01.07.2021 - 10:06 Uhr
WinklarnOberpfalz

Rückblick auf 250 Jahre Hinterglasmalerei in Winklarn

Die Kunst der Hinterglasmalerei war einst eine Winklarner Domäne. Untrennbar sind die Familiennamen Rott und Ruff mit diesem Kapitel Heimatgeschichte verbunden. Genaue Einblicke vermittelt ein Vortrag beim Volksbildungswerk.

Dr. Reiner Reisinger referiert über die Winklarner Hinterglaskunst. Während des Vortrags sind hinter ihm zwei Darstellungen des heiligen Georg in zwei verschiedenen Malweisen zu sehen: links ein Bild der Winklarner Schule, rechts die Schönsteiner Malweise.
von Annemarie MösbauerProfil

Bei einem Vortragsabend des Volksbildungswerks Oberviechtach-Schönsee referierte Dr. Reiner Reisinger im Thammerhaus über die Winklarner Hinterglasmalerei. Reisinger gilt als Fachmann für diese Kunstgattung. Bei der Präsentation der Forschungsergebnisse zu dieser Thematik ist Reisinger – sowohl im Dokumentationszentrum in Winklarn als auch im Schwarzachtaler Heimatmuseum in Neunburg – maßgeblich beteiligt.

Der Referent ließ 250 Jahre Hinterglasmalschule in Winklarn Revue passieren. Zunächst erläuterte er die besondere Technik. Nach seinen Worten war die Herstellung des Malgrundes Glas nicht einfach. Mit Mund und Atem gefertigte Glasblasen wurden an beiden Enden abgeschnitten und es entstand ein Glaszylinder. Dieser wurde aufgeschnitten und flach gedrückt, um eine Glasscheibe zu erzeugen. Die Originalscheiben hatten häufig kleine Fehler wie Unebenheiten oder Luftblasen.

Die Glasscheiben bezogen die Maler hauptsächlich aus Charlottenthal bei Schönsee. Die Grundlage für die Malerei bildeten die Skizzen, die sogenannten Risse. Diese legten die Maler unter die Scheibe und übertrugen die Konturen auf das Glas. Dann folgte die Gestaltung der Fläche. Fehler durften nicht passieren, denn Korrekturen waren fast nicht mehr möglich. Eine Rechnung belegte, dass die Maler ihre Farben von einer Firma aus München bezogen und diese vom Bahnhof in Bodenwöhr abgeholt werden mussten.

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Winklarn

Die bedeutendsten Malerfamilien aus Winklarn waren Rott und Ruff. Die Anfänge der Familie Rott reichen laut Reisinger ins 18. Jahrhundert zurück. Thomas Aquinus Rott (1766 bis 1841) bildete damals schon aus, wie ein erhaltenes Lehrzeugnis beweist. Mit diesem Dokument ist auch der Begriff der „Winklarner Schule“ gegründet. Magdalena Rott heiratete Christian Ruff, und deren Söhne setzten die Tradition später fort. Wie der Referent ausführte, gelte Thomas Aquinus Rott als Ausbilder von Carl Ruff dem Älteren. Er sei somit das Bindeglied zwischen der früheren und späteren Malweise.

Die Motive in der Hinterglaskunst waren breit gefächert. Sie reichten von Andachtsbildern, ganzen Kreuzwegen, Votivbildern, Heiligenbildern bis zu profanen Darstellungen, wie beispielsweise den vier Erdteilen. Besonders weit verbreitet ist die Schwarze Madonna aus Altötting und die Amberger Maria-Hilf-Madonna. Die meisten noch erhaltenen Bilder stammen aus der Werkstatt Ruff.

Die verwandtschaftliche Verbundenheit und die Lehrmeistertätigkeit der Rotts werden in den Bildern beider Familien deutlich. Oft können sie nur durch die Signatur oder die Jahreszahl zugeordnet werden. Auch das vorhandene Rissmaterial (von 1779 bis Anfang des 20. Jahrhunderts) im Museum in Regensburg beweist, dass die Ruffs Schüler der Rotts waren. In diesen Unterlagen findet sich auch der Hinweis, dass Carl Ruff auf einer neunjährigen Wanderschaft auch bis nach Graz war. Wie der Referent ausführte, stellte die Hinterglasbilder damals nur einen kleinen Teil des Broterwerbs dar. Die Maler nahmen auch kleine Schnitzereien vor, fertigten Bilderrahmen, erledigten Vergoldungs-, Anstreicher- und Tapeziererarbeiten sowie Restaurationen und die Gestaltung verschiedener Tafeln, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Der Winklarner Schule zuzuordnen seien auch einzelne Werke der Maler Ebner, Schwab, Wellnhofer und Wüstner. Als Letztgenannter nach Schönstein heiratete, nahm er dort die Maltechnik seines Schwiegervaters Peterhansl an, wie Reisinger Reisinger am Beispiel einiges heiligen Georg zeigte: Während die Winklarner Bilder naturalistischer und plastischer ausfallen, seien die Schönsteiner Motive planer und mit deutlichen Umrissen gestaltet.

Bilder der Winklarner Schule finden sich in halb Europa, in verschiedensten Museen oder Kirchen und Kapellen. Dabei werde deutlich, so Reisinger, dass viele Risse mehrmals verwendet, aber unterschiedlich gestaltet wurden. Am besten erhalten seien die Votivbilder in Kapellen, die Andachtsbilder wären oft der Modernisierung der Häuser zum Opfer gefallen.

"Die Bilder der Winklarner Schule sind geprägt von der herben Oberpfalz, den Bedürfnissen der Auftraggeber und der Arbeit als Handwerker mit künstlerischen Fähigkeiten", fasste Reiner Reisinger seine Ausführungen zusammen. Mit verschiedenen Bilder verdeutlichte der Referent noch seine Forschungsergebnisse. Im Anschluss besuchten die Zuhörer noch das Dokumentationszentrum Hinterglas an der Thomas-Aquinus-Rott Grundschule Winklarn-Thanstein.

Nachkommen der Winklarner Künstlerfamilien gehen auf Spurensuche in der Oberpfalz

„Die Bilder der Winklarner Schule sind geprägt von der herben Oberpfalz, den Bedürfnissen der Auftraggeber und der Arbeit als Handwerker mit künstlerischen Fähigkeiten.“

Referent Dr. Reiner Reisinger

Dieses Votivbild von Carl Ruff dem Älteren mit einer Pieta und dem heiligen Wendelin weißt die typische Dreiteilung mit Schriftzug, Tiermotiv und dem angerufenen Heiligen auf.
Dieses frühere Werk von Carl Ruff dem Älteren erinnert in der Malweise noch sehr an seinen Lehrmeister Thomas Aquinus Rott. Motiv ist die Darstellung einer Pieta.
Hintergrund:

Das Dokumentationszentrum Hinterglasmalerei

  • Zweck: Das Dokumentationszentrum Hinterglasmalerei in Winklarn informiert in einer Dauerausstellung über alle Facetten der Hinterglasmalerei.
  • Ausstellungsort: Die Thomas-Aquinus-Rott-Grundschule ist nach einem bedeutenden Vertreter der örtlichen Hinterglasmalerei benannt. Eröffnet wurde das Dokumentationszentrum im Jahr 2013.
  • Geschichte: Die Hinterglasmalerei wurde in Winklarn von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts praktiziert.
  • Bedeutende Vertreter sind die Familien Rott/Roth und Ruff. Aber auch die Familien Wellnhofer, Schwab, Ebner und Wüstner brachten Maler dieses Metiers hervor. Mitunter bestanden Verwandtschafts- und Ausbildungsverhältnisse untereinander.
  • Ein Arbeitskreis unter Leitung von Maria Baumer widmet sich der Erforschung und der Präsentation der Winklarner Malergeschichte, die für den Ort als Alleinstellungsmerkmal gilt.
  • Öffentliche Sammlungen von Hinterglasbildern befinden sich auch in den Museen in Neunburg vorm Wald und Oberviechtach.

Weitere Informationen zum Thema HInterglaskunst

 

 

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