von den Freunden immer wieder Bilder von leeren Regalen zugeschickt. Außerdem hörten die Wenzls von den unkontrollierten Hamsterkäufen. "Das haben wir während der gesamten Zeit hier in Seoul kein einziges Mal erlebt." Nach reiflicher Überlegung kamen Vater. Mutter und die beiden Kinder überein, dass es momentan die beste Option sei, samt Dackel "Benny" vor Ort in Seoul zu bleiben.

Das gesellschaftliche Leben ist auch in der Hauptstadt Südkoreas eingeschränkt. Museen, Kinos, Fitnessstudios sind geschlossen. Gottesdienste finden, wenn überhaupt, online statt. "Aber die Maßnahmen der koreanischen Regierung scheinen zu greifen", urteilt Wenzl. Man setze auf großflächige Corona-Tests und eine konsequente Nachverfolgung der Kontaktpersonen bei positivem Ergebnis. "Unsere koreanischen Gastgeber sind sehr diszipliniert und vielleicht auch krisenerprobter als wir, schließlich leben sie bereits seit 1953 in einem Waffenstillstand mit ihren Nachbarn aus dem Norden." Eines ist Wenzl am Ende ganz wichtig: "Wir wünschen uns sehr, dass sich die Situation in naher Zukunft verbessert und senden allen Freunden und Bekannten die besten Wünsche in die schöne Oberpfalz."

Eric, Silvia, Jule und Marco Wenzl (von links) berichten von ihrem Leben in Seoul während der Corona-Pandemie. Mit auf dem Bild Dackel "Benny".
Eric, Silvia, Jule und Marco Wenzl (von links) berichten von ihrem Leben in Seoul während der Corona-Pandemie. Mit auf dem Bild Dackel "Benny".

Familie Wenzl: Aus der Oberpfalz in die Welt

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