09.09.2019 - 15:11 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Die Seele des Zoigls erkunden

Die Zoiglkultur als immaterielles Kulturerbe, die sinnliche Erfahrung beim Biergenuss und der Mensch als süchtiges Wesen sind in der Zoiglstube "Beim Gloser" Themen zum Auftakt des Zoigltages. Sogar das Ohr hat seine Bedeutung fürs Bier.

Referentin Anna Schieder
von Redaktion ONETZProfil

"Als immaterielles Kulturerbe versteht man im Gegensatz zu unbeweglichen beeindruckenden Bauten, Städten, Naturräumen und Landschaften Kulturgut wie Bräuche und lebendige, gelebte Traditionen, Handwerkstechniken, Feste, Dialekte, tradiertes Wissen, Kunstfertigkeiten oder Kulturräume", sagte der stellvertretende Bezirksheimatpfleger Florian Schwemin. Der gebürtige Mittelfranke erinnerte daran, dass die Unesco 2003 das „Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ auf den Weg bracht. Noch im gleichen Jahr sei es von Deutschland angenommen worden.

Damit wolle man verhindern, dass alte Gewohnheiten verschwänden, die Kultur verflache und Heimat als Gegenpol zur Globalisierung gesehen werde. "Dazu gehört auch die Zoiglkultur, die aber wie alle Bräuche den Wandel der Zeit mitmachen muss." Dass die fünf Zoiglorte Verbindungen schaffen, entspreche dem Unesco-Ziel, die Tradition weiterzuführen.

„Bier mit allen Sinnen zu erleben“, war das Thema von Biersommeliére Anna Schieder. Sie stammt aus der Zoiglstube und brachte so manch nicht bewusst Wahrgenommenes ans Tageslicht. "Alle fünf Sinne wirken auf die Empfindungen des Menschen ein – auch beim Biergenuss." Eine untergeordnete Rolle spiele der Hörsinn. "Doch schon das Öffnen einer Bierflasche mit Zischen oder einem Plopp-Geräusch, das Anstoßen mit einem Glas macht Lust auf den ersten Schluck."

Großen Einfluss habe der Sehsinn angefangen von der Farbe des Bieres und der Schaumbeschaffenheit bis hin zur Glasform. Der Geschmackssinn unterscheide, ob das Bier eher süß durch Malz, säuerlich, etwas salzig oder bitter durch bestimmten Hopfen schmecke. Mit dem Geruchssinn ermittelt man vor dem Trinken, aber auch nach dem Schlucken, bei dem Aromen zurück in die vielen tausend Sinneszellen der Nase gelangen, wie gut das Getränk mundet.

Malz bestimme den „Körper des Bieres“, Farbe und Geschmack. Der Hopfen – eher bitter, fruchtig, grasig oder blumig – sei die „Seele des Bieres“. Ebenso unterschiedlich fallen die Hefe und das Wasser im Geschmack aus. Nicht zu unterschätzen sei auch der Tastsinn: Man fühlt das Bier, sein Gewicht, die Stärke des Glases oder Kruges, merkt im Mund, ob es schäumt, prickelt, die passende Temperatur hat. Zum Schluss wünschte sie viel Spaß beim Probieren der verschiedenen Zoiglbiere, die meist hell bis bernsteinfarben, leicht trüb und opalisierend, wenig schäumend und eher malzbetont sind.

Referent Dr. med. Markus Wittmann

Zunächst hielt Dr. Markus Wittmann die Anfrage für eine Witz. Doch schnell war klar, dass der ärztliche Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof am Zoigltag tatsächlich über „Bierkonsum – zwischen Genuss und Sucht“ referieren werde. Wittmann stammt aus der Hallertau. Deshalb schätze er die Hopfennote, bekannte er. Er selbst genieße alkoholfreies Bier.

Als Suchtmediziner wolle er den Alkohol nicht verteufeln. Schließlich trage er zur seelischen Gesundheit bei. Allerdings müsse er in Maßen bei gesundem Menschenverstand genossen werden. Humorvoll stellte er dar, wie von früher Zeit bis heute der Mensch als süchtiges Wesen dazu neigt, genussvolle Dinge im Übermaß zu sich zu nehmen. "Durch die derzeitige hohe Lebenserwartung sind im Laufe der Jahre Schädigungen bei starkem Alkoholgenuss erkennbar."

Wittmann sprach auch von einem gesellschaftlichen Problem, Alkohol werde konsumiert, um sich ein Stück von der Realität zu entfernen. Alkoholabhängigkeit betreffe 1,8 Millionen Menschen in Deutschland. Bei höherem Lebensstandard gehe der Alkoholgenuss zurück. Der Jahresbierkonsum pro Kopf sei von 35 Litern im Jahr 1950 bis 1990 auf 142 Liter gestiegen und betrage nun, bei Einbeziehung von alkoholfreiem Bier, 102 Liter.

Auch in geringen Mengen sei Alkohol schädlich. "Doch ständige Verbote und Hinweise bringen nichts." Jeder müsse wissen, wie er genieße oder sein Leben ruiniere. "Das ist auch so, wenn jemand täglich Mountainbike fährt oder Schweinsbraten isst." Fazit des Mediziners: "Lassen Sie es sich schmecken, aber nicht zu viel!"

Hans Franz zeigt den Gästen das Neuhauser Kommunbrauhauses.

In allen Orten waren am Zoigltag Führungen durchs Kommunbrauhaus bei den Besuchern gefragt. Hans Franz erklärte in Neuhaus bei vier Touren im Zweistundenabstand die Geschichte des Brauhauses und die Vorgänge beim Brauen. Als Besonderheit und der Steigerung der Qualität dienend, bezeichnete Franz das offene Kühlschiff. Dort ist das Bier eine Nacht lang der Außenluft ausgesetzt.

Franz stellte klar, dass „Echter Zoigl vom Kommunbrauhaus“ ein untergäriges, ungefiltertes, Bier mit etwa 12 Prozent Stammwürzegehalt und 5 Prozent Alkohol ist, gebraut nach dem Reinheitsgebot im Brauhaus, vergoren im eigenen Keller des jeweiligen Brauberechtigten, im Ort der Herstellung ausgeschenkt, verbunden mit guter Hausmannsbrotzeit und genossen in geselliger Runde. "Es ist bodenständig und herb wie unsere Landschaft“, beschrieb es ein Brauer. Franz schloss seine detaillierten Ausführungen mit einem Gedicht: „Auf Erden bist du nur ein Gast. Bedenke, Mensch, dass du musst wandern, und was du nicht getrunken hast, das trinken dann die andern.“

Eröffnung des Zoigltags in Windischeschenbach
Für viele Besucher bot der Zoigltag erstmals die Gelegenheit ein Kommunbrauhaus von innen zu sehen wie hier das offene Kühlschiff unterm Dach in Neuhaus.

Zur Eröffnung des Zoigltages

Windischeschenbach
Eslarn

Der Zoigltag in Mitterteich und Falkenberg

Falkenberg

Der Zoigltag in Eslarn

Eslarn
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