Wenn man Thomas Freitag mit seinen gut 71 Jahren auf der Bühne erlebt, dann ist das auch ein Stück deutsche Kabarettgeschichte, das vergegenwärtigt wird. Sein Name steht in einer Reihe mit Dieter Hildebrandt, Matthias Beltz, Hans Dieter Hüsch, Richard Rogler und Georg Schramm – drei von ihnen sind bereits verstorben, zwei in „Rente“. Es gibt sie also nicht mehr in großer Anzahl jene Urgesteine, jene Giganten des (politischen) Kabaretts, die Witz, Niveau und Gesellschaftskritik so schlüssig miteinander verbinden. Freitag kommt aus einer Zeit, als der Begriff Comedy noch nicht geboren wurde, als das Schielen nach Likes oder gehobenen Daumen in so genannten „Sozialen Medien“ noch lange nicht auf der Tagesordnung war, als man Kabarett auch durchaus als Bildungsveranstaltung verstehen konnte.
Aus dieser „Herkunft“ macht Freitag auf der Futura-Bühnen keinen Hehl, denn wer traut sich heute schon mit einer Kurzabhandlung über Schopenhauers Verständnis von Mensch und Raubtier in ein abendfüllendes Programm einzusteigen? „Hinter uns die Zukunft“ lautet es, angelehnt an sein 2020 erschienenes autobiographische Buch. Kabarett-Grandseigneur Freitag liest, spielt, erzählt: Aus seinem Leben, über seinen Weg auf die Bühne, aus Höhepunkten vergangener Programme, über die aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklung. So erfahren die Zuhörer, warum der Mensch bei Lieferung dringend einen Beipackzettel beziehungsweise eine Bedienungsanleitung bräuchte, warum Wonneproppen Thomas von seinen Geschwistern „Dicki“ genannt wurde und wie er Familienfeiern mit Opernarien begeisterte.
Parodiert Kohl, Wehner, Blüm und Brandt
Trotz seiner „postparodistischen Belastungsstörung“ macht Freitag am Sonntagabend natürlich auch das, was ihn so überaus bekannt gemacht hat: Er nimmt die Politiker vom alten Schlag aufs Korn und parodiert sprachlich, mimisch und gestisch in trefflicher Weise unter anderem „Bimbes“-Kanzler Helmut Kohl, Herbert Wehner, Norbert Blüm, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Für die ganzen Corona-Verschwörungstheoretiker und querdenkenden Schwurbler stimmt Freitag sogar eine eigene Arie an, in der natürlich nicht nur Bill Gates vorkommt, sondern auch Schalke 04, Rumänien, Peter Maffay und geöffnete Fenster. Zwischendrin berichtet Freitag vom Beginn seiner Karriere und was Gert Fröbe sowie Dieter Hallervorden damit zu tun haben. Ein Höhepunkt des Abends ist es, wenn sich der Mann auf der Bühne mit dem Niedergang der deutschen Sprache befasst („Friedhof der Substantive“), das allumfassende Wort „geil“ aufs Korn nimmt oder das Schreckensszenario vorspielt, dass Facebook ein Staat sei („Ein alter Schulkamerad klingelt nach Jahrzehnten morgens an der Haustür und will mit mir befreundet sein!“).
Ein letzter Auftritt?
Und schließlich schlüpft Freitag auch noch in die Rolle von Friedrich Schiller, der mit seinem Verleger das Manuskript von „Die Räuber“ bespricht: Schon der Titel sei zu „viel zu männlich“, idealerweise benenne man das Drama um in „Die Räuberin“. Aus der Hauptperson Karl Moor müsse man dementsprechend, um es politisch korrekt und für die Leserschaft interessant zu halten, Karla Moor machen, eine schwedische Kommissarin, die es Pilcher-mäßig nach einem Burnout (oder war das der Adelige mit Pferd?) nach Cornwall verschlagen habe, am besten noch geschmückt mit einem Intim-Piercing. Mit der Zeit bekommt diese „Neuinterpretation“ immer mehr Loriot’sche Züge, die vom Publikum mit vielen Lachern aufgenommen wird.
Der ganze Abend hat den Charakter einer Retrospektive, fast schon einer kabarettistischen Lebensbilanz. Es wäre äußerst schade, wenn Freitag damit seinen Bühnenabschied einläutet: Die Szene würde damit nämlich – das macht der Auftritt in der Oberpfalz deutlich – einen ihrer brillantesten Köpfe verlieren.
















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